In Deutschland erleiden jährlich rund 270 000 Personen einen Schlaganfall. Knapp 1000 Menschen pro Jahr werden im Marburger Universitätsklinikum behandelt.

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Marburg. In Deutschland erleiden jährlich rund 270 000 Personen einen Schlaganfall. Knapp 1000 Menschen pro Jahr werden im Marburger Universitätsklinikum behandelt.

"Der Schlaganfall ist dasjenige Krankheitsbild, das die größ;ten Behinderungen verursacht und die meisten Kosten", sagt Professor Lars Timmermann, Direktor der Klinik für Neurologie und Leiter des Zentrums für Notfallmedizin.

Wie wichtig die schnelle Versorgung von Menschen nach einem Schlaganfall ist, macht folgende Zahl deutlich: Ohne Hilfe sterben nach einem Schlaganfall 714 Kilometer Nervenbahnen in dem betroffenen Gehirn ab, so viel wie bei gesunden Menschen in dreieinhalb Jahren.

Patienten wird Katheter ins Gehirn eingeführt, durch den der Thrombus abgesaugt wird

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Durch die Einführung eines Notfallteams Schlaganfall hat das UKGM einen Schwerpunkt auf die sofortige Versorgung der Patienten nach ihrem Eintreffen in der Notaufnahme gesetzt. Ein Team aus allen beteiligten Fachdisziplinen (Neurochirurgen, Neurologen, Radiologen und Notfallmediziner) steht bereits beim Eintreffen des Patienten bereit, um unmittelbar alle notwendigen Maß;nahmen in die Wege zu leiten – und somit die Zeit bis zum Beginn der Therapie möglichst niedrig zu halten, berichtet Timmermann.

Bei vier von fünf Schlaganfallopfern ist die Verstopfung einer Ader die Ursache, jeder fünfte Schlaganfall ist auf eine Hirnblutung zurückzuführen. Vor der Therapie ist deswegen die Ursache für den Schlaganfall abzuklären – meist durch moderne Bildgebungsverfahren wie etwa das CT. Nur wenn sicher ist, dass es sich um eine verstopfte Ader handelt, wird damit begonnen, das Gerinnsel im Gehirn mit Medikamenten aufzulösen.

"Bei Hirnblutungen würde diese Therapie den Patienten noch mehr schädigen", sagt Timmermann. Bei allen anderen ist die so genannte Lyse-Therapie das Mittel der Wahl, die Zufuhr eines thrombus-auflösenden Mittels. Dabei zählt jede Minute: Je schneller mit der Therapie begonnen werden kann, desto größ;er sind die Chancen, dass beim Patienten keine oder keine schweren dauerhaften Schäden zurückbleiben. Lars Timmermann berichtet, dass viele Patienten schon gut 20 Minuten nach Eintreffen in der Notaufnahme versorgt sind.

Um dieses Ziel zu erreichen, sind die Mitarbeiter speziell geschult worden, etwa durch die Simulation der Behandlung an einem Dummy. Der Schlaganfall-Station stehen rund um die Uhr alle Verfahren der modernen Diagnostik und Therapie einschließ;lich der Lyse-Behandlung zur Verfügung.

Wegen der besonderen Bedeutung der schnellen Behandlung sind die Spezialisten sieben Tage in der Woche an jeweils 24 Stunden im Einsatz. Und: "Entscheidend sind die kurzen Wege", sagt Timmermann, "weil jede Minute zählt".

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Neuere Studien zeigen, dass auch Patienten, die einen Schlaganfall beispielsweise im Schlaf erlitten haben, nach deutlich mehr als sechs Stunden und bis zu 24 Stunden noch geholfen werden kann, berichtet Timmermann.

Anders als bei der Lyse-Therapie wird bei diesen Patienten ein Katheter in die betroffene Hirnregion eingeführt, durch den der Thrombus abgesaugt wird. Timmermann ist begeistert von den Möglichkeiten, die diese Therapie bietet: Die Sterblichkeit spätbehandelter Patienten sinkt deutlich ebenso wie die Zahl der Patienten, bei denen schwere Behinderungen zurückbleiben.

Mittlerweile sind mehr als 100 Patienten mit der so genannten Thrombektomie am UKGM behandelt worden. Die Methode ist wissenschaftlich anerkannt – und Lars Timmermann hofft, dass "wir eine der größ;ten Schlaganfallkliniken werden".

Von Till Conrad