Rüsselsheim: Opel will bis zu 2000 Arbeitsplätze auslagern

Opel und die Mutter PSA machen Ernst: Bis zu 2.000 Arbeitsplätze des Rüsselsheimer Entwicklungszentrums sollen ausgelagert werden.

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RÜSSELSHEIM. Worüber vor einigen Monaten noch spekuliert wurde, tritt nun ein: Opel und die französische Mutter PSA wollen Teile des Rüsselsheimer Entwicklungszentrums an den französischen Ingenieurdienstleister Segula Technologies abgeben. Sollten die Pläne Realität werden, lagert der Autobauer bis zu 2000 der aktuell knapp 7000 Arbeitsplätze der Ideenschmiede an Segula aus.

Wie aus Mitteilungen von Opel und Segula hervorgeht, führen die beiden Unternehmen derzeit exklusive Gespräche über eine „mögliche strategische Partnerschaft“. Nach Angaben von Opel-Chef Michael Lohscheller will der französische Dienstleister in Rüsselsheim nicht nur ein eigenes Kompetenzzentrum gründen, sondern den Standort auch zur Europazentrale machen.

Lohscheller betonte in einer Telefonkonferenz, dass sich der Autobauer im Fall der Fälle von Teilen des Entwicklungszentrums komplett trennen will. Sollte es zu einer Einigung kommen, werde es kein Gemeinschaftsunternehmen geben, sondern Segula werde 100 Prozent der abzugebenden Teile halten. Um welche es sich genau handelt, dazu machte er noch keine Angaben.

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„Wir gehen jetzt die einzelnen Bereiche des Entwicklungszentrums durch und werden den Vorschlag im Detail mit unseren Sozialpartnern diskutieren“, so Lohscheller. Man wolle das zügig zu einem Abschluss bringen, „denn dann haben wir wirklich die Arbeitsplätze gesichert.“ Fest steht indes, dass der Rüsselsheimer Werkzeugbau und das Opel-Testzentrum in Dudenhofen nicht betroffen sind. Pläne, weitere Teile des Entwicklungszentrums an andere Dienstleister zu verkaufen, gibt es nach Angaben des Chefs nicht.

„Drastischer Rückgang an Arbeitsaufträgen“

Als Grund für das Trennungsvorhaben nannten die Rüsselsheimer die sinkende Auslastung des Entwicklungszentrums. Lohscheller sprach von einem „drastischen Rückgang an Arbeitsaufträgen durch externe Unternehmen“. Damit ist die frühere Opel-Mutter GM gemeint, deren Orders langsam aber sicher auslaufen. „Das Ziel ist klar: Wir wollen die Arbeitsplätze in der Entwicklung in Rüsselsheim langfristig sichern“, erklärte Lohscheller. „Niemand muss umziehen, niemand muss sich Sorgen um den Beschäftigungsschutz machen“.

Laut Segula-Deutschland-Chef Martin Lange beabsichtigt das Unternehmen, den bei Opel bis Juli 2023 geltenden Schutz vor betriebsbedingten Kündigungen aufrechtzuerhalten. Segula arbeitet für eine Reihe auch deutscher Autohersteller. PSA ist bereits Kunde, Opel noch nicht. Da der Dienstleister auch in den Bereichen Energie, Bahn und Schifffahrt aktiv sei, würden die bisherigen Opel-Entwickler „auch neue Bereiche außerhalb der Automobilindustrie abdecken, um unsere weltweiten Kunden zu bedienen“, erklärte das Familienunternehmen.

Betriebsrat wird per E-Mail informiert

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Die brisante Nachricht erreichte den Opel-Betriebsrat per E-Mail. Dass der Rüsselsheimer Autobauer Teile des Entwicklungszentrums an den französischen Ingenieurdienstleister Segula abgeben und damit bis zu 2000 der knapp 7000 Arbeitsplätze der Ideenschmiede auslagern will, „haben wir heute Morgen erstmals zugestellt bekommen“, heißt es in einer internen Mitteilung an die Mitarbeiter vom Mittwoch.

Die IG Metall erführ darüber nach eigenen Angaben „wiederum über die Medien“. Jörg Köhlinger, der Leiter des Bezirks Mitte, macht seinem Ärger Luft: „Das Management von PSA hat noch immer riesige Probleme mit der Mitbestimmung und dem fairen Umgang mit Beschäftigten, Betriebsräten und IG Metall.“ Wie der Betriebsart will auch die Gewerkschaft die Pläne „sehr kritisch prüfen“. Bei jedweder strategischen Partnerschaft „kommt es auf die Konditionen an“, so Köhlinger weiter.

PSA-Chef Carlos Tavares hat derweil klare Vorstellungen, wie die Arbeitnehmervertreter nun reagieren sollten. „Ich erwarte mir auf dem Wege der Mitbestimmung die Unterstützung der Arbeitnehmer“, sagte PSA-Chef Carlos Tavares der FAZ. „Wir sind nicht hier, um Spielchen zu spielen oder zu taktieren.“

PSA-Boss Tavares: „Wir spielen keine Spielchen“

Nicht zuletzt gehe es darum, „dass wir die Ressourcen schützen, die wir brauchen, um künftig ein starkes eigenes Entwicklungszentrum zu betreiben – in dem die neuen Opel hier in Rüsselsheim gestaltet und entwickelt werden. Und wo wir zudem globale Aufgaben für den PSA-Konzern angesiedelt haben“, so Tavares. Opel-Entwicklungschef Christian Müller ergänzt: „Die „strategische Partnerschaft würde es uns ermöglichen, unsere Entwicklungs-Infrastruktur vollständig auszulasten.“

Ein aktuelles Stimmungsbild aus dem Opel-Sitz gibt es noch nicht. Aber als die französische Zeitung „Le Monde“ Anfang Juli erstmals Meldungen über Veräußerungsgespräche in Umlauf brachte, habe sich die Bereitschaft der Beschäftigten, zu einem französischen Dienstleister zu wechseln, in engen Grenzen gehalten, heißt es in Firmenkreisen. Seinerzeit war Opel-Betriebsratschef Wolfgang Schäfer-Klug außer sich, hielt die Pläne für „existenzgefährdend“. In der Belegschaft gebe es die Angst, dass die Marke Opel diese Operation nicht überleben werde. Allerdings war zu dem Zeitpunkt der potenzielle Übernehmer noch nicht bekannt. Zudem war damals von 4500 betroffenen Mitarbeitern die Rede. Jetzt sind es bis zu 2000. Schließlich hieß es in früheren Berichten, dass ganze Bereiche des Entwicklungszentrums zum Verkauf stünden. Jetzt sollen offenbar bestehende Abteilungen verkleinert werden.

Opel-Betriebsrat hält sich bedeckt

Nach Ansicht von Opel-Chef Michael Lohscheller hat Segula nun ein „sehr überzeugendes Konzept“ zum Ausbau seiner Deutschlandaktivitäten vorgelegt. Segula-Manager Laurent Germain betont, das eine strategische Partnerschaft „der Schlüssel für das Erreichen unseres Ziels wäre: bis 2023 der weltweit führende Dienstleister für automobile Lösungen zu werden“. Da man auch in den Segmenten Energie, Bahn und Schifffahrt aktiv sei, könnten die bisherigen Opel-Entwickler „auch neue Bereiche außerhalb der Automobilindustrie abdecken“.

Der Betriebsrat gab noch keine Stellungnahme ab. Zunächst soll das Management das Vorhaben genauer erläutern. Für Donnerstag-Nachmittag sei „kurzfristig ein erster Termin vorgesehen, um sich die Planungen vorstellen zu lassen“, heißt es in der Mitteilung an die Belegschaft.