Studie: Zeitungszustellung bald unwirtschaftlich

Eine Studie der Schickler Unternehmensberatung sieht für weite Teile der Zeitungszustellung bald keine Wirtschaftlichkeit mehr. Verleger warnen vor den Folgen.

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BERLIN. Die Zeitungsverleger schlagen Alarm. Grund sind neue Untersuchungen zu einer dramatisch abnehmenden Wirtschaftlichkeit der Zeitungszustellung. So habe die Schickler Unternehmensberatung errechnet, dass schon in fünf Jahren rund 40 Prozent aller deutschen Gemeinden nicht mehr ohne Verluste der Verlage versorgt werden könnten. Bislang liefern nach Angaben des Bundesverbandes Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) 100 000 Zusteller täglich noch zehn Millionen Zeitungsexemplare direkt in die Haushalte.

Verantwortlich für die Teuerung seien die stark gestiegenen Lohnkosten bei rückläufigen Abonnementauflagen. Von 2014 bis heute müssen die Verlage für den Vertrieb rund 70 Prozent mehr aufwenden, jährlich 1,36 Milliarden Euro, heißt es in der Schickler-Studie, die der BDZV in Auftrag gegeben hat. „Die stark ländlich und kleinstädtisch geprägte Struktur unseres Verbreitungsgebietes verursacht einen besonders hohen Aufwand in der Logistik. Unsere Fahrer und Zusteller haben wesentlich längere Wegstrecken zurückzulegen als ihre Kollegen in Berlin oder Frankfurt“, berichtet zum Beispiel Joachim Liebler, Geschäftsführer der VRM, zu der auch diese Zeitung gehört.

Viele Kunden steigen nicht auf digitale Angebote um

Und die Ausgaben steigen weiter. Laut Schickler wird der Stückpreis im Jahr 2025 je Exemplar 70 Cent betragen statt heute 45 Cent. Der Verband warnt vor den Folgen. „Als systemrelevante Infrastruktur sichert die Zeitung die mediale Grundversorgung der deutschen Bevölkerung“, sagt Hauptgeschäftsführer Dietmar Wolff. Die Bedeutung der seriösen Medien habe die Politik gerade in der Corona-Krise wieder bestätigt. Viele Kunden sind nicht bereit, auf digitale Angebote im Internet umzusteigen. Das bestätigt Joachim Liebler: „Es ist klar, dass die Zukunft auch für uns in der Digitalisierung liegt. Aber viele unserer Leser lieben noch immer ihre gedruckte Zeitung. Daher wird sich der Ablösungsprozess hin zu bezahlten digitalen Inhalten Jahre hinziehen.“

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Obwohl Fahrtrouten mit Hilfe von Software optimiert würden und in den Unternehmen innovative Prozesse in der Logistik aufgesetzt worden seien, kann das laut Schickler die Teuerung nicht aufhalten. Zur Frühzustellung gebe es keine Alternativen. So falle auch die Post als Partner aus.

Die Berater nennen einige neue Verfahren wie Drohnenanlieferung oder Zustellung an eine von mehreren Kunden genutzte zentral gelegene Box. Auch zusätzliche Dienstleistungen in der Verbundlogistik wie Brief- oder Paketzustellung würden geprobt und geprüft. Doch sind diese Innovationen nicht ausreichend, meint Wolff. Angesichts von 16 Millionen sogenannten „Internetverweigerern“ scheint die digitale Versorgung der Bürger mit Nachrichten auch mittelfristig keine Lösung für alle zu sein.

Warum diese Belastung die Branche aktuell besonders trifft, beschreibt VRM-Geschäftsführer Liebler: „Gerade jetzt hat das seit Jahren rückläufige Anzeigengeschäft als wichtige Einnahmesäule durch die Corona-Krise noch einmal einen weiteren Rückschlag erlitten.“

BDZV-Geschäftsführer Wolff sieht die Politik in der Verantwortung und erwähnt die erstmals im Bundeshaushalt eingerichtete Förderung des Zeitungsvertriebs. „Aber mit umgerechnet einem Cent pro Zeitungsexemplar“ stehe die geplante Hilfe in keinem Verhältnis zum angemeldeten Bedarf. Wolff hat ein aus seiner Sicht gutes Vorbild gefunden. Computerspiele und Filme würden allein mit 250 Millionen Euro jährlich unterstützt. Gedruckte Zeitungen sollten nicht weniger förderungswürdig sein, hält er fest.

Von Stefan Schröder