Paracetamol wird knapp

„Lieferengpässe bei paracetamolhaltigen Arzneimitteln“ befürchtet Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Foto: dpa

Apotheken berichten von Lieferengpässen bei einzelnen Arzneimitteln. Damit es zu keinen Versorgungsproblemen kommt, will Bundesgesundheitsminister Spahn gegensteuern.

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WIESBADEN. Lieferengpässe bei einzelnen Arzneimitteln, aber keine Versorgungsprobleme bei der Therapie von Patienten: Auf diese knappe Formel bringen Apotheker die Situation in der Coronakrise.

Das Schmerzmittel Paracetamol ist bereits so knapp, dass Bundesgesundheitsminister Jens Spahn eingegriffen hat. In einem Brief an die Branchenverbände der Hersteller, des Großhandel und der Apotheker fordert der CDU-Politiker, dieses Schmerzmittel nur in notwendigen Mengen in einem akuten Behandlungsfall abzugeben, wenn es keine geeigneten therapeutischen Alternativen gibt. „Durch die verstärkte Nachfrage aufgrund der Corona-Pandemie kommt es zu Lieferengpässen bei paracetamolhaltigen Arzneimitteln.“ Alle Beteiligten sollten sich an den durchschnittlichen Abgabemengen des Vorjahres orientieren. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung soll zudem die Ärzte in die Pflicht nehmen.

Seit das alternative Schmerzmittel Ibuprofen im Verdacht stand, die Symptome des Coronavirus zu verschärfen, gibt es einen regelrechten Ansturm auf Paracetamol. Inzwischen hat die Weltgesundheitsorganisation die Bedenken wieder zurückgenommen. Gleichwohl ist die Verunsicherung groß. Verschärft wird die Situation auf der Produktionsseite, da Indien vor einiger Zeit einen Ausfuhrstopp verschiedener Wirkstoffe – darunter Paracetamol – verhängt hat. In der 340 Medikamente umfassenden Lieferengpass-Liste des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte tauchen derzeit mehrere Paracetamol-Arzneien auf. Zugelassen sind in Deutschland insgesamt etwa 103 000 Arzneimittel, wie ein Sprecher des Bundesinstituts in Bonn berichtete.

„Patienten erwarten zu Recht, dass sie dringend notwendige Medikamente unverzüglich bekommen. Das ist momentan leider zu häufig nicht der Fall“, sagte der Minister bei der Vorlage des Fairer-Kassenwettbewerb-Gesetzes, welches spätestens im April in Kraft treten soll. Der Bund werde stärker als bisher bei der Verteilung von Arzneimitteln eingreifen. So soll eine Meldepflicht für Lagerbestände und Lieferengpässe eingeführt werden. Gleichzeitig dürfen Apotheken künftig vergleichbare Medikamente ausgeben, wenn die in den Rabattverträgen festgelegten günstigen Mittel vor Ort nicht verfügbar sind. Die Mehrkosten tragen die Krankenkassen.

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Die Arzneimittelproduktion wird nicht als wesentliche Ursache der Lieferengpässe gesehen. Der Marktanteil der Wirkstoffproduzenten aus der vom Coronavirus stark betroffenen Provinz Hubei in China ist laut Bundesinstitut für Arzneimittel in Deutschland so gering, dass Produktionsausfälle bisher nicht ins Gewicht fallen. Allerdings finde derzeit „verstärkt eine übermäßige Bevorratung mit Arzneimitteln statt, die in direkter Folge zu einer Ungleichverteilung führt“. Diese hohe Nachfrage hat das Bundesinstitut auf der gesamten Kette von Großhandel über Apotheken bis zu Patienten beobachtet. Deshalb werden Hersteller und Großhandel in einer Anordnung aufgefordert, Medikamente nur noch über den normalen Vorjahresabsatz hinaus zu liefern, wenn es medizinisch notwendig ist. Krankenhauslieferanten haben dabei Vorrang.

„Lieferengpässe bei Arzneimitteln sind leider schon seit Jahren ein großes Problem für die Versorgung von Millionen Patienten“, berichtete Friedemann Schmidt, Präsident der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Besonders betroffen waren im vergangenen Jahr einzelne Blutdrucksenker, Gicht-, Antidepressivum- und Schmerzmittel. Trotzdem gebe es keinen Grund, Arzneimittel zu hamstern. Denn ein Lieferengpass müsse nicht gleichzeitig ein Versorgungsproblem bedeuten, da oftmals alternative Arzneimittel zur Verfügung stehen.

Apotheken vor Ort stabilisieren nach Überzeugung des Vorsitzenden des Hessischen Apothekerverbands, Holger Seyfarth, in der Coronakrise die Gesundheitsversorgung. „Wir brauchen ein flächendeckendes Netz an Apotheken, und wir brauchen einheitliche Preise für verschreibungspflichtige Arzneimittel.“ Das müsse auch für ausländische Versender gelten.