Oslo 1952 - „Gefühl im Orsch“ bringt Doppel-Gold

aus Zeit-Lupe

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Anderl Ostler gewinnt nach dem Viererbob-Wettbewerb gemeinsam mit Lorenz Nieberl im Uraltbob "Cognac" auch den Zweier - die ersten Olympia-Medaillen für die Bundesrepublik Deutschland. Archivfoto: dpa

Die BRD darf 1952 erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg wieder an Olympischen Spielen teilnehmen. Der Bob-Pilot Anderl Ostler wirkt nicht nur gemütlich-übergewichtig. Er und...

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. Von Ulrich Gerecke

Der freundliche Beifall ist keine Selbstverständlichkeit an diesem 14. Februar 1952 im Bislett-Stadion von Oslo. Hinter dem Schild „Tyskland“ betreten deutsche Sportler (noch sind es nur jene aus dem Westen) erstmals nach Kriegsende die olympische Arena. Zwölf Jahre zuvor waren Soldaten des Dritten Reichs in Norwegen einmarschiert und hatten ein grausames Marionetten-Regime unter Vidkun Quisling errichtet. Die in der deutschen Presse befürchteten Anfeindungen bleiben dennoch aus. Die Winterspiele finden schließlich erstmals im Mutterland des Skilaufens statt – Politik bleibt da außen vor.

Die Deutschen punkten vor allem mit Gemütlichkeit und Schwerkraft. Anderl Ostler, ein 120 Kilo schwerer Gastronom aus Garmisch, hat seine Viererbob-Crew kurzerhand umbesetzt und alles aufgeboten, was Gewicht macht. „Das einzige Gefühl, das brauchst zum Fahren, das hast im Orsch“, ist Ostlers Wahlspruch. 472 Kilo bringt sein Quartett auf die Waage und rast mit großem Vorsprung zur ersten Goldmedaille für die junge Bundesrepublik Deutschland. Zusammen mit Lorenz Nieberl gewinnt Ostler auf einem Uralt-Schlitten, der nicht umsonst den Spitznamen „Cognac“ trägt, auch noch den Zweierbob-Wettbewerb. Die Funktionäre haben nach dem gewichtigen Auftritt der bajuwarischen Kolosse allerdings die Faxen dicke: Sie führen nach den Spielen ein Gewichtslimit ein.

Die dritte deutsche Goldmedaille gewinnen Ria und Paul Falk. Das Eiskunstlauf-Ehepaar aus Düsseldorf gehört zu den absoluten Superstars der deutschen Sportszene in den ersten Nachkriegsjahren. Tausende empf”angen die beiden nach ihrer Rückkehr in ihrer Heimatstadt. Vom „Wunder von Bern“ ahnt da noch niemand etwas.