Mille Miglia - Temporausch endet für Zuschauer tödlich

aus Zeit-Lupe

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Die Mille Miglia begeisterte bis in die 1950er Jahre die Massen in Italien. Die Startzone in Brescia zog viele Neugierige an den Streckenrand. Archivfoto: imago

Das legendäre Autorennen Mille Migliazwischen dem italienischen Brescia und Rom wird nach einem Unfall mit elf Toten am 12. Mai 1957 eingestellt. Seit 1977 ist die verkürzte...

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. Von Björn-Christian Schüßler

Guidizzolo. Wo seit 1977 Oldtimer gemütlich ihre Runden ziehen, schossen hochmotorisierte Sportflitzer in den 1930er bis 50er Jahren über die Landstraßen zwischen Brescia und Rom. Hin und zurück, 1000 Meilen, legten die hochgerüsteten Rennwagen von Ferrari und Maserati zurück. „Mille Miglia – die Legende lebt“, titelten die italienischen Gazetten 1955, als das Rennen erstmals auch für Privatfahrer geöffnet wurde. Ein Fehler, wie sich nur zwei Jahre später herausstellte. Denn am 12. Mai 1957 starb nicht nur die Legende.

Die Stimmung bei Ferrari war schon vor dem Start der 25. Mille Miglia explosiv, denn Enzo Ferrari hatte den vermeintlich stärkeren Boliden 335 Sport dem Spanier Alfonso de Portago anvertraut, der schnelle Belgier Olivier Gendebien musste sich mit dem leistungsschwächeren 250 GT SWB begnügen.

Enzo Ferrari stachelt De Portago an

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Dass bis nach Rom Peter Collins dem somit favorisierten Spanier mehr als drei Minuten abnahm, dürfte dieser schon als Spitze empfunden haben. Als Enzo Ferrari de Portago beim letzten Tankstopp in Bologna schließlich zusätzlich anstachelte, mehr Risiko und Geschwindigkeit zu gehen, überdrehte der ehrgeizige Fahrer. Er hatte sich zuvor an einigen Randsteinen den tiefliegenden Achslenker verbogen. Das linke Vorderrad schabte an der Karosserie. Ein Wechsel kam für de Portago, seinen Teambesitzer im Nacken, nicht infrage.

Richtung Mantua lieferte er unglaubliche Zeiten, passierte nahe Parma den liegengebliebenen Collins und jagte dem Führenden Piero Taruffi, dem Deutschen Wolfgang Graf Berghe von Trips und Rivale Gendebien hinterher. Auf der langen Geraden nach Guidizzolo kam es dann zur Katastrophe: Unter Vollgas berührte der 335 Sport links einen Kilometerstein, geriet außer Kontrolle, drehte sich und schlug mit voller Wucht in eine Zuschauergruppe. Der Spanier starb am Unfallort, genauso wie sein Beifahrer. Auch neun Einheimische, darunter fünf Kinder, bezahlten ihre Motorsport-Neugier mit dem Leben.

Enzo Ferrari fand sich nach dem „tödlichen Tag“ vor Gericht wieder, wurde aber vier Jahre später freigesprochen. Der Veranstalter, der das Reglement 1955 gelockert hatte, kam ebenso straffrei davon. Die Mille Miglia, die der 51-jährige Taruffi für Ferrari gewann, wurde jedoch eingestellt.