Materazzi und die Provokation - Zidane und der Kopfstoß

aus Zeit-Lupe

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Zinedine Zidane (links) verliert die Beherrschung und verpasst Marco Materazzi einen Kopfstoß. Dafür sieht er die Rote Karte. Archivfotos: dpa

Der technisch beschlagene Franzose revanchiert sich in WM-Finale 2006 mit einem Kopfstoß bei Italiens Verteidiger Materazzi – und fliegt vom Platz.

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. Von Björn-Christian Schüßler

Erst zupft Marco Materazzi an seinem Trikot, dann gibt der Italiener ihm in einem hitzigen Dialog Widerworte, schließlich formuliert der Verteidiger eine freche Beleidigung – der Tropfen, der das Fass des Erträglichen für Frankreichs Kapitän zum Überlaufen bringt. Als Zinedine Zidane zu seinem Kopfstoß auf Materazzis Brustbein ausholt, ahnt der 34-Jährige noch nichts davon, dass Frankreich am Ende des Finals im Berliner Olympiastadion als Vizeweltmeister vom Platz schleichen muss – möglichweise auch, weil er, „Zizou“, wie die Franzosen ihr Idol nennen, in der 110. Minute nach seiner Tätlichkeit vorzeitig duschen muss und im entscheidenden Elfmeterschießen nicht mehr antreten kann. Trezeguet trifft vom Punkt nur die Latte. Aus der Traum!

Sein Kontrahent, Materazzi, kann dagegen antreten – und verwandelt. In der ersten Halbzeit hatten beide noch jeweils für ihr Land getroffen: Zidane zur Führung per Elfmeter, Materazzi zum Ausgleich.

"Da habe ich ihn beleidigt"

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Noch Wochen später beschäftigen sich Lippenleser mit der vielleicht dramatischsten Szene dieses 9. Juli 2006. Was hat der italienische Provokateur wohl gesagt, dass der Superstar die Beherrschung verlor? „Er war unverschämt, da habe ich ihn beleidigt“, sagt Materazzi nach dem WM-Triumph. Er habe aber nichts direkt über Zidanes Mutter gesagt, wie zunächst angenommen. „Für mich ist die Mutter heilig.“

Was war geschehen: Als der Verteidiger zu intensiv an Zidanes Trikot gezogen hatte, rief dieser dem Italiener zu: „Wenn du mein Trikot wirklich willst, bekommst Du es nachher.“ Der Konter traf den sensiblen Künstler im sprichwörtlichen Unterleib: „,Ich nehm lieber deine Schwester‘ habe ich geantwortet“, gesteht der 32-jährige Weltmeister Wochen danach reuig. Und dass er die Frau als Prostituierte verunglimpft habe. „Das bedauere ich sehr“, sagte Materazzi später in einem Interview. Sein Image als Rüpel konnte der Italiener damit aber nicht mehr ablegen, während Frankreich ihrem Idol den Fehler schnell verziehen hatte. Übrigens: Ein im Internet bestellbares T-Shirt mit Beleidigungen gegen den Inter-Verteidiger fand bei den blau-weiß-roten Anhängern reißenden Absatz.