Jean-Marc Bosman - Der Regenmacher aus Belgien

aus Zeit-Lupe

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Jean-Marc Bosman ist 1995 das Zünglein an der Waage. Archivfoto: imago

Der 26-jährige Belgier Jean-Marc Bosman klagt an einem Lütticher Provinzgericht um Schadenersatz. Viel bekommt er nach vielen Jahren des Prozessierens nicht. Doch das...

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. Dass Weltstars wie Messi, Ronaldo und Ibrahimovic sich jeden Monat die Taschen mit siebenstelligen Summen vollmachen können, in England so viele Ausländer wie nie zuvor spielen und sich auch mittelmäßig talentierte Youngster schon Millionär nennen dürfen, hat der Fußball einem Mann zu verdanken: Jean-Marc Bosman.

Der Belgier ließ mit seiner persönlichen Geschichte 1995 die Erde beben. Mit der Rechtssache C-415/93 kippte der Europäische Gerichtshof Ablösesummen für Spieler, deren Verträge auslaufen, und Beschränkungen für EU-Ausländer auf dem Platz quasi über Nacht. Flossen vor dem Urteil bei jedem Spielerwechsel Millionen, wanderten die Summen fortan auf die Gehaltsschecks oder per Handgeld direkt in die Börsen der Spieler. Auch bei mittelmäßigen Kickern, immer größere Summen.

Freizügigkeit nennt der EG-Vertrag die freie Arbeitsplatzwahl innerhalb der Staatengemeinschaft. Seit dem 15. Dezember 1995, dem Tag des Bosman-Urteils, gilt dies auch für Profifußballer.

Ablösefreiheit ein Kollateralschaden

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Bosman wollte eigentlich nur Schadenersatz, als er im Herbst 1990 seine Klageschrift einreichte. Der Vertrag des damals 26-Jährigen beim Royal Football Club Lüttich lief aus. Verlängern? Ja. Aber statt 3500 nur noch 700 Euro Grundgehalt, das war ihm dann doch zu wenig. Ließ Lüttich ihn also in die zweite französische Liga zum USL Dünkirchen wechseln? Nein. Nach 1990 gültigem Transferrecht sollten die Franzosen utopische 800_000 US-Dollar Ablöse zahlen, von Lüttich willkürlich festgelegt. Bosman klagte, gewann und veränderte wie bekannt die Branche.

Profitiert hat der ehemalige Junioren-Nationalspieler allerdings kaum: Erst vier Jahre nach dem Urteil wurden ihm 780.000 Euro zugesprochen. Aus heutiger Sicht nicht mal Peanuts. Im Gegenzug verlor der hartnäckige Belgier seine entnervte Ehefrau, sein komplettes Erspartes, seinen Beruf – dem „Abzocker“ gab kein Verein mehr einen Vertrag. Es folgten Alkoholexzesse, Depressionen, Selbstmordgedanken. Zwischenzeitlich wohnte Bosman wieder bei Mutti, in der beheizten Garage. „Sie haben mich benutzt“, beklagte er bis zuletzt, dass Kollegen ihn nicht am neuen Reichtum beteiligten. Oder zumindest mal danke sagten. 20 Jahre nach seinem großen Sieg vor Gericht lebt Bosman von 740 Euro Sozialhilfe.