Helmut Recknagel: Haltung auf und neben der Schanze

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Hoch die Hände! Helmut Recknagel gewinnt 1958 seine erste von drei Vierschanzentourneen.Foto: dpa

Als erster Deutscher springt Helmut Recknagel 1958 zum Gesamtsieg der Vierschanzentournee. Allerdings fehlen die starken Norweger und Finnen. Die Aufholjagd des DDR-Skispringers...

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. Von Ulrich Gerecke

Am Neujahrstag 1958 lag er noch im Schnee, am Dreikönigstag in Bischofshofen kennt der Jubel dagegen keine Grenzen. Als erster deutscher Skispringer gewinnt der Thüringer Helmut Recknagel am 6. Januar 1958 die Vierschanzentournee.

Zwar fehlen die starken Norweger und Finnen, doch die Art und Weise, wie Recknagel zur Aufholjagd bläst, macht ihn nicht nur in Deutschland zur Legende. Zum Auftakt in Oberstdorf war Recknagel (damals 20) nicht über Rang neun hinausgekommen, in Garmisch-Partenkirchen nach einem Sturz im zweiten Durchgang gar nur 35. geworden. Die beiden Siege in Innsbruck und Bischofshofen hätten dem gelernten Werkzeugmacher, der nach seiner Karriere Tierarzt wurde, allein nicht gereicht. Der führende UdSSR-Springer Nikolai Kaminski stürzt jedoch auf der letzten Station auf Rang 18 ab, am Ende hat Recknagel 4,8 Punkte Vorsprung. Nicht viel, aber genug.

Zwei weitere Triumphe, Olympia- und WM-Gold folgen

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1959 und 1961 wiederholt er diesen Triumph, vielleicht hätte er 1960 auch gewonnen, hätte die DDR nicht die Tournee abgesagt, weil in der Bundesrepublik ihre Flagge nicht wehen durfte. Recknagel entschädigt sich im selben Jahr mit dem Olympiasieg in Squaw Valley – als erster Nicht-Skandinavier. 1962 wird er in Zakopane zudem Weltmeister.

„Eine Frage der Haltung“ heißt Recknagels 2007 erschienene Autobiografie. Haltung war immer ein großes Thema für den heute 80-Jährigen („Älter zu werden und sich trotzdem jünger fühlen, das ist die Kunst im Leben“), der bei den DDR-Funktionären gerne mit gewagten Statements aneckte und ebenso wie sein Trainer umfänglich von der Stasi bespitzelt wurde. Haltung war aber auch auf der Schanze gefragt: Recknagel war einer der letzten Vertreter des „Vogelstils“ mit vorgestreckten Armen, der in den 1960er Jahren dem „Fischstil“ wich und in den 1990ern durch das V verdrängt wurde.

Dabei wäre der große Stilist beinahe beim Fußball gelandet – und zwar beim 1. FC Kaiserslautern. Als 17-jähriger Angreifer schwärmte er für die Walter-Brüder, wäre aufgrund seines Talentes beinahe in den Westen getürmt. Am Ende blieb er doch: „Ich wollte als Einzelkind meine Familie und Fans, aber auch den Staat nicht enttäuschen, und habe es nicht bereut, Skispringer geworden zu sein.“