Heiße Kufen, kalter Krieg

aus Zeit-Lupe

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In Grenoble verging ihr das Lachen: DDR-Rodlerin Ortrun Enderlein. Archivfoto: imago

Die DDR-Rodlerinnen brachten bei den Olympischen Spielen in Grenoble 1968 die stärkste Leistung. Gold gab es trotzdem nicht - die Jury schloss die Mädels aus, weil sie ihre...

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. Von Ulrich Gerecke

Die Presse in der Bundesrepublik Deutschland schrie „Betrug“ und ätzte über das „Kombinat heiße Kufe“, dabei war höchstwahrscheinlich alles ganz anders. Lückenlos aufgeklärt werden konnte der Skandal bei den Olympischen Rodelwettbewerben 1968 in Grenoble nie. Heute allerdings deutet Vieles daraufhin, dass das siegreiche Trio aus der DDR zu Unrecht disqualifiziert worden ist. Klar ist nur: Es war ein hitziger Streit.

Passiert war an jenem 13. Februar 1968 Folgendes: Nach drei Läufen (der vierte wurde gestrichen) standen Ortrun Enderlein („Es tut immer noch weh“, sagte sie 2010), Anna-Maria Müller und Angela Knösel auf den Plätzen eins, zwei und vier. Aus dem totalen Triumph wurde aber der totale Reinfall, als das Trio von der Jury unter Führung des polnischen Funktionärs Lucian Swiderski ausgeschlossen wurde. Angeblich hatte es seine Kufen aufgeheizt. Das war 1964 bei Olympia in Innsbruck noch erlaubt gewesen, mittlerweile aber verboten. Gold ging an die Südtirolerin Erika Lechner, die weiteren Medaillen an Deutschland West – in der Hochzeit des Kalten Krieges ein veritabler Politthriller.

„Mit den Worten Frieden und Freundschaft waren sie gekommen, als elende Lügner und Betrüger mussten sie sich aus dem Staube machen“, zeterte ein bundesdeutsches Presseorgan. Allerdings hatte der Fall von Anfang an seine Mysterien und Ungereimtheiten. Die Temperatur der Kufen hatte Swiderski durch das Auflegen von Schnee getestet, wissenschaftlich wasserdichte Messmethoden wurden erst später eingeführt. Der Pole, so steht es in nach der Wende aufgetauchten Stasi-Akten, hatte angeblich ein gestörtes Verhältnis zur DDR. Und bei einem ebenfalls aufgeflogenen Rodler aus Österreich drückte Swiderski beide Augen zu, weil er dorthin kurz zuvor zum Urlaub eingeladen war. Rätsel über Rätsel.

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Dass die DDR-Frauen rein sportlich die Schnellsten waren, stand hingegen nie zur Debatte. Enderlein hatte 1964 den Olympiasieg geholt, Müller schaffte dies 1972 in Sapporo. Die Wunde von Grenoble nagte dennoch lange an Ortrun Enderlein: „Man hat mich als Betrügerin hingestellt, mir also einen Meineid unterstellt. Dabei habe ich nichts gemacht, 200-prozentig nicht. Ich habe lange daran geknabbert. Aber eigentlich will ich gar nicht mehr daran denken.“