Ein Schuss, ein Netz, ein Pfostenbruch

aus Zeit-Lupe

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Der Pfostenbruch vom Bökelberg veränderte die Fußball-Welt: In der Saison 1971/72 wurden vielerorts die Holzgestänge durch Aluminium ersetzt. Archivfoto: dpa

Ein gebrochener Holzpfosten sorgt für den kuriosesten Spielabbruch der Bundesliga-Geschichte. Während die Spieler des SV Werder Bremen emsig bemüht sind, den Torpfosten am...

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. Von Björn-Christian Schüßler

Der amtierende Fußballmeister Borussia Mönchengladbach kann mit dem 1:1 gegen Werder Bremen nicht zufrieden sein. Von Rivale Bayern München von der Tabellenspitze verdrängt, werfen die Fohlen am heimischen Bökelberg alles nach vorne, um den Siegtreffer zu erzwingen.

Ein ums andere Mal finden sie in SVW-Torwart Günter Bernard ihren Meister, so kommt der Keeper auch drei Minuten vor Schluss an den scharf geschossenen Freistoß von Günter Netzer, nicht der Ball, sehr wohl aber der herangestürmte Herbert Laumen zappelt im Netz. Beim Versuch, sich an diesem hochzuziehen, bricht der Pfosten in Bodennähe ab. "Ich bin sofort in Deckung gegangen. Zum Glück hat mich die Latte nicht erwischt", erinnert sich der Gladbacher Angreifer.

Schiedsrichter sichtlich überfordert

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Ersatztor? Fehlanzeige. Reparieren? Langwierig. Pure Hilflosigkeit macht sich in den Augen von Schiedsrichter Gerd Meuser breit, als er vorschlägt, ein paar Gladbacher Ordner könnten doch bis zum Ende des Spiels den Pfosten festhalten.

Meuser pfeift am 3. April 1971 erst sein viertes Bundesligaspiel. Das wissen natürlich auch die Gladbacher. Aufreizend lässig fällt deshalb die Reaktion um Starspieler Netzer aus. Die Kollegen, die Funktionäre, die Fans auf den Rängen machen - nichts. Während die Hanseaten sichtlich bemüht sind, den kaputten Pfosten notdürftig zum Stehen zu bringen und die dünnen Nägel, die der Platzwart in das morsche Holz trimmt, mit Spucke zum Halten zu überreden, bringen die Fohlenfans das Gebälk sogar immer wieder zum Einsturz. Und Netzer, auf ein Wiederholungsspiel hoffend, plaudert munter auf den Novizen mit der Pfeife ein: "Da ist nichts zu machen. Brechen Sie das Spiel ab."

DFB sorgt für überraschende Wendung

Meuser hat nach zwölf Minuten ein Einsehen, beendet die Pfosten-Odyssee und bricht die Partie in der 88. Minute ab. Hängende Köpfe bei den Bremern, dagegen ein launiges Liedchen auf Gladbacher Lippen.

Wiederholungsspiel? Nicht mit DFB-Chefankläger Hans Kindermann: Die Borussia habe den ordnungsgemäßen Zustand des Tores nicht gewissenhaft geprüft und nach dem Unfall nichts getan, um den Schaden zu beheben. Das Sportgericht spricht Bremen die Punkte zu und obendrein eine 1500-Mark-Geldstrafe an den VfL aus. Am Ende hatte der kurioseste Spielabbruch der Bundesliga-Geschichte auch noch die Fußballwelt verändert: Alugehäuse verdrängten das Holz aus den Stadien.