Doppel-Pott im Fußball-Revier

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Schalke (links) und Dortmund bejubeln den Gewinn eines Europapokals. Fotos: dpa

Die Fußball-Bundesligisten Schalke 04 und Borussia Dortmund lösten vor 20 Jahren eine riesige Ruhrgebietsparty aus. Binnen einer gewannen "die Blauen" den Uefa-Cup und "die...

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. Von Björn-Christian Schüßler

Noch heute, 20 Jahre nach der magischen Nacht von Mailand, feiern die Königsblauen ihre „Eurofighter“. Nicht nur, weil den Knappen um Torwart Jens Lehmann, Kapitän Olaf Thon und Trainer Huub Stevens am 21. Mai 1997 vom Elfmeterpunkt der größte Erfolg der Vereinsgeschichte gelungen war, sondern weil auch die Art und Weise typisch ist für den Gelsenkirchener Fußball. Hier ackerten fußballerische Malocher wie Yves Eigenrauch und Ingo Anderbrügge, hielten leidenschaftliche Allrounder wie Mike Büskens und Andreas Müller ihre Knochen hin, rannten Arbeitstiere wie Marc Wilmots und Jiri Nemec sich die Lunge aus dem Leib für den Mannschaftserfolg. „Ärmel hochkrempeln, Arsch aufreißen“ ist auf Schalke noch immer erste Spielerpflicht.

Die verschworene Gemeinschaft war anno 1997 das große Plus gegen das favorisierte Inter. Eine konzentrierte Teamleistung stieß die Tür zum Uefa-Pokal im Hinspiel in Gelsenkirchen weit auf, als Wilmots aus 25 Metern zum 1:0 traf. In Mailand kamen die Schalker dann mächtig unter Druck, das torlose Remis mit Mann und Maus zu verteidigen. Bis zur 85. Minute hielt das Bollwerk auch dank einiger guter Entlastungsangriffe. Dann traf Ivan Zamorano doch noch. Verlängerung. Schließlich Elfmeterschießen.

Schon in Mailand half Lehmann ein Zettel

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Anderbrügge, Thon und Martin Max trafen souverän. Trainer Stevens hatte Lehmann gut „bezettelt“ mit Infos zu den Schützen versorgt, so dass dieser Zamoranos Schussecke richtig erahnte. Doch Aron Winter fehlte auf dem Zettel. Also packte Lehmann kurzerhand in die psychologische Trickkiste: „Ich habe mich vor ihm ganz groß gemacht und gesagt, dass ich in der Mitte stehen bleibe, um ihn zu zwingen, in eine Ecke zu schießen.“ Winter tat den Schalkern den Gefallen und jagte die Kugel rechts vorbei. Wilmots entschied sich gegen Gianluca Pagliuca und wild pfeifende Inter-Fans für links unten. Drin. Danach nur noch königsblaue Freude.

Angespannte Explosivität im BVB-Kader

„Wir ham den Pott, Pott, Pott im Revier, zwei Klassen besser als der S04“, schallte es nur eine Woche später aus den Kehlen Zehntausender BVB-Fans auf dem Dortmunder Borsigplatz, als Schiedsrichter Sándor Puhl aus Ungarn das Champions-League-Finale abpfiff. Freudentränen, Kopfschütteln, Erleichterung, Enthusiasmus – das 3:1 gegen Angstgegner Juventus Turin setzte die ganze Bandbreite an Emotionen frei. Und nicht nur dort. Das Olympiastadion des FC Bayern wurde zur Feierbühne in Schwarz-Gelb, München zur ersten Partymeile des größten Erfolgs der Vereinsgeschichte.

Die Hand am Henkelpott versöhnte auch die Helden in den Ringelsocken auf dem Platz für eine „schwierige Saison“, die Trainer Ottmar Hitzfeld sichtlich zermürbte. Schließlich war das Borussen-Lazarett stets gut gefüllt, hatte der Meistermacher immer wieder improvisieren müssen und mit dem Dauerplatz von Klublegende Michael Zorc auf der Ersatzbank zudem den Unmut von Fans und Funktionären auf sich gezogen.

Eine Runde, die große und kleine Stars schuf

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Hagelte es in der Liga-Rückserie ungewohnt viele Niederlagen, bildeten sich angesichts üppiger Prämien und Gehälter zunehmend finanzielle Sorgenfalten, zerriss der mannschaftliche Zusammenhalt, lief Borussia Dortmund in Europa allerdings zu Höchstleistungen auf. Mit Helden wie Final-Doppeltorschütze Karl-Heinz Riedle, „Fußballgott“ Jürgen Kohler, der im engen Halbfinale gegen Manchester United einen Eric-Cantona-Schuss aus dei Metern mit der Schuhsohle von der Linie kratzte, und Lars Ricken, der 20 Sekunden nach seiner Einwechslung mit seinem ersten Ballkontakt das Runde aus rund 28 Metern über Juve-Keeper Angelo Peruzzi zum 3:1 ins Eckige lupfte. „Peruzzi stand weit vor dem Kasten, da war es für mich die sinnvollste Alternative, das Tor zu machen“, erinnert sich der damals 20-Jährige an die entscheidenden Momente in der 71. Minute.

Das Siegerteam war, im Gegensatz zum verhassten Revierrivalen, zu einem „Zweckverbund für Europa“ verkommen, viele Unermüdliche fielen auch intern durch den Rost. Nicht so bei den Fans. Einmal Schwarz-Gelb, immer Schwarz-Gelb heißt es auch 20 Jahre danach für die Rackerer: Wie Martin Kree, der neben Kohler und Julio César den Laden dicht hielt, wie Ersatz-Libero Wolfgang Feiersinger, der den verletzten Matthias Sammer beim wichtigen 1:0 bei Atlético Madrid würdig vertrat, wie „Babysturm“ Ibrahim Tanko, der gegen Auxerre final einnetzte, wie René Tretschok, der gegen Manchester entscheidend traf, oder Paul Lambert, dem Publikumsliebling, der von seiner Spielweise auch gut zu Schalkes Eurofightern gepasst hätte. No Names wurden zu Giganten. Und das Revier freudentaumelte...