Die Bayern und ihr ungeliebter Titel

aus Zeit-Lupe

Thema folgen
Eine heiße Sache: die Kapitäne Franz Beckenbauer (links) und Jairzinho vor dem Rückspiel in Belo Horizonte.Archivfoto: Werk

Bayern München sichert sich 1976 die letzte Trophäe des Jahres. Doch der erste deutsche Gewinn des Fußball-Weltpokals fand nur wenig Beachtung.

Anzeige

. Von Ulrich Gerecke

Was für ein Kontrast! Vier Wochen zuvor Schnee, Eiseskälte und ein fast leeres Münchner Olympiastadion. Jetzt aber, drei Tage vor Heiligabend 1976, herrschen noch in der Nacht 32 Grad Hitze und das Stadion von Belo Horizonte ist mit 113714 Fans prall gefüllt. Es ist eine historische Stunde, von der in der fernen Heimat kaum jemand etwas mitbekommt: Nach dem 2:0 im Hinspiel durch zwei späte Treffer von Gerd Müller und Jupp Kappellmann erkämpft sich der FC Bayern bei Cruzeiro ein 0:0 und gewinnt damit als erste deutsche Mannschaft den Klub-Weltpokal. Das alljährliche Duell zwischen dem Europacupsieger der Landesmeister und dem Gewinner der Copa Libertadores wurde 1960 gestartet – seine Bedeutung in beiden Fußball-Hemisphären könnte unterschiedlicher kaum sein. In Europa gilt er lange nur als Abfallprodukt des begehrteren Landesmeister-Pokals, in Südamerika ist er ein prestigeträchtiges Traumziel.

Deshalb gehen die Vereine aus Lateinamerika mit viel Feuereifer in die Partien, insbesondere Teams aus Argentinien schlagen oft über die Stränge und in den 60er Jahren arten viele Partien zur wüsten Klopperei aus. Als Tiefpunkt gilt die „Schlacht von Montevideo“ 1967, als Racing Avellaneda aus Argentinien Celtic Glasgow mit 1:0 besiegt. Dabei wird mehr geboxt und getreten als gespielt.

Deshalb haben viele europäische Klubs bald kaum noch Lust auf den Wettbewerb, den die Fifa nicht offiziell sanktioniert hat. Das gilt auch für die Bayern: 1974 holen sie ihren ersten Landesmeistercup, überlassen das Startrecht aber Endspiel-Verlierer Atletico Madrid. 1975 fällt die Begegnung ganz aus. Nur widerwillig begeben sich Franz Beckenbauer & Co. 1976 ins Duell mit Cruzeiro.

Anzeige

Beim Hinspiel vor nur 22.000 Fans (es gibt noch nicht einmal Livebilder im Fernsehen) kämpfen beide Team mit der spiegelglatten Spielfläche. Der brasilianische Mittelfeldspieler Piazza sorgt sich angesichts der Kälte: „Ist das der Weltuntergang?“ Vier Wochen später finden die Bayern vor dem Rückspiel nur vier Stunden Schlaf wegen eines verspäteten Fluges. Kappellmann wird im Stadion von einer Feuerwerksrakete getroffen, doch dann kühlt ein Regenguss die hitzige Atmosphäre ab.

Das 0:0 reicht den Bayern. Den nächsten Weltpokal gewinnen sie erst 2001 – in einem Spiel in Tokio, wo der Wettbewerb seit 1980 ausgespielt wird.