Anton Geesink verpasst Japan einen Judo-Schock

aus Zeit-Lupe

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Anton Geesink (links). Foto: Nationalarchiv der Niederlande

Tokio, 23. Oktober 1964: Judo ist in Japan erstmals olympischer Sport. Die Gastgeber sind siegesgewiss, doch im Kampf um die wichtigste Goldmedaille werden sie von einem...

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. Der britische Journalist Ian Buruma fand martialische Worte für das, was sich am Abend des 23. Oktober 1964 in der Nippon Budokan Hall im Herzen Tokios abgespielt hatte: "Es war so, als ob die antike Sonnengöttin Amaterasu in aller Öffentlichkeit von einer Horde fremder Dämonen vergewaltigt worden wäre." Dabei ging es "nur" um Judo, zu deutsch: "der sanfte Weg".

Doch in Japan, wo Judo quasi Nationalreligion ist, wurde dieser verlorene Kampf vor 50 Jahren als Jahrhundert-Schmach empfunden. Erstmals war der Kampfsport in Tokio olympisch, die ersten drei Goldmedaillen waren standesgemäß im Land der aufgehenden Sonne geblieben. Doch die Wichtigste, jene in der offenen Klasse, der Allkategorie, gewann ein Niederländer: ImFinale besiegte Anton Geesink den japanischen Meister Akio Kaminaga mit einem gnadenlosen Haltegriff. Die ganze Mannschaft Nippons hockte nach dem Schock weinend in der Kabine.

Schnell, stark und ein Technik-Genie

Dabei war diese Niederlage keineswegs vom Himmel gefallen. Geesink, 1934 in Utrecht geboren, hatte schon 1961 als erster Nicht-Japaner einen WM-Titel gewonnen. "Geesink war technisch ein Genie, sehr stark und unglaublich schnell", schwärmte der US-Judoka Jim Bregman, der in Tokio Bronze gewann. Die Japaner trösteten die unbestrittenen Fähigkeiten des 21-fachen Europameisters kaum über die Niederlage hinweg. Immerhin verpassten sie dem blonden Riesen als höchste Anerkennung ihren Orden des Heiligen Schatzes.

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Geesink ließ seiner Sportlerkarriere ein bewegtes Leben folgen. Er arbeitete als Wrestler, stand als "Samson" vor der Filmkamera und wurde 1987 Mitglied im Internationalen Olympischen Komitee. Im Korruptionsskandal um die Winterspiele 2002 in Salt Lake City kassierte er eine Verwarnung, doch Geesinks guter Ruf litt nicht. Er starb am 27. August 2010 in seiner Geburtsstadt. Bis zuletzt wohnte der 1,98 Meter große und 130 Kilogramm schwere Hüne in einer Straße, die schon zu seinen Lebzeiten Anton Geesink Straat hieß.

Die Karriere von Anton Geesink und der Olympiasieg gegen Akio Kaminaga 1964 in Tokio: