8,95 Meter - der unvollkommene Jahrhundertsprung

aus Zeit-Lupe

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Was für ein Satz! Mike Powell springt bei der Leichtathletik-WM 1991 in Tokio 8,95 Meter weit.Archivfoto: imago

Weitspringer Mike Powell fliegt bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft 1991 in Tokio 8,95 Meter weit. Weltrekord. Doch der US-Amerikaner glaubt, er hätte bei anderen...

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. Von Ulrich Gerecke

Viele Weltrekorde in der Leichtathletik sind von Makeln behaftet und von Zweifeln verfolgt. Doch ausgerechnet der Mann, der den Jahrhundert-Weitsprung von Bob Beamon (8,90 Meter/1968) aus den Rekordbüchern tilgte, blieb von jeglichen Anwürfen verschont. Und das seit 25 Jahren.

„Inzwischen ist es so etwas wie mein Geburtstag“, hat Mike Powell über den 30. August 1991 einmal gesagt. Als er an jenem Abend in Tokio 8,95 Meter weit sprang, bedeutete das mehr als WM-Gold und einen Triumph über seinen Landsmann und Dauerrivalen Carl Lewis, der mit 8,91 Meter Silber holte. Der 27 Jahre alte Amerikaner hatte Geschichte geschrieben.

Besonders elastische Anlaufbahn

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Generationen von Weitspringern hatten sich zuvor vergeblich an Beamons 8,90 Metern die Zähne ausgebissen. Über das Geheimnis von Powells Wundersprung ist viel diskutiert worden. Fakt ist, dass die Anlaufbahn im Nationalstadion von Tokio besonders elastisch war und nach heutigen Maßstäben unzulässig wäre. Powell hatte mit 1,30 Meter pro Sekunde bei seinem fünften Versuch nahezu perfekten Rückenwind (Lewis war im vierten Versuch 8,91 Meter weit geflogen, aber mit zu viel Schiebewind). Trotzdem meinte Powell hinterher: „Es war kein perfekter Anlauf, kein perfekter Sprung.“ Im Idealfall wären bis zu 9,20 Meter möglich gewesen, meinte er.

Dass es so wenig Zweifel an seiner Leistung gab, begründete Powell auch mit seiner langen sportlichen Vita: „Ich bin Stück für Stück besser geworden, manchmal gab es Rückschritte, das war alles normal, menschlich.“ Manchmal, sagte er im vergangenen Jahr dem „Tagesspiegel“, sei er selbst überrascht, dass sein Rekord so lange gehalten habe.

Powell bestätigte seine Leistung 1993 mit dem WM-Sieg in Stuttgart. Nur bei Olympia hatte der Jahrhundertspringer nie Glück, da räumte Lewis von 1984 bis 1996 vier Goldmedaillen in Serie ab, Powell blieb nur zweimal Silber. „Das olympische Gold fehlt mir, es verfolgt mich“, bekannte Powell selbst. „Meine Karriere ist nicht komplett.“ Trotz 8,95 Metern.