Keine Schlammschlacht, aber Ursachenforschung um Matschke

Raus als Trainer der HSG Wetzlar: Benjamin Matschke. © Ben

Volkmar Schäfer arbeitet im "Einwurf" den Trainer-Rauswurf bei der HSG Wetzlar aus persönlicher Sicht auf. Dazu wirft er einen kurzen Blick lahnaufwärts nach Gießen zu den 46ers.

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. . Sie, liebe Leser, kennen den Autor dieser Zeilen als ständigen Berichterstatter der HSG Wetzlar. Sprich: Jetzt mal Butter bei die Fische. Denn den Begriff "Trainerentlassung" gab es im grün-weißen Sprachgebrauch schon sehr lange nicht mehr. Hatte natürlich mit der Halbwertzeit eines gewissen Kai Wandschneider zu tun, aber auch mit den gemeinsamen Plänen der Vereinsverantwortlichen und eines Ben MatschkeErstere dachten, sie hätten den richtigen Mann gefunden, der die großen Fußstapfen seines eher klein gewachsenen Vorgängers ausfüllt. Und sie sahen sich bestätigt in den Anfangsmonaten, als die HSG in ihrer 24. Saison in Folge die Konkurrenz in der Handball-Bundesliga aufmischte. Es lief wie am Schnürchen für alle Beteiligten, da konnten auch die Corona-Pandemie und die damit verbundene schmerzlich vermisste Stimmung auf den Rängen der Buderus-Arena nichts ändern. Dann kam eine Rückrunde 21/22, die mit einem tollen Remis gegen Flensburg begann, grandiose Auswärtssiege bei den Rhein-Neckar Löwen und in Hannover beinhaltete und mit einem - wenn auch nicht mehr zum Europapokal reichenden - Happy End gegen Minden abgeschlossen wurde.

Raus als Trainer der HSG Wetzlar: Benjamin Matschke. © Ben
Raus als Geschäftsführer der Gießen 46ers: Sebastian Schmidt. © Michael Schepp

. Der unwirklich scheinende siebte Platz hat den Blick auf die Realitäten aber verklärt - auf die, die waren, und auch auf die, die kommen sollten. Im Sommer wurde der Wetzlarer Kader umgekrempelt. Allen voran ließ der Club Olle Forsell Schefvert ziehen. Den, wie sich mehr und mehr herausstellte, bei der HSG so schnell keiner ersetzen kann und wird. Mit Vladan Lipovina wurde eine Semi-Ersatzlösung für den lange ausfallenden Stefan Cavor gewählt. Der vorne an guten Tagen sehr gute Rückkehrer ist hinten keine Bank für große Abwehrtaten. Anstelle des ohne Not verabschiedeten Felix Danner kam Erik SchmidtEin Kreisläufer mit einer erstaunlichen Vita, der aber nach dem Gewinn der Europameisterschaft 2016 mit dem DHB-Team nicht wirklich den Erweis erbracht hatte, ein echter Defensiv-Leader zu sein. Und ansonsten "junges Gemüse", mit dem der Trainer (selbst ausgestattet mit einem Vertrag bis 2025) ein Team für die Zukunft aufbauen sollte. Leicht ist anders.

. Dieses Projekt ist gescheitert. Und nicht, weil Ben Matschke kein ausgewiesener Handball-Fachmann ist. Auch nicht, weil er nicht alles, was in seiner Macht stand, für die Entwicklung des Teams investierte. Und auch nicht, weil der Schwetzinger angeblich trotz angespannter Lage weniger in Wetzlar als vielmehr bei seiner Familie im Badischen gewesen sein soll (das ist kein stichhaltiges Argument, wenn man weiß, wie oft der Reporter den HSG-Trainer beim häuslichen Schneiden von Gegner-Videos in den vergangenen eineinhalb Jahren unterbrochen hat). Sondern in allererster Linie, weil die Ergebnisse fehlten, die Erfolgserlebnisse für den Coach und seinen Kader, der - das darf man nicht vergessen - auch noch den verletzungsbedingten Ausfall von Magnus Fredriksen verkraften musste. "Schlammschlacht um Matschke" oder "Matschke mit Dreck beworfen" - solche Aufmerksamkeit erhaschenden Schlagzeilen darf, kann und wird es nicht geben. Der 40-Jährige ist menschlich "1A", und nur die Mechanismen des harten Profigeschäfts haben das Fass, das gar nicht voll wirkte, zum Überlaufen gebracht.

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. Die spannende Frage ist nun: Wer tritt Matschkes Nachfolge auf der HSG-Bank an? Jasmin Camdzic antwortete darauf, ob er denn schon mit Kai Wandschneider telefoniert hätte, am Mittwoch: "Seine Meinung zu hören, ist nie schlecht. Und wenn wir hier über Analyse oder Handball allgemein sprechen, dann bekommen sie ein Ja. Aber wenn Sie fragen, ob wir über den neuen Trainer gesprochen haben? Dann sage ich Nein." Es darf weiter in viele Richtungen und Ecken dieser Handball-Welt spekuliert werden. Bald, sehr bald sind wir alle schlauer! Und die HSG Wetzlar mit dem passenden Mann an der Linie hoffentlich auf dem Wege der Besserung.

. Apropos auf dem Weg der Besserung: Das wünschen wir immer Menschen, die erkrankt sind. So auch Sebastian Schmidt, über dessen genauen Gesundheitszustand weiter der Mantel des Schweigens gehüllt wird. Der aber seit Dienstag nun auch offiziell kein Geschäftsführer der Gießen 46ers mehr ist. Jonathan Kollmar löst den Ex-Braunschweiger ab, damit ist der Basketball-Zweitligist einen Schritt weiter als die noch Trainer suchenden Profikollegen lahnabwärts. Alles Weitere an möglichen Gründen für Schmidts Demission wird sich weisen. Der Autor dieser Zeilen gönnt sich, und sei es noch so diskutabel, jetzt die Zeit für einen kleinen Blick auf das erste deutsche Spiel bei dieser so absurden Fußball-WM. Tschüss!

Von VolkmarSchäfer