Torsten Frings: der mutige Leitwolf

aus SV Darmstadt 98

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Lässt viele Freiheiten, verlangt aber auch viel: Torsten Frings vertraut seinen Spielern. Foto: Jan Hübne

Um den Torsten Frings einschätzen zu können, der heute als Cheftrainer des SV Darmstadt 98 das Sagen hat, ist zwingend ein Blick in die Vergangenheit nötig. "Ich komme aus...

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DARMSTADT. Um den Torsten Frings einschätzen zu können, der heute als Cheftrainer des SV Darmstadt 98 das Sagen hat, ist zwingend ein Blick in die Vergangenheit nötig. Ein Blick, der zurückgeht in eine kleine Wohnung in der Nähe von Würselen. Torsten und seine fünf Geschwister - "wir waren drei Mädchen und drei Jungs" - werden dort in Alsdorf mit den Eltern Dieter und Adelheid groß. Die sechs Kinder teilen sich lange ein Zimmer, bis endlich, nach unzähligen Schichtdiensten des Vaters, das nötige Kleingeld für ein zweites Kinderzimmer erspart ist. "Ich komme aus einfachen Verhältnissen. Jeder von uns lernte zurückzustecken. Aber man musste für das kämpfen, was man haben wollte." Diese Kampfbereitschaft, sein unbändiger Wille, sich durchzusetzen und nie aufzugeben, das ist vielen noch in bester Erinnerung. Denn es sind genau diese Attribute, die ihn als Nationalspieler - mit schweißnass am Schädel klebendem Haar und geballter Faust - für ganz Deutschland zum Helden machten.

Dabei ist der heute 40 Jahre alte Liebhaber schneller Autos keiner, den man als Außenstehender auf den ersten Blick liebgewinnt. Mit seiner bollerigen Art erobert er sein Gegenüber nicht gerade im Sturm. Will er aber auch nicht, was ihn authentisch und somit schon wieder sympathisch macht. Lammfromm wird der sonst so streitbare Geist, wenn es um seine Kinder Lisa Katharina (16), Lena Alina (14) und Luke (3) geht. "Die können mich wirklich gut um den Finger wickeln, so dass ich kaum einen Wunsch abschlagen kann. Leider kann ich bei ihnen überhaupt nicht streng sein", gesteht Frings lächelnd.

Mit seinem, wie er selbst sagt, "offenen und direkten Charakter" eckt er immer wieder an. Frings ist ein Mann, der das offene Visier bevorzugt - auf und abseits des Platzes. Er kann sich das leisten, denn er braucht sich und seine Erfolge nicht zu verstecken: Zwei Mal DFB-Pokalsieger und Uefa-Cup-Finalteilnehmer mit Werder Bremen, Double-Gewinner mit dem FC Bayern München, 90 Spiele im Trikot der Nationalmannschaft, mit der er Vize-Europa- und Vize-Weltmeister wird. Wenig ist ihm in den Schoß gefallen. "Ich musste mich nach oben kämpfen", sagt er rückblickend.

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Da die Familie nur 500 Meter von einem Sportverein entfernt wohnt, beginnt Torsten schon mit vier Jahren mit dem Fußballspielen. "Ich habe zwar auch erst einmal die Blumen auf dem Spielfeld gepflückt", erinnert er sich schmunzelnd. "Als der Ball dann aber richtig dazu kam, hat mich die Leidenschaft für diese Sportart nie wieder losgelassen." Mit seinem fußballbegeisterten Vater besucht er als Kind Heimspiele von Borussia Mönchengladbach. "Mein Vater hat mich unter seiner Jacke oft auf den alten Bökelberg geschmuggelt", verrät Frings schmunzelnd.

Bis zu seinem 14. Lebensjahr spielt er unterklassig bei den Vereinen seines Heimatdorfes Alsdorf. "Ich bin alle zwei Jahre zwischen Rot-Weiß und Rhenania gewechselt. Je nachdem, wo meine besten Freunde gerade spielten." Ein Nachwuchsleistungszentrum hat Frings nie von innen gesehen. "Damals gab es das nicht, dass Vereine sich vollumfänglich um dich kümmern - vom Training bis zur Schule. Mein Trainer war Taxifahrer, heute sind das in großen Vereinen bei den Kleinsten schon Profitrainer." Frings muss sich um all das selber kümmern.

Nach seinem Wechsel zu Alemannia Aachen im Jahr 1990 erwacht in dem 15-Jährigen der Ehrgeiz. Der Teenager überspringt eine Mannschaft, spielt später gleichzeitig in der A-Jugend und trainiert mit der Regionalliga-Mannschaft von Trainer Gerd vom Bruch. "In dieser Zeit wurde ich süchtig nach Training. Obwohl ich mit den Profis trainierte, ging ich abends trotzdem noch zur A-Jugend, um dort die Einheit mitzumachen." Er schließt die Schule mit der Fachhochschulreife ab, hat aber nur noch ein Ziel vor Augen: Fußballprofi.

1997 kommt ein Anruf aus Bremen: Thomas Schaaf holt das Talent, damals noch als Mittelstürmer, für die U 23-Mannschaft zum SV Werder. "Während der Vorbereitung habe ich es geschafft, mich direkt in der ersten Mannschaft festzusetzen. Ich war mutig, frech und habe den Kampf angenommen. So, wie ich das eben von klein auf gewohnt war und nie wieder abgelegt habe", resümiert er sichtlich ein klein wenig stolz.

Ihm gelingt das, obwohl die Bremer zu jener Zeit auf der nationalen und internationalen Bühne eine feste Größe sind. Sein erstes Pflichtspiel von Beginn an für Werder absolviert er allerdings nicht als Mittelstürmer, sondern als rechter Verteidiger. "Beide Spieler auf dieser Position waren verletzt. Der Trainer fragte mich, ob ich das spielen könne. Ich sagte ja, obwohl ich das noch nie vorher gemacht hatte. Ich wollte unbedingt spielen, deshalb habe ich ja gesagt." Das Experiment gelingt, und kurze Zeit später ist Frings Nationalspieler auf dieser Position. Der Defensivspieler Frings ist geboren.

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Mit diesem ersten Wechsel zu Werder Bremen beginnt eine Liaison, die mit kurzen Unterbrechungen 14 Jahre dauern wird. "Besonders während der ersten Zeit zwischen 1997 und 2002 war das wie in einer Familie. Der Verein war noch nicht so groß, der Zusammenhalt immens. Ich hatte mit Thomas Schaaf einen Trainer, der mich extrem gefördert hat. Die sportlichen Erfolge stellten sich ein, ich wurde Nationalspieler - da hat einfach alles gepasst."

Nach fünf Jahren im Trikot der Grün-Weißen sucht Frings im Jahr 2002 neue Aufgaben. Er wechselt zum Deutschen Meister und Champions-League-Teilnehmer Borussia Dortmund. "Ich bin ein ehrgeiziger Typ, deshalb war das damals der richtige Schritt, meine Karriere voranzubringen. Und obwohl ich wegen eines Kreuzbandrisses vier Monate pausieren musste, hatte ich eine super Zeit bei der Borussia und wäre sicher auch länger geblieben, wären die finanziellen Probleme nicht so immens groß gewesen in Dortmund."

Was folgt, ist eines der unschönen Kapitel im bisherigen Leben des Torsten Frings. Er wechselt im Sommer 2004 für 9,25 Millionen Euro Ablöse zum FC Bayern München, "weil ich immer einmal dort spielen wollte". Alleine der Zeitpunkt des Wechsels war "nicht der richtige", wie er heute sagt. Von Ottmar Hitzfeld gewünscht, erwartet ihn bei seiner Ankunft zur Saison 2004/05 Felix Magath als Trainer des FC Bayern. "Magath und ich waren wie Hund und Katz. Wir hatten große zwischenmenschliche Probleme. Ich muss mich aber wohlfühlen, um gute Leistungen bringen zu können." Die Stadt und den Verein habe er trotzdem in bester Erinnerung.

So folgt nach nur einer Saison die Rückkehr in den Schoß der Werder-Familie. "Es war eine Befreiung für mich, wieder nach Bremen zu kommen. Ich wusste, was mich erwartet. Trainer Thomas Schaaf war und ist bis heute wie ein Vater für mich." Frings entwickelt sich auf der Position des Sechsers zum viel beschriebenen "Bremer Braveheart." Nicht nur, weil er mit Per Mertesacker und Diego zu den Führungsspielern seines Teams gehört, sondern auch, weil er sich äußerlich verändert: Die Haare werden länger, Arme und Rücken zeichnen große Tattoos. "Mir gefallen die langen Haaren einfach besser, und meine Tattoos haben alle eine wichtige Bedeutung für mich. Mehr hinein zu interpretieren wäre nicht richtig."

Als Nationalspieler ist Frings eine feste Größe und Teil des "Sommermärchens" während der WM 2006 im eigenen Land. Nicht wenige sind nach der überragenden Leistung des Bremers im Viertelfinale gegen Argentinien der Meinung, man hätte das Halbfinale gegen Italien nicht verloren, hätte der gesperrte Frings spielen dürfen. Torsten aus der kleinen Wohnung in Alsdorf ist nun da, wo er immer hinwollte: Ganz oben.

Doch der Ruhm bringt auch Schattenseiten in das Leben des Mannes, der gerne in Ruhe gelassen wird und zum Angeln geht. "Der Hype, der um uns Fußballspieler gemacht wird, ist enorm. Man muss permanent aufpassen, was man macht, wohin man geht. Natürlich hat man auch Vorteile, weil man oft bevorzugt behandelt wird. Aber man ist extrem eingeschränkt in dem was man macht, und die Intensität dieses Lebens ist extrem", urteilt Frings.

Als er in der Nationalmannschaft nach der EM 2008 immer weniger Berücksichtigung von Bundestrainer Joachim Löw findet, nimmt er das nicht still hin. Typisch Frings, tut er das mit offenem Visier. Ihm missfällt die Art und Weise, wie mit ihm und mit Michael Ballack umgegangen wird. Und er spricht das aus, was andere nur denken. Das tut der im Sternkreiszeichen des Skorpions Geborene bis heute, weil er nichts darauf gibt, was andere von ihm denken. Im Herbst 2009 kommt es schließlich zum völligen Zerwürfnis mit Löw, das Thema Nationalmannschaft ist abgehakt.

Nachdem er im selben Jahr mit Werder im Uefa-Cup-Finale steht und nochmals den DFB-Pokal gewinnt, verabschiedet sich der große Nordamerika-Fan im Jahr 2011 aus Deutschland und schließt sich dem kanadischen Erstligisten FC Toronto an. Es beginnt eine Zeit, in der er wieder "ein in der Öffentlichkeit normaler Mensch" wird. Er, der die Anonymität so sehr schätzt, kann in Kanada endlich wieder aufatmen. "Keiner kannte mich dort, ich konnte mich völlig frei bewegen und zwei Jahre mal völlig abschalten. Mir ist dort bewusst geworden, wie groß der Hype um meine Person eigentlich war und dass man das gar nicht braucht, um ein schönes Leben zu führen. Ich wäre auch noch sehr viel länger dort geblieben."

Der Töchter wegen kehrt er 2013 nach Bremen zurück und übernimmt das Amt des Co-Trainers an der Seite von Viktor Skripnik, der mit ihm 1997 zeitgleich zu Werder gekommen war und mit dem ihn eine enge Freundschaft verbindet. Die beiden steigen zum Trainerteam der Profimannschaft auf und schaffen nach einer verkorksten Saison 2014/15 den kaum noch für möglich gehaltenen Klassenerhalt. Doch schon in der nächsten Saison ist im Herbst Schluss für Skripnik. "Man hatte uns Co-Trainern gesagt, dass wir uns für den neuen Cheftrainer bereithalten sollen. Für mich war aber klar, dass ich ohne Viktor keine Zukunft mehr haben werde, weil wir als Trainerteam sehr eng miteinander verbunden waren und ich ein loyaler Mensch bin. Das habe ich zu keiner Sekunde bereut, auch wenn es wehgetan hat, da ich mit Herz und Seele für den Verein Werder Bremen gearbeitet habe."

Frings hätte also durchaus Teil der Werder-Familie bleiben können, doch wie so oft ist sein Weg ein anderer: ein mutiger, ein eigenwilliger. Er macht es sich nicht bequem, sondern wird im Dezember 2016 Cheftrainer des abstiegsbedrohten SV Darmstadt 98. Einem Verein, der zwar viel Familiäres und eine gehörige Portion Tradition zu bieten hat, dafür umso weniger finanzielle Mittel.

Ein riskanter Weg, den Torsten Frings gegangen ist, weil er keine halben Sachen macht. Wenn er etwas unbedingt will, gibt er sein letztes Hemd dafür. Dann geht er voran und gibt nie auf. So, wie heute als Cheftrainer bei den Lilien - und so wie schon damals als kleiner Junge im Kreise der Geschwister.

Von Melanie Kahl-Schmidt