SV Darmstadt 98-Profi Baris Atik: Vom Betonplatz bis in die...

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Der offensive Mittelfeldspieler Baris Atik hat sich vom "Vierfelderplatz" in Mörsch bis in die höchsten Spielklassen gekämpft. Dem Neuzugang im Trikot von...

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DARMSTADT. Vom Tellerwäscher zum Millionär - dieser Spruch, der den amerikanischen Traum vom sozialen Aufstieg umschreibt, gilt in leicht abgewandelter Form auch für Lilien-Neuzugang Baris Atik: vom Betonplatzkind zum Bundesligaprofi. Der 23 Jahre alte Deutsch-Türke hat mehr als zehn Jahre auf dem "Vierfelderplatz" in Mörsch, einem Stadtteil seiner Heimatstadt Frankenthal, mit seinen Freunden auf einem Betonplatz Fußball gespielt. Dabei hat der feine Dribbler seine Stärken veredelt: technisch versiert mit viel Intuition spielend, mutig und immer auf Sieg ausgerichtet. Denn, so sagt der bis Sommer 2019 bei 1899 Hoffenheim unter Vertrag stehende Moslem, "auf der Straße gab es nur gewinnen oder verlieren". Eine Einstellung, die er bis heute in sich trägt.

Als Sohn türkischer Einwanderer wird Baris mit drei Geschwistern im rheinland-pfälzischen Frankenthal zwischen Worms und Ludwigshafen groß. "Ich war zwar früh auf mich allein gestellt, aber mir wurde von meinen Eltern immer mitgegeben, dass Familie, Stolz, Ehre und Respekt sehr wichtig in unserer Familie, aber auch in unserer Kultur sind. Das habe ich wirklich sehr verinnerlicht. So schätze ich Menschen sehr, die diese Tugenden ebenfalls teilen."

Die Verbindung zur Familie ist eng. So widmet er Tore gerne heute auch einmal seiner Mutter, die Anfangsbuchstaben der Namen seiner Eltern und Geschwister hat er sich tätowieren lassen. Der muslimische Glaube gibt ihm Halt, dennoch passt er sich in der Ausübung an die Gegebenheiten in Deutschland an. "Wenn ich bete, passieren immer gute Dinge, und es gibt mir einfach ein gutes Gefühl. Aber ich lebe den Glauben nicht so streng aus wie andere. Mir ist der Glaube sehr wichtig, aber ich bin hier in Deutschland geboren und aufgewachsen und habe mich an die deutsche Kultur angepasst", gibt er ehrlich zu.

Bereits im Kindergarten gibt es für den kleinen und flinken Jungen nur eine interessante Sache: den Fußball. "Wann immer es ging, habe ich dort Fußball gespielt. Dann fand einmal ein Turnier statt, bei dem die Kindergartenkinder und die Väter der Kinder mitspielten. Ich habe in einem Spiel sieben von acht Toren erzielt. Bei diesem Turnier war meine ganze Familie da, und alle waren etwas geschockt, weil sie gar nicht wussten, dass ich mich so für Fußball interessiere und das dann auch noch so gut mache. Von da an war ihnen klar, was sie da in der Familie hatten", erinnert sich Atik schmunzelnd.

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Von nun an nimmt ihn sein sieben Jahre älterer Bruder täglich zum "Vierfelderplatz" mit, einem Quadrat aus Stein und Beton, auf dem die Kinder aus den Wohnblocks den ganzen Tag spielen. "Wir hatten uns zwei Steinblöcke als Tore auf jede Seite gelegt, und dann ging es los. Am Anfang dufte ich nie mit den Älteren zusammenspielen, bis es mir irgendwann gereicht hat und ich einfach aufs Feld gegangen bin. Auch wenn sie mich vom Platz trugen, ich bin immer wieder zurückgekommen. Das ging so lange, bis sie endlich zustimmten, dass ich mitspielen darf", gibt er seine Hartnäckig- keit zu.

Er habe sich schon damals nichts gefallen lassen und wollte nie verlieren gegen die Älteren. "Am Anfang musste ich ins Tor, bis sie gemerkt haben, dass das mit meiner Körpergröße nichts wird. Danach durfte ich ins Feld wechseln und habe die älteren Jungs schwindelig gespielt. Das fand mein Bruder natürlich klasse, und je älter ich selbst wurde, desto öfter durfte ich mitspielen. Obwohl ich jünger und kleiner war", erzählt er selbstbewusst. Mit der Straßenmannschaft "die Scorpions" treten Baris und seine Freunde auch gegen Teams aus anderen Blöcken oder Stadtteilen Frankenthals an. "Es gab sogar Einsätze. Jedes Team hat 30 oder 40 Euro eingesetzt, und der Gewinner hat dann alles gewonnen." Die Zeit mit den Kumpels auf dem "Vierfelderplatz" hat jedoch nicht nur seinen Spielstil, sondern auch seinen Charakter geprägt. "Man war täglich mit Jungs zusammen, die materiell und finanziell nicht auf Rosen gebettet waren. Viele hatten nicht einmal etwas zu trinken dabei. Man hilft sich gegenseitig und teilt das, was man selbst hat, auch wenn das ebenfalls nicht viel ist. So etwas prägt und stärkt dich für dein ganzes Leben. Die Jungs sind Freunde fürs Leben geworden. Wie Wilson Kamavuaka schon sagte: Man darf nie vergessen, wo man herkommt."

Für Baris steht früh fest, dass er Fußballprofi werden möchte. Dass es dazu nicht genügt, nur den Straßenfußball mit seinen eigenen Gesetzen zu beherrschen, ist ihm klar. Er beginnt mit fünf Jahren beim VRT Frankenthal, im Verein das Fußballspielen zu lernen. "Es gibt einen großen Unterschied zum regelfreien Straßenfußball. Denn im Verein musst du genau solche beachten, musst deine Position halten, taktische Vorgaben umsetzen und Disziplin haben. Doch das sind die Dinge, die man eben braucht, um ein erfolgreicher Profifußballer zu werden." Bis heute liegt ihm der Straßenfußball im Blut. "Es geht nur um gewinnen oder verlieren. Es ist ein ehrlicher Fußball, und es gewinnen einfach die Besten, ohne zu taktieren. Wer auf der Straße gut ist, bei dem weiß ich, dass er es fußballerisch einfach draufhat."

Dass er seine Sache auch als Vereinsfußballer gut macht, zeigt die Tatsache, dass Baris nach nur einem Jahr zum SV Waldhof Mannheim wechselt. Der Traditionsverein, der von 1983 bis 1990 in der Ersten Liga spielte, bildet das junge Dribbeltalent in allen Junioren-Jahrgängen aus und wird zu dessen Herzensverein. "Ich habe bis zur U 19 in Mannheim gespielt. Es waren insgesamt zwölf Jahre, die ich dort verbracht habe, und diese Zeit hat mich unglaublich beeinflusst. Ich habe dort alles gelernt, was man im Vereinsfußball lernen muss. Ich wohnte zu Hause in Frankenthal und besuchte dort auch die Schule, aber mein Lebensmittelpunkt wurde dann mehr und mehr Mannheim. Egal bei welchem Verein auch immer ich spiele, Waldhof Mannheim wird immer einen Platz in meinem Herzen haben."

Als er mit der U 19 des SV Waldhof Mannheim im Abstiegskampf gegen 1899 Hoffenheim spielt, gelingen ihm ein Tor und eine Vorlage zum Sieg gegen die favorisierten Hoffenheimer. "Leider sind wir am Ende trotzdem abgestiegen. Danacist Hoffenheim aber an mich herangetreten und hat mich von einem Wechsel überzeugt", blickt Atik zurück.

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Mit dem Wechsel in eines der besten Nachwuchsleistungszentren Deutschlands öffnen sich neue Türen für den quirligen Kreativspieler. "Es war schon eine Umstellung von einem Traditionsverein, bei dem sehr viel über ehrenamtliche Helfer läuft, zu einem hochprofessionellen Verein wie Hoffenheim zu wechseln. Aber ich habe schnell erkannt, dass ich die hervorragenden Bedingungen für mich nutzen kann, um meine Stärken weiter zu verbessern und an meinen Schwächen zu arbeiten. Die Möglichkeiten, die man in Hoffenheim hat, sind unfassbar."

Mit Julian Nagelsmann hat er einen Trainer in der U 19, der seine intuitive Art, Fußball zu spielen, sehr schätzt. "Julian Nagelsmann ist ein Trainer, dem es egal ist, ob du alt oder jung, erfahren oder unerfahren bist. Sobald du Leistung bringst, spielst du unter ihm. Es gefällt mir an einem Trainer, wenn er nur auf die Leistung schaut und ehrlichen Fußball spielen will. Diese Tugenden sind ja auch im Straßenfußball wichtig, und daher habe ich großen Respekt vor ihm. Er hat meine Stärken immer mehr aus mir herausgekitzelt und wusste genau, wie ich ticke. Er war wahrscheinlich der wichtigste Trainer in meiner bisherigen Profilaufbahn."

Mit der U 19 wird Atik 2014 Deutscher A-Junioren-Meister und schafft in der Folge sogar den Sprung in das Profiteam. Im Dezember 2016 steht er erstmals in einem Erstligaspiel gegen den 1. FC Köln auf dem Feld. Er hat es geschafft: vom Betonplatzkind zum Bundesligaprofi. "Das war ein Traum, der in Erfüllung ging. Dafür arbeiten wir Fußballer jahrelang, und es war mein größtes Ziel. Ich habe mir das Datum auf dem Arm verewigen lassen", sagt der türkische U 18- und U 19-Nationalspieler stolz.

Nach seinem Debüt folgen zwei weitere Einsätze im Fußball-Oberhaus, bevor er im Winter 2016/17 der regelmäßigen Spielpraxis wegen an SK Sturm Graz verliehen wird. Ein Plan, der voll aufgeht. Ein ums andere Mal wirbelt Atik in der Österreichischen Ersten Liga seine Gegenspieler schwindelig. In 16 Einsätzen innerhalb von sechs Monaten erzielt er fünf Treffer und hilft seinem Team, in die Europa-League-Qualifikation einzuziehen. "Es war eine sehr schöne Zeit in Graz, die mir sehr viel Spaß bereitet hat und mich auch persönlich abseits des Platzes weitergebracht hat. Ich hätte die Ausleihe noch verlängern können, denn man war dort sehr zufrieden mit mir. Auch die Art, Fußball zu spielen, mit spielerischen Mitteln die Dinge zu lösen, kam mir dort sehr entgegen. Aber ich wollte zurück in den deutschen Profifußball und meine Qualitäten dort zeigen", sagt der auf nahezu allen Offensivpositionen einsatzbare Deutsch-Türke.

Nach einem halben Jahr beim 1. FC Kaiserslautern, bei dem es "einfach nicht so gut passte", ist Baris Atik seit Januar eine Lilie. Sein Vertrag in Hoffenheim läuft noch bis zum Sommer 2019. Ob und wann er dorthin zurückkehren wird, steht in den Sternen. Wichtig ist für ihn, Spielpraxis zu sammeln und durch gute Leistungen auf sich aufmerksam zu machen.

Kein leichtes Unterfangen für einen unbekümmert aufspielenden Filigrantechniker in der durch Robustheit und Kampfstärke bestimmten Zweiten Liga. "Das stimmt. Kaum dass man den Ball hat, kommt meist schon ein Gegenspieler angerauscht, der dich entweder voll attackiert oder umsenst. Das ist schon ein wesentlicher Unterschied zur Spielweise in der Ersten Liga, aber auch zum Fußball in Österreich. Ich versuche trotzdem, meine Stärken auch hier einzubringen und am Ende gemeinsam den Klassenerhalt mit den Jungs zu schaffen. Und selbst wenn ich am Ende nur einen kleinen Teil dazu beigetragen habe, werde ich dennoch zufrieden sein", sagt der emotionale Offensivspieler, der in Sinsheim lebt und eine tägliche Fahrgemeinschaft mit dem aus Nußloch kommenden Aytac Sulu bildet.

Dass er bis heute nur sehr schlecht verlieren kann und danach tagelang kaum ansprechbar ist, resultiert übrigens auch noch aus seiner Zeit als Straßenfußballer. Und man merkt auch deshalb bis heute, wo die Wurzeln seines Könnens liegen: auf einem Betonplatz im rheinland-pfälzischen Frankenthal.

Von Melanie Kahl-Schmidt