SV Darmstadt 98-Neuzugang Slobodan Medojevic: Ein bescheidener...

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Spricht man mit ehemaligen Weggefährten über Slobodan Medojevic, so herrscht große Einigkeit: Der 27-jährige Serbe ist ein absolut feiner Kerl und ein untadeliger...

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DARMSTADT. Spricht man mit ehemaligen Weggefährten über Slobodan Medojevic, so herrscht große Einigkeit: Der 27-jährige Serbe ist ein absolut feiner Kerl und ein untadeliger Sportsmann. In der Tat werden Ehrlichkeit, Fairness und der Respekt anderen gegenüber bei dem 1,82 Meter großen Defensivspieler mit den dunkelbraunen Knopfaugen extrem groß geschrieben.

Sein einziges Problem bisher: die Verletzungsanfälligkeit. Nur vier Spiele konnte er in dreieinhalb Jahren bei Eintracht Frankfurt völlig schmerzfrei bestreiten. Eine angeborene Fehlstellung der Ferse wurde viel zu spät als Ursache der chronischen Achillessehnenbeschwerden erkannt. Doch diese in jeder Hinsicht schmerzhafte Phase hat der ruhige und bescheidene ehemalige Junioren-Nationalspieler Serbiens hinter sich. Seit Januar verstärkt er das Team des SV Darmstadt 98 - und er richtet seinen Blick ausschließlich nach vorne.

Slobodan Medojevic verbringt seine ersten 21 Lebensjahre ausschließlich in Novi Sad, einer Kleinstadt am Ufer der Donau im Norden Serbiens. 1990 als zweites Kind der Familie geboren, erleben seine Eltern mit ihm und seiner Schwester ein Jahr später den Ausbruch des Jugoslawien-Krieges. "Ich kann mich an die ersten Jahre nicht erinnern und von daher nur das berichten, was mir meine Eltern darüber erzählten. Wir waren zwar nicht direkt betroffen, aber indirekt durch die Inflation sehr wohl. Es war schwierig für meine Eltern, mit Geld, das kaum mehr etwas wert war, die Familie über Wasser zu halten." Die Tatsache, dass die Familie zusammenhalten und sparen musste, hat ihn geprägt: "Ich respektiere jeden Cent, den ich verdiene, und ich bin keiner, der das Geld einfach so mit vollen Händen ausgibt. Dazu habe ich von meinen Eltern gelernt, jeden Menschen zu respektieren - unabhängig von Nationalität, Hautfarbe oder Beruf. Es zählt für mich nur, ein guter Mensch zu sein."

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Als am 24. März 1999 die Nato beginnt, Jugoslawien zu bombardieren, ist Slobodan Medojevic gerade einmal acht Jahre alt. Trotz der damit verbundenen hehren Ziele, die systematischen Verletzungen der Menschenrechte im Balkan-Konflikt zu unterbinden und eine humanitäre Katastrophe im Kosovo zu verhindern, leiden die Zivilisten - ganz besonders die Kinder. "Während der drei Monate der Bombardierungen konnten wir Kinder nicht zur Schule gehen. Wenn wir nachts die Bombardements hörten, mussten wir schnell in den Keller rennen. Das alles war zwar schlimm, hat mich aber stärker gemacht. Eigentlich unsere ganze Nation", spricht er nachdenklich von dieser Zeit.

Die Heimat zu verlassen, kam für die Familie nicht in Frage. "Nein, meine Eltern sprechen weder Englisch noch Deutsch. Es wäre nicht leicht gewesen, unter diesen Umständen mit zwei kleinen Kindern ins Ausland zu gehen. Sie sind geblieben und haben auf bessere Zeiten gehofft. Aber diese sind bis heute leider nicht eingetroffen."

Seine Eltern - die Mutter ist Ärztin für Allgemeinmedizin, der Vater Bauingenieur - achten auf eine gute Schulausbildung ihrer beiden Kinder. "Für meine Mutter hatte die Schule immer die höchste Priorität. Sie sagte: Alles, was nebenbei läuft, ist ein Bonus. Ich durfte zwar in meiner Freizeit Fußball spielen, aber schlechte Noten hätte sie nicht akzeptiert. Von daher war ich immer top in der Schule, konnte später auch das Gymnasium besuchen."

Mit sechs Jahren entdeckt "Medo" seine Leidenschaft für den Fußball. Er beginnt bei Vojvodina Novi Sad und durchläuft alle Jugendmannschaften bis hin zum Profiteam in der serbischen Super-Liga. Er ist zwar ein sehr guter Schüler, doch der Sport wird ihm zunehmend wichtiger. "Im zweiten Jahr auf dem Gymnasium wurde es sehr viel ernster mit dem Fußball. Ich konnte die Schule nicht mehr so regelmäßig besuchen. Damals erlaubte mein Vater, dass ich mich auf den Fußball konzentrieren darf. Wir mussten dann meiner Mutter erklären, dass ich zwar die Schule weiter besuchen, ab sofort aber nicht länger mit Top-Noten nach Hause kommen würde", erzählt er lachend.

Obwohl er regelmäßig in der ersten Mannschaft bei den Profis spielt, schafft er sein Abitur und besteht die Aufnahmeprüfung für die Universität. "Die Prüfung habe ich meiner Mutter zuliebe absolviert, aber so bin ich bis heute im Studiengang Management immatrikuliert. Es ist schade, dass ich an der Uni, an der ich eingeschrieben bin, nicht über ein Fernstudium damit weitermachen kann. Ich habe aber fest vor, nach meiner Fußballkarriere nach Serbien zurückzukehren und das Studium durchzuziehen", plant Medojevic seine Zukunft.

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Während sich das in der Innenverteidigung oder im defensiven Mittelfeld einsatzbare Talent bei den Profis von Vojvodina etabliert, mit 19 Jahren Kapitän seines Teams und Jugendnationalspieler wird, flattern ihm Angebote aus dem Ausland und von den serbischen Top-Klubs Roter Stern und Partizan Belgrad ins Haus. "Ich habe zu jener Zeit nie über einen Wechsel nachgedacht. Die Wohnung meiner Eltern lag direkt gegenüber vom Stadion, von meinem Fenster aus konnte ich direkt hinschauen. Vojvodina ist für mich etwas Besonderes, ich liebe diesen Verein am meisten", gibt "Medo" zu.

Mit 21 Jahren zieht es ihn im Jahr 2012 dann aber doch in die Ferne: Er wechselt zum VfL Wolfsburg in die Bundesliga, weil er der Meinung ist, dass diese Liga "seiner Art zu spielen am besten entspricht". Seine Qualitäten liegen zwar zweifelsfrei in der Defensivarbeit, ein wenig Offensive hat er jedoch auch in seiner DNA. In Wolfsburg wartet auf den Nachwuchsspieler jedoch nicht nur eine Top-Mannschaft mit Spielern wie Naldo, Mandzukic, de Bruyne und Bas Dost, sondern auch ein berühmt-berüchtigter Trainer namens Felix Magath.

"Ich war wirklich sehr gut in Form vor dem Wechsel und dazu schon immer ein Spieler, der mehr machen wollte als viele andere. Trotzdem habe ich im Sommer vor dem Wechsel nach Wolfsburg mit einem Fitnesstrainer gearbeitet, um mich wirklich topfit zu machen. Doch als ich das erste Training von Felix Magath hinter mir hatte, fragte ich mich, wo ich da nur gelandet war", gesteht Medojevoc schmunzelnd. Und er fügt hinzu: "Wenn man als junger Spieler aus Serbien nach Deutschland kommt, ist die Anforderung an Belastung, Trainingsarbeit und Disziplin wie in einer anderen Welt. Aber wenn man zu Felix Magath kommt, ist es wie auf einem anderen Planeten."

Als der zweikampf- und sprungstarke Defensivspieler nach einem halben Jahr erstmals zu den Eltern reist, möchte er zunächst nicht wieder nach Wolfsburg zurück. "Ich habe viel nachgedacht, mich dann aber entschieden, es in Wolfsburg durchzuziehen. Ich dachte, das alles kann mich nur stärker machen." Obwohl er sich komplett neu einleben muss in einem fremden Land, dessen Sprache er zunächst nicht spricht und in dem er die bürokratischen Abläufe nicht kennt, kommt er in der mit großen Namen besetzten Mannschaft regelmäßig zum Einsatz. "Ich konnte damals wirklich von jedem Einzelnen sehr viel lernen. Wir haben uns dazu für die Europa League qualifiziert, es war rückblickend eine gute Zeit für mich in Wolfsburg." Auch sein ehemaliger Mitspieler und Wölfe-Urgestein Marcel Schäfer erinnert sich gerne an seinen ehemaligen Weggefährten: "Slobodan war ein Spieler mit einer tollen Berufsauffassung - sehr diszipliniert, ehrgeizig und bereit, dazu zu lernen. In der Kabine war ein toller Kollege, der bei allen Mitspielern beliebt war."

Als die Aussichten auf Einsatzzeiten bei den Niedersachsen unter Dieter Hecking zur Saison 2014/15 schlechter werden, entschließt sich Medojevic, der mittlerweile sehr gut Deutsch spricht, zu Ligakonkurrent Eintracht Frankfurt zu wechseln. Als er den Dreijahresvertrag unterzeichnet, ahnt er nicht, dass er sich dort fast ausschließlich menschlich und wenig durch sportliche Qualitäten auszeichnen wird. "Ich konnte nur in den ersten vier Partien schmerzfrei spielen. Danach begannen die Schmerzen in der Achillessehne. Teilweise konnte ich überhaupt nicht gehen. Zuerst dachten alle, es sei nur eine Entzündung. Ich habe alles versucht: Tabletten, Spritzen, suchte zehn Spezialisten auf. Sogar ein Loch habe ich mir in den Schuh geschnitten. Alles, was es auf der Welt gibt, habe ich probiert."

Am Ende dieser Odyssee steht im Frühjahr 2016 fest, dass eine Operation unumgänglich ist. Die sogenannte "Haglund Ferse", eine angeborene Fehlstellung der Ferse, wird als Ursache der Probleme erkannt. Sie reizt seine Achillessehne so stark, bis sie schließlich völlig kaputt ist. Nach der Operation darf er den Fuß neun Wochen lang nicht belasten, muss im Anschluss das Laufen neu lernen. "Es war eine schwere Zeit, sich immer alleine zu motivieren und zur Reha zu gehen. Ich habe mich an dem Gedanken aufgerichtet, dass ich wieder schmerzfrei würde spielen können, wenn alles vorbei ist. Aber das Schlimmste für mich waren die Rückschläge. Dass es nie kontinuierlich aufwärts ging, sondern nach guten Phasen immer wieder eine Klatsche für mich kam." Aufgeben kam ihm dennoch nie in den Sinn. "Ich war mir immer sicher, dass ich weiterkämpfen werde, solange ich wenigstens ein Prozent Chance sehe, wieder zurückzukommen."

Und er kommt zurück. Rechtzeitig zum DFB-Pokalfinale im Mai 2017, das die Eintracht gegen Borussia Dortmund bestreitet, ist er wieder regelmäßig im Mannschaftstraining. "Ich habe gut trainiert und gesehen, dass ich es in den Kader für dieses wichtige Spiel schaffen kann. Ich war dennoch überrascht, als mich Trainer Niko Kovac für die Startelf nominierte", so Medojevic. Es sei ein schöner Moment gewesen, speziell nach der strapaziösen Zeit der zurückliegenden Jahre. Nach 60 Minuten im Berliner Olympiastadion zeigt der faire Sportsmann seinem Trainer an, dass er ausgewechselt werden möchte. "Ich war fast eineinhalb Jahre komplett raus und merkte, dass ich nicht mehr 100 Prozent leisten konnte nach der langen Verletzungspause. Es wäre nicht fair gewesen, in einem solch wichtigen Spiel mit nur 70 oder 80 Prozent zu spielen. Also habe ich einem frischen Spieler Platz gemacht. Das ist für mich eine Selbstverständlichkeit." Diese Geste sagt viel aus über den Charakter von Slobodan Medojevic, dem Ehrlichkeit und Fairness nicht nur auf dem Papier wichtig sind, sondern der diese Werte auch lebt.

Obwohl sein Vertrag nach besagtem Pokalfinale um ein Jahr verlängert wird und er in der laufenden Saison fit ist, berücksichtigt ihn Kovac bis auf ein Spiel weder in der Bundesliga, noch nominiert er ihn für das Wintertrainingslager. Ein Punkt, an dem Medojevic die Weichen neu stellt. "Es hat wehgetan, aus serbischen und deutschen Zeitungen erfahren zu müssen, dass ich nicht im Trainingslager dabei bin. Für die Entscheidung an sich hätte ich Verständnis gehabt. Aber nicht mit mir zu sprechen, das finde ich menschlich nicht in Ordnung. Wir sind Menschen und können miteinander reden. Danach stand für mich fest, dass ich wechseln würde."

Seit Ende Januar ist der in Frankfurt lebende Serbe nun also eine Lilie. Alexander Meier, ehemaliger Bundesliga-Torschützenkönig und langjähriger Mitspieler von Slobodan Medojevic, bringt seine Vorzüge auf den Punkt: "Medo war einer meiner besten Kumpels im Team. Er ist ein super Typ, ein absoluter Teamplayer. Jede Mannschaft kann sich glücklich schätzen, so einen Top-Charakter in den eigenen Reihen zu haben."

Von Melanie Kahl-Schmidt