Star für einen Tag: Bum-Kun Cha

aus SV Darmstadt 98

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Bum-Kun Cha blieb bei seinem einzigen Einsatz im Lilien-Trikot zwar selbst ohne Tor, hatte aber dennoch Grund zum Jubeln: Am 30. Dezember 1978 besiegte der SV 98 den VfL Bochum mit 3:1.Foto: ECHO-Archiv  Foto: ECHO-Archiv

Pflichtspiele zwischen dem SV Darmstadt 98 und dem VfL Bochum waren bislang eine Seltenheit. Gerade einmal sechs Duelle weisen die Statistiken zwischen den beiden Zweitligisten...

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DARMSTADT/BOCHUM. Pflichtspiele zwischen dem SV Darmstadt 98 und dem VfL Bochum waren bislang eine Seltenheit. Gerade einmal sechs Duelle weisen die Statistiken zwischen den beiden Zweitligisten aus – vier davon während der Darmstädter Bundesliga-Spielzeiten 1978/79 und 1981/82. Zu zwei weiteren Partien kam es erst in der Zweitliga-Saison 2014/15, die bekanntlich mit dem dritten Aufstieg der Lilien ins deutsche Fußball-Oberhaus endete.

An Kuriosität kaum zu überbieten war das Hinspiel der Bundesliga-Saison 1978/79, das zugleich das erste Aufeinandertreffen der beiden Traditionsclubs überhaupt bedeutete.

Im Zuge des „Katastrophenwinters“ (ARD-Tagesschau) war das öffentliche Leben in Deutschland fast zum Erliegen gekommen, zwischen Dezember und Februar waren weite Teile der Republik eingeschneit. Hinzu kamen Stürme und eine frostige Kälte, die deutschlandweit 17 Todesopfer forderte. Zuweilen musste gar die Bundeswehr mit Panzerfahrzeugen ausrücken, um die verschneiten Gebiete zu erreichen. An Fußball war zu dieser Zeit kaum zu denken. Und dennoch sollte überall gespielt werden, wo die Schneedecke nicht höher als fünf Zentimeter war. Die Winterpause wurde übrigens erst 1986 eingeführt.

Stadion am Böllenfalltor gleicht einer Eislaufbahn

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Gleichwohl fiel die für den 9. Dezember terminierte Partie zwischen dem SV 98 und dem VfL nicht den Schneemassen zum Opfer, sondern buchstäblich ins Wasser. Nach starkem Eisregen glich das Stadion am Böllenfalltor einer Eislaufbahn, ausgerechnet in der Nacht vor der Partie setzte zudem Tauwetter ein. „Aber die Erde war nach den bitterkalten Tagen drei bis vier Zentimeter unter der Oberfläche noch steinhart. Das Wasser konnte nicht versickern“, war dazu im ECHO zu lesen.

Und weiter: „Das Spielfeld glich einer schuhsohlentiefen Lache, nur die Rasenspitzen ragten heraus. Riesige Pfützen und zum Teil noch Eiskrusten hätten nur zu leicht die Gesundheit der Spieler gefährdet.“ Vergebens waren schließlich auch die Mühen zahlreicher Feuerwehrleute, die versuchten, die Wassermassen abzusaugen. Einzig logische Konsequenz: Schiedsrichter Günter Linn sagte die Partie ab.

Als Nachholtermin wurde alsbald der 30. Dezember festgelegt, zur Disposition stand kurzzeitig auch der Tag vor Heiligabend (23. Dezember). In der heutigen Zeit sind beide Termine – außer auf den britischen Inseln – als Spieltage kaum mehr vorstellbar. Die Witterungsverhältnisse gaben dann auch allen Kritikern Recht: Insbesondere der Norden der damaligen Bundesrepublik glich einer großen Winter-Landschaft. Unmengen von Schnee inklusive.

In Darmstadt wurde dennoch gespielt. Und wie. Walter Bechthold, Peter Cestonaro und Uwe Hahn schossen die Lilien bei klirrender Kälte vor 13 000 Zuschauern zu einem 3:1-Sieg, für den zwischenzeitlichen Ausgleich hatte Dieter Bast gesorgt.

1000 Exil-Koreaner wollen ihren Landsmann sehen

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Hauptattraktion des Tages waren jedoch nicht die vier Tore, sondern ein 25 Jahre alter Angreifer aus Südkorea, der am 30. Dezember 1978 zum ersten – und auch einzigen – Mal das Trikot mit der Lilie auf der Brust trug: Bum-Kun Cha (das ECHO nannte ihn „Tscha Kun Bum“). Mitverantwortlich für die damals überaus seltene Transaktion war der Verein der Koreaner in Deutschland. Die ARD-Sportschau berichtete, Cha sei „über Bangkok mittels einer Liechtensteiner Werbeagentur nach Deutschland geflogen“ und schließlich in Darmstadt gelandet. Die Umstände des Wechsels waren den Exil-Koreanern in Deutschland freilich egal. !000 an der Zahl reisten aus dem gesamten Bundesgebiet ans Böllenfalltor, um ihrem Landsmann zuzujubeln.

Der erhoffte Schub im Abstiegskampf, in den Medien war gar von einer „Geheimwaffe“ die Rede, blieb jedoch aus. Zum Jahreswechsel flog Cha noch einmal in seine Heimat, um diverse Formalitäten abzuwickeln, aus dem Kurztrip wurde jedoch ein sportliches Nimmer-Wiedersehen. Der Koreaner wurde umgehend zum Militärdienst eingezogen, stand den Lilien im weiteren Saisonverlauf nicht mehr zur Verfügung. Und so fand die vermeintliche Erfolgsgeschichte ein bitteres Ende: Die Lilien stiegen aus der Bundesliga ab. Cha kehrte derweil nach absolviertem Militärdienst nach Hessen zurück und heuerte zur Saison 1979/80 bei der Frankfurter Eintracht an.

Asiens Fußballer des 20. Jahrhunderts

Bis zu seinem Karriereende 1989 avancierte Cha mit seiner unnachahmlichen Spielweise und seinem wuchtigen Schuss zum Publikumsliebling. In 308 Bundesligaspielen für Darmstadt, die Eintracht und Bayer Leverkusen markierte er 98 Tore, für sein Heimatland war er 127 Mal im Einsatz (55 Tore). Darüber hinaus gewann er zweimal den Uefa-Cup (1980 mit Frankfurt, 1988 mit Leverkusen) sowie einmal den DFB-Pokal (1981/Frankfurt). Der asiatische Fußball-Verband kürte ihn 1998 gar zu „Asiens Fußballer des 20. Jahrhunderts“.

Von derartigen Erfolgen konnten und können die Lilien nur träumen. Gleichwohl feiern der Verein und seine Fans ihren „Star für einen Tag“ nach wie vor ausgiebig. So gab es auch beim jüngsten Wiedersehen beim Freundschaftsspiel gegen den FC Fulham am 22. Juli stehende Ovationen für „Tscha Bum“.