Romain Brégerie: Der unaufdringliche Leader des SV Darmstadt 98

aus SV Darmstadt 98

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Muss nicht alles von sich rausposaunen: Romain Brégerie ist im Privatleben eher ein zurückhaltender Typ.  Foto: Jan Hübner

Romain Brégerie ist keiner, der groß auf den Putz haut - weder privat noch als Fußballprofi. Der 31-Jährige ist ein zurückhaltender und unaufdringlicher Mensch, der im...

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DARMSTADT. Romain Brégerie ist keiner, der groß auf den Putz haut - weder privat noch als Fußballprofi. Seine Privatsphäre ist ihm heilig. Und so ist es nicht verwunderlich, dass es von ihm keine bunten Momentaufnahmen vom Strand oder vor dem geschmückten Weihnachtsbaum in den Sozialen Medien zu finden gibt.

Der 31-Jährige ist ein zurückhaltender und unaufdringlicher Mensch, der auf dem Platz dennoch ein Leader ist. Dabei sagt er immer unverblümt seine Meinung, ohne jedoch andere damit zu verletzen. Der Respekt jedem Einzelnen gegenüber ist größer als der Drang nach lautstarkem Herumgetöne.

Schon beim FC Metz avancierte der bei Girondins Bordeaux ausgebildete Abwehrspieler zum Kapitän, auch bei Dynamo Dresden war er Leitwolf. Seit Januar ist er als Leihgabe des FC Ingolstadt wieder eine Lilie und kehrt somit - zumindest vorübergehend - an den Ort zurück, an dem er 2014/15 die "schönste Saison seines Lebens" erlebte.

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Als jüngster von vier Brüdern wächst Romain Brégerie in Talence bei Bordeaux im Südwesten Frankreichs auf. Die Familie war nicht reich, "aber wir hatten immer genug zu essen und waren eine normale glückliche Familie, in der unsere Eltern viel für uns Kinder taten", sagt der 1,89 Meter große Innenverteidiger. Neben Spaß und dem großen Glück innerhalb des harmonischen Familienlebens wird Disziplin großgeschrieben. So mussten auch Romains schulische Leistungen stimmen. "Hätte es da Probleme gegeben, mein Vater hätte mich beim Fußball herausgenommen. Das war seine Bedingung, die mindestens bis zum Abitur galt. Wir mussten schon auf einem guten Weg bleiben, sonst hätten wir zuhause Ärger bekommen."

Weil die älteren Brüder Fußball spielen, fängt Romain mit fünf Jahren damit auch an. "Als ich jünger war, habe ich auch mal Tennis gespielt und später dann auch Golf, aber Fußball war und ist einfach das Größte für mich. Mein Vater war ein guter Rugby-Spieler, was in Frankreich viel populärer ist als hier. Wir Kinder wurden zwar durch Rugby geprägt, haben aber alle Fußball gespielt. Einer meiner Brüder hat später aber auch hochklassig Rugby gespielt", berichtet Brégerie.

In den ersten Fußballjahren ist der Vater sein Trainer. "Er hat immer versucht, mich zu begleiten, hat nebenbei seine Trainerscheine gemacht. Ich habe sehr lange in einem Dorfverein gespielt, dort waren nicht immer die hochqualifiziertesten Trainer vor Ort. Mein Vater war da einfach besser, und er hat sich die Zeit genommen, um das für mich beziehungsweise für uns als Mannschaft möglich zu machen."

Mit 15 Jahren wechselt das Talent, das zumeist als Stürmer große französische Clubs in Verzückung geraten ließ, in die Fußballakadamie von Girondins Bordeaux. "Ich war schon früh sehr gut und hätte mit acht oder neun Jahren schon zu Girondins gehen können. Aber mein Vater wollte nicht, dass ich so jung schon gehe, ich sollte erst einmal in der Familie bleiben. So hatte ich keinen Druck. Vielmehr kam der immer erst dann, wenn ich wirklich dazu bereit war, der nächste Wechsel", erinnert sich "Bresch" an seine Jugend.

Doch ganz unproblematisch gestaltete sich der Wechsel an die Akademie des französischen Traditionsvereins dann doch nicht. "Ich hatte mit 14 Jahren an einem Auswahlturnier teilgenommen, bei dem ich zum ersten Mal als Verteidiger spielte. Danach hatte ich vier Angebote vorliegen: aus Rennes, Nantes, Paris und Monaco. Zwei wollten mich als Stürmer verpflichten, die anderen zwei als Verteidiger. Alle Clubs waren sehr weit weg, nur Bordeaux, das bei uns um die Ecke lag und wo ich als Kind schon immer ins Stadion ging, war nicht dabei. Mein Vater hat dann den Kontakt zu Girondins hergestellt, und nach einem Probetraining wurde ich genommen und in den nächsten Jahren zum Abwehrspieler ausgebildet."

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Brégerie erhält in Bordeaux mit 20 Jahren seinen ersten Profivertrag, er wird aber schon in der ersten Saison an Drittligist FC Sète ausgeliehen, um Spielpraxis zu sammeln. "Danach habe ich mich für einen Wechsel zum FC Metz in die Zweite Liga entschieden, da ich die Perspektive, Spielpraxis zu bekommen, in Bordeaux nicht sah." In eineinhalb Jahren bekommt der kopfballstarke Abwehrmann 37 Zweitliga-Einsätze, wird dann aber zu Ligakonkurrent FC Chateauroux ausgeliehen. Nach Ablauf der Leihfrist kehrt er mit viel Spielpraxis und Lebenserfahrung ausgestattet zum FC Metz zurück - und wird Kapitän. "In Metz war ich zum ersten Mal in einem großen Verein auf mich allein gestellt. Ich musste auf einmal erwachsen werden, sonst schafft man das nicht. Als ich aus Chateauroux zurückkam, hatte ich viel Selbstvertrauen und wurde zum Kapitän ernannt, obwohl ich erst 23 Jahre alt war."

Plötzlich steht er im Vordergrund - und er muss der hohen Erwartungshaltung im Umfeld standhalten. "Es war ein schwieriges Jahr. Ich stand als Kapitän komplett im Vordergrund, mit viel Verantwortung und Druck. Aber es war eine gute Lehre und ein wichtiger Reifeprozess, der mir für meine spätere Laufbahn geholfen hat, speziell mit Situationen wie dem Abstiegskampf klarzukommen", blickt Brégerie zurück.

Nachdem sich im Jahr 2011 ein fast sicherer Wechsel nach Nantes während seines Sommerurlaubs zerschlägt, sagt Brégerie Dynamo Dresden zu. Die Sachsen waren gerade in die Zweite Liga aufgestiegen und auf der Suche nach einem Abwehrchef. "Deutschland ist fußballerisch, aber auch gesellschaftlich gesehen ein Top-Ziel. Ich habe etwas über Dresden recherchiert und schlussendlich zugesagt. Es war ein guter Schritt in meiner Karriere", sagt er. Dabei beeindrucken ihn besonders Leidenschaft und Treue der Dynamo-Anhänger, die im berühmt-berüchtigten K-Block (einem Hintertorblock, in dem die eingefleischtesten und aktivsten Fans ihren Platz haben) ihren wohl größten Ausdruck finden. "Es gibt einige Städte, die für den Verein leben, wie in Darmstadt auch. Aber in Dresden ist das ganz besonders. Jedes Heimspiel war unglaublich, in der Stadt wurde man ständig angesprochen. Man merkte, wie sehr die Menschen das Geschehen bei Dynamo berührte. Man möchte als Spieler etwas zurückgeben, wenn die Fans dich so pushen. Es hat mir immer positive Energie gegeben, auch wenn ich es extrem schwer fand zu wissen, dass ich daran "schuld" bin, wenn die Menschen enttäuscht oder traurig sind."

Solch ein Druck sei aber normal für einen Fußballer, auch wenn man wie er mit viel Empathie bei der Sache ist. "Natürlich ist es ein Druck, aber man kann ihn positiv oder negativ sehen. Es tut mir weh, wenn ich meinen Job als Fußballer nicht erfüllt habe. Das gehört aber zur Fußballkarriere dazu, es geht nicht immer nur nach oben." In Deutschland kommt er bestens klar, von Eingewöhnungsproblemen keine Spur. "Die Disziplin, mit der ich erzogen wurde, kam mir dabei zugute. Zum Beispiel meine Pünktlichkeit: Für meinen Vater war das das größte Mittel, um den Menschen Respekt entgegenzubringen. Ich bin selbst auch lieber zu früh und überpünktlich. Diese Erziehung hat mir viel gebracht, und ich versuche, dies auch an meine Tochter weiterzugeben." In Dresden lernt er nicht nur seine heutige Frau kennen, sondern auch die deutsche Sprache im Eiltempo, so dass er sich mittlerweile nahezu perfekt auf Deutsch ausdrücken kann.

Während der drei Jahre bei den Elbstädtern entwickelt er sich auf dem Platz zur Führungspersönlichkeit und wird auch dort Kapitän. Liegen ihm Führungsqualitäten im Blut? "Jeder Trainer sieht etwas anderes in einem Spieler, und jeder Trainer wünscht sich einen anderen Typ als Kapitän. Manche wollen eher einen ruhigen, immer positiv eingestellten Spieler, andere wollen eher einen emotional-aggressiven Typ. Es gibt also viele gute Wege, Kapitän zu sein." Und welcher Typ ist er? " Auf dem Platz gebe ich Anweisungen, übernehme Verantwortung und pushe meine Mitspieler. Ich bin mit großen Emotionen dabei. Aber in der Kabine oder während der Woche kann und will ich nicht herumschreien. So etwas fällt mir einfach schwer, und das würde auch nicht zu mir passen", gibt er offen zu.

Nach dem Abstieg mit Dynamo aus der Zweiten Liga schließt sich der Franzose zur Saison 2014/15 dem Zweitligisten SV Darmstadt 98 an - und gerät mitten in das Märchen der Lilien, die mit dem Aufstieg in die Bundesliga den Durchmarsch von der Dritten in die Erste Liga schafften. "Das war die schönste Saison meines Lebens. Noch heute bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich davon spreche. Wir haben viel gearbeitet mit so viel Leidenschaft von jedem Einzelnen, es war ein perfektes Timing mit einer perfekten Mannschaft. Dass ich nach dem Tiefpunkt meiner Karriere wieder ein solches Erfolgserlebnis feiern konnte, war für mich wie der Beginn eines zweiten Lebens in meiner Fußballkarriere." Dennoch entscheidet sich der Leistungsträger zu einem Wechsel zu Mitaufsteiger FC Ingolstadt. Unter Ralph Hasenhüttl kommt er im ersten Jahr zu 22 Erstligaeinsätzen, danach folgen einige Trainerwechsel und der Abstieg in die Zweite Liga. Die Einsatzzeiten Brégeries nehmen zusehends ab. In dieser Saison läuft er für die Schanzer lediglich in den ersten fünf Saisonspielen auf. "Es war mein Traum, in der Bundesliga zu spielen. Man kann zum Zeitpunkt einer Entscheidung nie wissen, wie sich die Dinge entwickeln. Egal wo ich bin, ich gebe immer alles."

Und so ist er also wieder am Böllenfalltor - als Leihgabe des FCI hineinkatapultiert in den Abstiegskampf der Zweiten Liga. Er habe früh gelernt, in allen Situationen bereit zu sein, dem Trainer gut zuzuhören und zu machen, was dieser sagt. Gute Voraussetzungen also für eine erfolgreiche Zeit in Südhessen? "Du kannst viele tolle unterschiedliche Spieler haben, aber es funktioniert nur, wenn sich alle als Einheit bewegen. Es ist wichtig, dass alle dem Plan des Trainers folgen. Du musst machen, was er von dir erwartet. Wenn das der nächste auch macht, da er den Plan auch kennt und mitträgt, dann klappt das."

Ausgleich zum Abstiegskampf findet der unaufdringliche Sportsmann bei seiner Familie. "Kinder sind die beste Ablenkung, aber ich tue mich generell schwer damit, aus solchen Situationen wieder rauszukommen. Ich kann nicht ein paar Stunden nach einer Niederlage wieder lachen, wie manche andere das können. Aber vielleicht ist das sogar sehr gut, denn sie denken schon wieder an etwas Anderes, bei mir dreht sich gedanklich noch lange alles um das Spiel." Der beste Ausgleich sei aber, am Ende der Saison sein gesetztes Ziel zu erreichen. "Das will ich auch in diesem Jahr mit Darmstadt schaffen. Egal wie schwer die vorangegangenen Monate auch waren, wir alle wollen unbedingt den Klassenerhalt packen. Die Erleichterung wäre dann sehr groß."

Sollte das gelingen, wird er dies sicher nicht an die große Glocke hängen. Denn Brégerie ist keiner, der jede Neuigkeit von sich über die Sozialen Medien in die Welt hinausposaunt. "Ich brauche es nicht, mich so in den Vordergrund zu stellen, habe aber auch kein Problem mit denjenigen, die das tun. Man wird ohnehin nie allen gefallen. Menschlich gesehen ist mir wichtig, was meine Freunde und meine Familie über mich denken. Und auf dem Platz ist wichtig, was mein Trainer mir sagt. Es reden mittlerweile zu viele Menschen bei Themen mit, von denen sie kaum Ahnung haben. Das ist nicht mein Fall."

Von Melanie Kahl-Schmidt