Lilien-Neuzugang Artur Sobiech fühlt sich in Darmstadt pudelwohl

aus SV Darmstadt 98

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Veni, vidi, vici – „Ich kam, ich sah, ich siegte“ ist ein bekanntes lateinisches Zitat von Julius Caesar. So in etwa lässt sich auch der Saisonstart von Artur Sobiech...

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DARMSTADT. Veni, vidi, vici – „Ich kam, ich sah, ich siegte“ ist ein bekanntes lateinisches Zitat von Julius Caesar.

So in etwa lässt sich auch der Saisonstart von Artur Sobiech beim SV Darmstadt 98 beschreiben. Sein Wechsel von Bundesliga-Aufsteiger Hannover 96 ans Böllenfalltor wurde erst kurz vor dem ersten Punktspiel gegen Greuther Fürth unter Dach und Fach gebracht. Dennoch stand der 27 Jahre alte Stürmer bereits beim Auftaktspiel in der Startelf der Lilien und siegte mit seinem Team 1:0 – lediglich das Siegtor blieb dem Neuankömmling verwehrt.

Sechs Jahre stand der polnische Nationalspieler in Diensten der Hannoveraner. Er avancierte dort zum Publikumsliebling und zur Führungspersönlichkeit, Stammspieler wurde er während dieser Zeit unter sechs verschiedenen Trainern allerdings nicht. Oft warfen ihn genau dann kleinere oder größere Blessuren zurück, wenn er gerade wieder auf dem Weg zur Stammkraft war.

Kein Wunder also, dass er während unseres Gesprächs drei Mal auf Holz klopft und optimistisch sagt: „Ich bin seit einem halben Jahr ohne Verletzung, und das soll hier in Darmstadt nun auch längere Zeit so bleiben.“

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Zusammen mit seiner Frau Bogna bewohnt er mittlerweile ein kleines Haus etwas außerhalb von Darmstadt. Die 27-jährige Profi-Handballerin steht seit Anfang des Monats bei Bundesliga-Aufsteiger HSG Bensheim/Auerbach unter Vertrag. Womit die Rangordnung in Sachen Bundesliga im Hause Sobiech geklärt wäre: Bogna ist erst- und Artur „nur“ zweitklassig. Was nichts daran ändert, dass die Beiden unbestritten zu Südhessens erfolgreichstem Sportlerpaar nach den Triathleten Nicole und Lothar Leder avancieren dürften.

Kennengelernt haben sich die beiden Sportler 2008 beim Verein Ruch Charzow, sie sind damals gerade 18 Jahre alt. „Ich habe dort in der ersten polnischen Liga Fußball gespielt, Bogna war im erstklassigen Handball-Team. Als ich mir ein Spiel der Damen angeschaut habe, ist sie mir sofort aufgefallen. Ich habe sie danach angesprochen, wir sind ein paar Mal Kaffeetrinken gegangen und dann ein Paar geworden“, verrät der aus Oberschlesien stammende Sobiech mit einem Schmunzeln. Seitdem gehen die beiden gemeinsam durchs Leben.

Egal, wohin es Artur auch verschlägt, Bogna geht mit und findet immer einen Profi-Verein, dem sie sich anschließen kann. In ihre früheren Verträge ließ Bogna sich eine Ausstiegsklausel setzen, die regelte, dass sie den Verein verlassen kann, sobald Artur einen Vereinswechsel vornimmt.

Es sei durchaus von Vorteil, dass beide die Vorzüge, aber auch die Schattenseiten des Profisportlerdaseins kennen. „Auch Bogna reist oft in Trainingslager, ist viel unterwegs. Sie kennt die Situation, verletzungsbedingt zurückgeworfen und dementsprechend unzufrieden zu werden. Selbstverständlich hat man da ein anderes Verständnis füreinander“, bewertet Sobiech die häusliche Gemengelage. Und wenn Bogna für längere Zeit im Trainingslager ist oder spät von einem Spiel zurückkehrt, sorgt Artur für das leibliche Wohl des Ehepaares, das sich im Juni diesen Jahres in seiner Heimat das Ja-Wort gab.

„Ich koche gerne, und es gibt einige Gerichte, die ich auch wirklich gut kann. Hähnchen mit Pasta zum Beispiel oder Lachs mit süßen Kartoffeln“, berichtet der offene und umgängliche Sobiech amüsiert.

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Nur selten kommen die Beiden wirklich zur Ruhe. „Eigentlich sind wir auch dann viel unterwegs, wenn wir Freizeit haben. Wir spielen Tennis oder Squash, fahren gerne eine Runde mit dem Rad. Bei uns dreht sich fast alles um den Sport. Wir werden bestimmt auch den Europa-Park besuchen, denn ich bin immer für Action zu haben.“ Allen Anti-Sportlern beziehungsweise all denjenigen, die allzu oft den inneren Schweinehund nicht überwinden können und stattdessen mit einer Tüte Popcorn im Kino landen, sei zur Beruhigung gesagt: Die Sobiechs gehen gerne auch einfach nur gemütlich ins Kino oder Kaffeetrinken.

Artur Sobiechs familiäre als auch fußballerische Wurzeln liegen in Ruda Slaska, einer Großstadt in Oberschlesien zwischen Kattowitz und Gleiwitz. Dort wird er mit seinem fünf Jahre älteren Bruder Dariusz groß. Wann immer es geht, zieht es die beiden Jungs nach draußen. „Wir hatten immer einen Ball dabei, haben überall mit unseren Freunden gekickt. Unser Vater war auch ein guter Fußballer und hat hochklassig gespielt. Er hat uns die Leidenschaft für den Fußball mitgegeben und vorgelebt. Er war und ist bis heute ein guter Ratgeber“, erzählt Sobiech. So ist es nicht verwunderlich, dass sich der sportbegeisterte Artur mit sechs Jahren einem Fußballverein anschließt (Grunwald Ruda Slaska) und nach der Grundschule auf eine Sportschule wechselt. „Ich war als kleiner Junge schon großer Fan von Alan Shearer, hatte sein Trikot mit der Nummer 9 zu Hause. Er spielte damals als Stürmer für Newcastle United, war englischer Nationalspieler und hat viele Tore geschossen. Er war in gewisser Form mein Vorbild, ihm habe ich nachgeeifert“, erinnert sich Sobiech an seine Kindheit.

Sein Talent macht es möglich, dass er mit 15 Jahren zum wenige Kilometer entfernten polnischen Erstligisten Ruch Chorzow wechseln kann. Dort besucht er die weiterführende Schule und schließt diese nach vier Jahren mit dem Abitur ab. „Als ich dort mit 18 Jahren meinen ersten Profivertrag unterschrieben hatte, war klar, dass ich Fußballprofi werden kann und möchte. Einen Plan B gab es nicht mehr für mich.“ Zwei Spielzeiten absolviert der 1,85 Meter große Stürmer, der seine Stärken in der Ballbehauptung, einem guten Spielverständnis und der taktischen Variabilität hat, 47 Spiele und erzielt dabei zwölf Treffer. „Ich habe mich dort sehr wohl gefühlt, wurde schulisch und sportlich gut ausgebildet, konnte aber auch bei meinen Freunden bleiben und zu Hause bei der Familie wohnen.“

Zur Saison 2010/11 folgt dennoch der Wechsel zu Polonia Warschau – für eine Rekordablösesumme von einer Million Euro. Bis heute die höchste Ablösesumme, die jemals zwischen zwei polnischen Mannschaften gezahlt wurde. Schnell entwickelt er sich zum Stammspieler in seinem Verein und wird erstmals zur Nationalmannschaft Polens einberufen. Der internationale Markt wird auf das junge Talent aufmerksam. Die Bundesliga ruft.

Sobiech wird zur Saison 2011/12 von Hannover 96 unter Vertrag genommen, zum damaligen Zeitpunkt als Tabellenvierter für die Uefa-Europa-League qualifiziert. „Das war bisher die erfolgreichste Zeit meiner Karriere. Im Achtelfinale gegen den FC Brügge gelang es uns, das Spiel nach Rückstand noch zu drehen. Ich erzielte dabei nicht nur den Ausgleichstreffer, sondern bekam nach einem Foul noch den entscheidenden Elfmeter zugesprochen, den Jan Schlaudraff zum 2:1-Sieg verwandelte. Wir standen danach im Viertelfinale gegen Atletico Madrid – dem späteren Sieger.“ Schlaudraff, einstiger Konkurrent im Angriff von Hannover 96, ist heute ein enger Freund von Artur Sobiech und fungiert seit ein paar Jahren auch als sein Berater.

Bei den Erfolgen bleibt es aber nicht – weder bei ihm persönlich, noch bei seinem Verein. Bei der WM 2012 im eigenen Land ist er zwar im Kader des polnischen Nationalteams, ein Einsatz wird ihm allerdings nicht vergönnt. Zu groß ist in Person von Robert Lewandowski die Konkurrenz im eigenen Lager. Und auch wenn die beiden privat befreundet sind, so schmerzt ihn diese Erfahrung doch. „Das war natürlich sehr enttäuschend, aber man muss es akzeptieren und für sich erkennen, dass es immer weiter geht und man nach vorne schauen muss“, unterstreicht Sobiech seine positive Einstellung.

Sobiech plagen dazu immer wieder unterschiedlichste Verletzungssorgen, sein Verein Hannover 96 rutscht von Saison zu Saison in der Abschlusstabelle tiefer, bis der Traditionsverein im Jahr 2016 sogar den Gang in die Zweite Liga antreten muss.

Sechs Spielzeiten erlebt Sobiech bei den Niedersachsen – dazu sechs verschiedene Trainer. Keine gute Ausgangslage, um sich dauerhaft als Stammkraft zu etablieren. „Eigentlich spielt es keine Rolle, wie viele Trainer man hat. Man muss sich ohnehin immer wieder aufs Neue beweisen. Es zählt immer die Leistung im Training und im Spiel – egal, bei welchem Trainer“, befindet Sobiech.

„Zuerst musste ich mich an die Umstellungen gewöhnen, denn das Tempo in der Bundesliga ist viel höher, als ich das aus Polen kannte, und die deutsche Sprache beherrschte ich auch zu wenig. Daran musste ich hart arbeiten“, erinnert sich Sobiech an seine erste Zeit in Deutschland. „Dazu haben mich oft gerade dann Verletzungen zurückgeworfen, wenn ich wieder gute Spiele gezeigt hatte. So musste ich immer wieder um einen Stammplatz kämpfen. Auch eine Ernährungsumstellung hat nicht viel bewirkt. Aber jetzt bin ich fit, und so soll es bleiben.“

Und so möchte der Angreifer in der Zweiten Liga nun in Darmstadt richtig durchstarten. „Die Mannschaft ist sehr gut aufgestellt, das Umfeld passt zu mir. Wir fühlen uns sehr wohl.“ Nach vier Punkten aus den ersten beiden Ligaspielen freut er sich auf die Begegnung gegen den FC St. Pauli. „Das wird ein Top-Spiel zweier Teams, die beide bisher in der Liga vier Punkte haben. Dazu ein Flutlicht-Spiel an einem Freitagabend im eigenen Stadion – besser geht es kaum.“

Fehlt eigentlich nur noch der erste Ligatreffer von Artur Sobiech, nachdem ihm im DFB-Pokalspiel bei der 1:3-Niederlage in Regensburg der Premierentreffer für die Lilien gelang, auch wenn er das Ausscheiden aus diesem Wettbewerb nicht verhinderte. „Es ist natürlich ein Nachteil, dass ich nicht die komplette Sommervorbereitung mit der Mannschaft verbringen konnte. In dieser Zeit integriert man sich am besten, erarbeitet und lernt die Laufwege. Aber ich bin jetzt seit drei Wochen hier und es wird von Woche zu Woche besser.“

Man darf also optimistisch sein, dass es mit dem Siegtor bald auch noch klappen wird.

Von Melanie Kahl-Schmidt