Fußballvereine im Zeichen des Kapitalismus

aus SV Darmstadt 98

Thema folgen

Während Unternehmen und Geldgeber immer mehr Einfluss auf Clubs nehmen wollen, kämpfen die organisierten Fans um den Fortbestand der 50+1-Regel

Anzeige

DEUTSCHLAND. Deutschland. Neben der Zerstückelung der Spieltage in der Ersten und Zweiten Liga erhitzt aktuell vor allem die Diskussion um die mögliche Aufhebung der 50+1-Regel die Gemüter vieler deutscher Fußballfans.

Besagte 50+1-Regel existiert ausschließlich im deutschen Profifußball. Sie begrenzt den Einfluss externer Investoren bei einem Club, weil Stammvereine nach einer Ausgliederung der Profi-Abteilungen weiter die Mehrheit der Stimmanteile in einer Kapitalgesellschaft besitzen müssen.

Befeuert wurde die Diskussion zuletzt durch Martin Kind, Präsident und Mehrfach-Gesellschafter von Bundesligist Hannover 96. Der millionenschwere Unternehmer - seine Kind Hörgeräte GmbH & Co. KG ist Marktführer im deutschen Hörgeräte-Einzelhandel - verfolgt seit geraumer Zeit mit Vehemenz und gegen den Willen der Fans, die seit Monaten mit einem Stimmungsboykott gegen Kinds Pläne ankämpfen, das Ziel, die Mehrheit an der 96-Management GmbH vom Stammverein zu übernehmen.

Anzeige

Im August 2017 beantragte Kind schließlich offiziell eine Ausnahmegenehmigung, die die Mehrheits-Übernahme zulässt, sofern ein Unternehmen oder eine Privatperson einen Proficlub über einen Zeitraum von mindestens 20 Jahren ununterbrochen und in einem Maß fördert, das die Zuwendungen der jeweiligen Hauptsponsoren übersteigt.

Kind hatte die Präsidentschaft beim damaligen Regionalligisten aus Niedersachsen im September 1997 übernommen und hat seitdem nach eigenen Angaben mehr als 46 Millionen Euro (in exakt dieser Höhe beliefen sich die Hauptsponsoren-Einnahmen, Anm. d. Red.) in den Verein investiert.

Entgegen aller Erwartungen ließ Kind seinen Antrag jedoch Anfang Februar kurz vor der finalen Entscheidung der Deutschen Fußball Liga (DFL) ruhen. Ein Ende der Diskussion ist dadurch freilich noch nicht in Sicht. Ganz im Gegenteil. Jetzt will das DFL-Präsidium vielmehr eine Grundsatzdebatte über die 50+1-Regel und den Einstieg möglicher Investoren bei den Vereinen führen.

"Aus Sicht des DFL-Präsidiums erscheint es zweckmäßig, in den kommenden Monaten die Formulierung und Umsetzung der 50+1-Regel zu überprüfen und dabei zu erörtern, wie wichtige Prinzipien der gelebten Fußball-Kultur in Deutschland zukunftssicher verankert werden können und ob gleichzeitig neue Entwicklungsmöglichkeiten zu eröffnen sind", teilte die DFL in einer offiziellen Erklärung mit.

In der Folge präsentieren wir eine kleine Auswahl von Vereinen, die bereits von der 50+1-Regel ausgenommen sind, die Regel geschickt umgehen oder diesbezüglich zumindest kritisch beäugt werden.

Anzeige

Bayer Leverkusen

Die "Werkself" gilt als "Mutter" der Ausnahmeregelung, weshalb diese im Volksmund auch gerne als "Lex Leverkusen" bezeichnet wird. Ursprünglich gegründet wurde die Fußballmannschaft im Jahr 1904 als Teil des Betriebssportvereins "Turn- und Spielverein der Farbenfabriken vormals Friedrich Bayer & Co.". Die Lizenzspielerabteilung wurde bereits am 1. April 1999 aus dem Gesamtverein TSV Bayer 04 Leverkusen e.V. ausgegliedert und in die neu gegründete Bayer 04 Leverkusen GmbH integriert. Da die Bayer AG den Verein zuvor mehr als 20 Jahre lang gefördert hatte, durfte sie - aufgrund der schon damals bestehenden Ausnahmeregelung - alle Anteile an der Kapitalgesellschaft übernehmen. Übrigens: Als Stichtag für die Förderungen galt damals noch der 1. Januar 1999. Erst Ende August 2011 wurde er - auf Antrag von Martin Kind - gestrichen, weshalb die Ausnahmeregelung seitdem auch für Investoren gilt, deren finanzielles Engagement erst später begann.

VfL Wolfsburg

Die 2001 durch die Ausgliederung der Lizenzspielerabteilung des VfL Wolfsburg e.V. entstandene VfL Wolfsburg-Fußball GmbH ist eine hundertprozentige Tochter des ebenfalls in Wolfsburg beheimateten Volkswagen-Konzerns. Der Automobilkonzern ist zugleich Hauptsponsor des VfL, was sich das Unternehmen aktuell rund 70 Millionen Euro pro Jahr kosten lässt, und Namensgeber des Stadions (Volkswagen-Arena). Der Stammverein wurde am 12. September 1945 gegründet, schon 1952 stieg Volkswagen als Hauptsponsor ein. Angesichts dieser langjährigen finanziellen Unterstützung machten auch in Niedersachsen Verein und Sponsor frühzeitig (2001) von der Ausnahmeregelung Gebrauch. Bis 2007 hielt der Stammverein zumindest noch zehn Prozent der Anteile, Ende des Jahres übernahm der VW-Konzern schließlich die vollständige Kontrolle über das Fußballunternehmen.

TSG Hoffenheim

Die Kraichgauer sind der dritte Verein in der Geschichte des deutschen Profifußballs, für den die 50+1-Regel außer Kraft gesetzt wurde. Mit dem Unterschied, dass die Mehrheit der Stimmrechte nicht bei einem Unternehmen liegt, sondern bei einer Privatperson - Dietmar Hopp. Der Mitbegründer des Softwareriesen SAP übernahm das Sponsoring bei seinem einstigen Jugendverein im Jahr 1989, die TSG spielte damals noch in der Kreisliga A. Mit Hopps Hilfe gelang in nur 18 Jahren der Durchmarsch ins deutsche Fußball-Oberhaus, schon zu Regionalligazeiten (2005) wurde die Fußballabteilung des 1899 gegründeten Dorfvereins in die TSG 1899 Hoffenheim Fußball-Spielbetriebs GmbH ausgegliedert. Im Juli 2015 durfte Hopp schließlich die Mehrheit der Anteile (96 Prozent) an der GmbH übernehmen. Damit wurde jedoch nur offiziell, was zuvor schon offensichtlich war. Denn: Bis dahin hielt die Golf-Club St. Leon-Rot Besitzgesellschaft mbH Co. KG 66,11 Prozent der Anteile. Die wiederum war im gegenseitigen Besitz der TSG Hoffenheim Fußballbesitzgesellschaft mbH & Co. KG und der Golf-Club St. Leon-Rot Betriebsgesellschaft mbH Co. KG. In allen drei Unternehmen war Hopp Geschäftsführer, was er selbst gegenüber der ZEIT als "in der Tat ungeschickt" bezeichnet hatte.

RB Leipzig

Nur bedingt vergleichbar mit den bereits genannten Clubs ist das Konstrukt RB Leipzig. "RB ist die fußballspielende Marketingplattform eines Wirtschaftsunternehmens, das in erster Linie auf den Absatz seiner Produkte bedacht ist und über den Fußball Imagewerbung betreibt", schreiben die Macher des Zeitspiel-Magazins für Fußball-Geschichte. In der Tat hält der Verein RasenBallsport Leipzig e.V. zwar offiziell die Mehrheit der Stimmanteile an der 2014 gegründeten RasenBallsport Leipzig GmbH, stimmberechtigt sind aber (Stand 2016) nur 17 Mitglieder, die wiederum in einer engen Beziehung zum 99-prozentigen Kapitalanleger Red Bull stehen. Der ehemalige Geschäftsführer Ulrich Wolter gestand gar offen ein, dass der Verein die hohen Mitgliederzahlen anderer Clubs gar nicht erreichen wolle. Mitspracherecht sieht anders aus. Erst im Zuge des Lizenzierungsverfahrens für die Zweitliga-Saison 2014/15 eröffnete RB seinen Fans die Möglichkeit einer offiziellen Fördermitgliedschaft - nach wie vor ohne Stimmrecht. Nicht wenige gehen deshalb davon aus, dass die Kapitalgesellschaft - ohne offizielle Ausnahmeregelung - von dem österreichischen Brausehersteller kontrolliert wird. Obendrein wurde RB im Jahr 2009 auf Initiative des Unternehmens gegründet, um kurz darauf das Startrecht des damals fünftklassigen SSC Markranstädt zu übernehmen.

FC Ingolstadt

In einem Atemzug mit den bereits genannten, oftmals als "Plastikclubs" verschrieenen Vereinen wird oftmals auch der nächste Lilien-Gegner FC Ingolstadt genannt - denn auch den "Schanzern" eilt der Ruf eines traditionslosen sportlichen Ablegers eines Großunternehmens voraus. Und tatsächlich bietet der Blick in die Vereinsgeschichte hierfür einige Belege. So entstand der FC Ingolstadt erst im Jahr 2004, als die Fußballabteilungen der ehemaligen Zweitligisten MTV 1881 Ingolstadt und ESV Ingolstadt auf Initiative des Unternehmers Peter Jackwerth zum FC Ingolstadt 04 fusionierten. Seine Anteile an der FC Ingolstadt 04 Fußball GmbH (19,94 Prozent) sowie an der Stadionbetreiber-GmbH (100 Prozent) hat der Unternehmer im Mai 2013 an die in Ingolstadt ansässige Volkswagen-Tochter Audi verkauft, weshalb der FCI in Fankreisen oft als "kleiner Bruder" der hundertprozentigen VW-Tochter VfL Wolfsburg verspottet wird. Dem ist jedoch entgegenzuhalten, dass der FC Ingolstadt 04 e.V. weiter mehr als 80 Prozent der Gesellschaftsanteile und somit die bestimmende Mehrheit an der Fußball GmbH besitzt. Zudem wurde Audi vor zwei Jahren als Trikotsponsor durch einen Elektromarkt ersetzt. Gleichwohl sind aktuelle und ehemalige Audi-Führungskräfte nach wie vor in großer Zahl in den Vereins- und Gesellschafts-Gremien des FC Ingolstadt 04 vertreten. Wasser auf die Mühlen der Kritiker waren obendrein die Schmähgesänge des großen Wolfsburger Bruders zu gemeinsamen Bundesliga-Zeiten: "Wenn wir wollen, lagern wir euch aus."

TSV 1860 München

Welch schwerwiegende Folgen die Abhängigkeit von einem Investor für einen Verein beziehungsweise eine Spielbetriebsgesellschaft haben kann, zeigt das Beispiel TSV 1860 München. Dort griff der jordanische Geldgeber Hasan Ismaik in der jüngeren Vergangenheit regelmäßig ins Tagesgeschäft ein, obwohl die Stimmenmehrheit nach wie vor auf Seiten des Stammvereins lag. Da der Profifußball in München-Giesing jedoch ohne Ismaiks finanzielle Zuwendungen kaum mehr überlebensfähig gewesen wäre, ließ ihn die Vereinsführung über Jahre hinweg gewähren. Nach dem Zweitliga-Abstieg in der vergangenen Spielzeit drehte Ismaik dann jedoch den Geldhahn zu - die 60er spielen seitdem nur noch in der viertklassigen Regionalliga. Gleichwohl ist Ismaik nach wie vor am Werk, seit Monaten spielt er gar mit dem Gedanken, seinen Einfluss weiter auszubauen. "Ich wollte das nie machen, aber jetzt werde ich gegen 50+1 klagen", sagte er im Sommer 2017 gegenüber der Süddeutschen Zeitung.

SSV Jahn Regensburg

Zu einem Spielball zwielichtiger Investoren hatte sich im vergangenen Jahr kurzzeitig auch der SSV Jahn entwickelt: Anfang Juni erwarb zunächst der Münchner Investor Philipp Schober - zum Unmut der Fans - mit seiner Firma Global Sports Invest AG 90 Prozent der Anteile an der SSV Jahn Regensburg GmbH & Co. KGaA. Vereinsführung und Mitglieder, die nach wie vor die Stimmenmehrheit hielten und auch weiter halten, positionierten sich auch aufgrund Schobers undurchsichtiger Vergangenheit umgehend gegen den Investor. Das zeigte offenbar Wirkung, denn bereits Mitte Oktober gab Schober seine Anteile an den Vorbesitzer, die BAT Bauteam Tretzel GmbH, zurück, die die Aktien postwendend an den Stammverein weiterveräußerte. Kurz darauf wurde wiederum bekannt, dass Schober ursprünglich geplant hatte, seine Anteile gewinnbringend an einen ausländischen Investor weiter zu verkaufen.