"Es ist irgendwie Darmstadt in Groß"

aus SV Darmstadt 98

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Eine Saison lang haben sie gemeinsam für den SV Darmstadt 98 gespielt. Jetzt haben sich Jerome Gondorf und Luca Caldirola (hier im Bild) bei Werder Bremen wiedergetoffen. Foto: Jan Hübner

Die beiden Ex-Lilien Luca Caldirola und Jerome Gondorf haben sich bei Werder Bremen wiedergetroffen.

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BREMEN/DARMSTADT. Normalerweise machen sie das ja nicht. Aber für die ECHO-Zeitungen gibt es dann doch eine Ausnahme. Luca Caldirola und Jerome Gondorf, die in der Bundesligasaison 2015/16 gemeinsam für den SV Darmstadt 98 aufliefen, sind gutgelaunt zum gemeinsamen Interview erschienen, obwohl Werder Bremen am Tag drauf schon wieder in der Bundesliga spielt - bei Hannover 96, wo beide im Kader stehen werden. Doch die Anfrage kam schließlich schon vor Wochen, und auch Trainer Florian Kohfeldt hatte nichts gegen den ungewöhnlichen Termin. Über 30 Minuten wird letztlich gefachsimpelt. Zeit genug also, um über vergangene Zeiten, unterschiedliche Trainerphilosophien und Fans an der Ampel zu sprechen.

Jerome, Luca: Ihr habt in der Saison 2015/16 gemeinsam mit dem SV Darmstadt 98 den Klassenerhalt geschafft. Wie gerne denkt Ihr daran zurück?

Jerome Gondorf: Jeder, der damals im Kader stand, hat total schöne Erinnerungen. Es war für viele aus unseren Reihen ja das erste Bundesligajahr überhaupt. Wir alle wussten damals, dass es vom ersten Spieltag an nur um den Nichtabstieg geht. Wir hatten nichts zu verlieren, und wir hatten Super-Typen. Für mich persönlich war es ein sehr schönes Jahr, auch weil wir es geschafft hatten, uns schon am vorletzten Spieltag zu retten...

Luca Caldirola: Ja, 2:1 in Berlin - geil. Da war eine Superstimmung. Jego hat damals ja auch ein Tor gemacht...

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Jerome: ... und eins vorbereitet!

Luca: Er war der Man of the match! Es war wirklich Wahnsinn. Wir haben gewonnen und den Klassenerhalt geschafft.

Du hast in deiner Saison in Darmstadt alle 34 Spiele von der ersten bis zur letzten Minute durchgespielt.

Luca: Es war mein bestes Jahr in der Bundesliga. Ich hatte alle Spiele gemacht, und wir haben am Ende den Klassenerhalt geschafft. Ich habe in der Rückrunde ja sogar als linker Verteidiger gespielt... Und sogar das hat super geklappt (lacht).

Im Sommer 2017 habt Ihr beide euch dann in Bremen wiedergetroffen. Wie war das für Euch?

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Jerome: Seit der Zeit in Darmstadt ist eine Freundschaft entstanden. Was man im Fußball eigentlich weniger hat. Man schreibt sich ab und zu mal... Wir aber haben intensiv Kontakt gehalten, uns immer wieder mal geschrieben. Luca wusste schon früh, dass ich nach Bremen komme, er hat sich gefreut - zumindest hat er das so erwähnt (lacht).

Hat das das Einleben leichter gemacht?

Jerome: Für mich war es cool: Ich komme in eine Mannschaft, wo ich schon jemanden kenne. Ich kannte Max Kruse und eben Luca, das war schon gut. Er hat mir viel berichtet - wie Werder tickt, was das für ein Verein ist. Für mich war das von Vorteil.

Luca: Ja, so war es. Ich habe für Jerome gemacht, was er für mich damals in Darmstadt gemacht hat. Für beide war das absolut gut. Ich freue mich wirklich, dass er in Bremen unterschrieben hat.

Nach der Saison 2015/16 zerfiel die Mannschaft. Nicht nur einige Spieler gingen, auch Trainer Dirk Schuster verließ den Verein. Warum war das damals so?

Jerome: Viel mehr konnte nicht mehr kommen. Das war ja auch einer der Beweggründe für Dirk Schuster, dass er sagte, viel mehr kann man da nicht rausholen. Ich habe seine Sichtweise damals verstanden. Es war halt schade, dass es ein bisschen ein verzwickter Abgang war. Er war ein ganz wichtiger Bestandteil von dem, was wir erreicht hatten.

Der SV 98 galt immer als ganz kleines Licht in der Bundesliga. Wir habt Ihr das empfunden?

Jerome: Wenn man einen so kleinen Etat hat und viele Spieler, die noch nie in der Bundesliga gespielt haben, und wenn man dann nicht absteigt, dann hat man noch mal ein Wunder mehr vollbracht. Wir haben uns in einem Haifischbecken bewiesen, wo wirklich große Haie drinrumschwammen. Und wir waren der Nemo. Dass man das nicht mehr toppen kann, ist klar.

Als kleiner Fisch war es damals aber doch nicht immer schwer, oder?

Luca: Wenn man keinen Druck hat, ist es manchmal einfacher zu spielen. In Darmstadt war jedes Spiel einfach Spaß. Wir sind auf den Platz gegangen und wollten Fußball spielen. Wir haben gekämpft, und es hat geklappt. Wir haben mit Leidenschaft gespielt, und es hat funktioniert.

Habt Ihr mit einem derart schlechten Tabellenplatz der Lilien gerechnet?

Luca: Nein.

Jerome: Auf keinen Fall. Aber da sieht man wieder, wie kurzlebig und verzwickt der Fußball ist. Wenn man auf den Spielerkader schaut - da ist Darmstadt eher oben angesiedelt. Nach dem Start hat jeder gesagt, dass Darmstadt bestimmt wieder oben mitspielt. Und auf einmal gewinnt man zehn Spiele lang nicht. Da geht es um den Kopf, da braucht man Charaktere, die einen rausziehen.

War es denn ein Kopfproblem in Darmstadt?

Jerome: Bei Darmstadt muss man das vielleicht ein bisschen differenzierter sehen. Ein Problem war für mich - als Außenstehender - der Ausfall von Torwart Daniel Heuer Fernandes. Das hat Darmstadt in der Hinrunde vielleicht einige Punkte gekostet. Wenn man diese Punkte hätte und dann noch drei- oder viermal Unentschieden spielt, sieht die Welt ganz anders aus. Da hatten sie Pech.

Wie wichtig ist der Kopf im Abstiegskampf?

Jerome: Der Kopf spielt eine große Rolle. Wir haben es hier in Bremen in der Hinrunde in den ersten Spielen erlebt, da hatten wir nach elf Spieltagen nur fünf Punkte. Wir hatten auch eine Serie, wo wir nicht gewonnen haben und wo wir auf dem Platz nicht das abrufen konnten, was in uns steckt. Jetzt hingegen sieht man das alles wieder.

Ist der Teamgedanke das wichtigste in einer solchen Lage?

Luca: Absolut. Es ist nicht einfach, wenn man in einer solchen Situation ist. Darmstadt hat zwei Punkte Rückstand auf Platz 16. Da hat man immer ein bisschen Angst, man braucht ja unbedingt die Punkte. Und das schafft man nur, wenn alle zusammenhalten.

Jerome, wie ergeht es dir in Bremen? Hat Luca dir beim Einleben geholfen?

Jerome: Luca hat mir natürlich nur die Italiener gezeigt (lacht). Im Ernst: Es war so, wie ich es mir vorgestellt habe. Es klingt vielleicht blöd, aber es ist irgendwie Darmstadt in Groß. Alle sind sehr freundlich, sehr herzlich. Man kennt natürlich nicht alle in der Geschäftsstelle, aber die meisten kennen sich doch mit Namen. Bei der Weihnachtsfeier war jeder kommunikativ unterwegs. Das war ja auch die Erwartung, die ich an Werder hatte - auch mit den Fans und mit der Umgebung.

Du fühlst dich wohl, das hört man.

Jerome: Ja, es ist unglaublich hier. Nach vier Jahren in Darmstadt war es natürlich schon eine Umstellung. Ich bin hier aber definitiv gut reingekommen. Die Stadt sagt mir zu, es gibt ein paar ganz schöne Flecken. Und meine Tochter kommt jetzt in den Kindergarten, dann hat auch meine Frau ein bisschen mehr Zeit für sich selbst und auch für mich.

Die ganze Stadt Bremen lebt den Fußball, das war ja auch einer der Gründe, ausgerechnet hierher zu gehen. Wie nimmst du die Verbundenheit der Bremer mit Werder wahr?

Jerome: Es ist wirklich außergewöhnlich. In Bremen gibt es keinen Menschen, der nicht Werder-Fan ist. An jedem Auto sieht man den Werder-Sticker, alle Leute sprechen einen darauf an in der Stadt, egal wo du bist. So intensiv habe ich das in Darmstadt nicht erlebt.

Du fährst oft mit dem Rad zum Training. Bewegt man sich anders in Bremen als in Darmstadt?

Jerome: Ich wohne in Schwachhausen, zehn Minuten von hier mit dem Rad. Das Coole ist: Du merkst, dass dich die Leute erkennen, die Kinder sind natürlich auch ein bisschen forscher und sprechen dich auch an. Die Leute lassen dich aber generell in Ruhe. Selbst in der Stadt beim Essen kommt keiner, um ein Bild zu machen. Sie schätzen unsere Privatsphäre. Das ist ein sehr respektvoller Umgang.

Luca: Werder ist hier ja fast schon eine Religion. Ich nehme das absolut so wahr wie Jerome. Respekt vor dem Privatleben ist hier trotzdem wichtig. Du siehst in jedem Auto den Werder-Sticker, in jedem Restaurant sind Aufkleber, das ist Wahnsinn. Wenn meine Frau mal in Oldenburg arbeitet, trifft sie dort auch nur auf Werder-Fans.

Ist der Umgang der Fans mit euch bei Niederlagen ein anderer?

Jerome: Das ist ja das Verblüffende: Als wir diese schlechte Phase hatten, kam nichts Negatives. Diese Ruhe macht den Verein aus. In den letzten Jahren war Werder am Anfang ja immer unten drin gewesen. Aber das Umfeld bleibt immer ruhig, das ist unglaublich.

Luca: Die Ruhe ist immer da. Wenn es auf dem Platz mal nicht läuft und die Fans sind sauer, dann ist es ja auch nicht einfach für uns. Aber sie sind immer top, unterstützen uns im Stadion. Es sind eigentlich die besten Fans in ganz Europa.

Jrerome, du hast Torsten Frings erlebt und auch Dirk Schuster. Was unterscheidet die beiden?

Jerome: Man kann sie nicht vergleichen, wir haben unter Torsten einen ganz anderen Fußball gespielt. Wir haben ja auch viel Lob für die Rückrunde 2016/17 bekommen, obwohl wir damals abgestiegen sind. Jeder hatte trotzdem das Gefühl, dass wir guten Fußball spielen. Wir haben beispielsweise 0:1 in München verloren - und keiner wusste warum, weil man hätte gewinnen können.

Luca: In Bremen war das damals genauso. Wir haben mit Werder 2:0 gegen Darmstadt gewonnen, wussten aber auch nicht warum.

Jerome: Torsten ist vom Typ her ganz anders. Er ist nahbar, er ist für viele lockere Sprüche zu haben.

Trotzdem hat man seine Karriere immer im Hinterkopf, er hat sehr viel erreicht und er hat auch Ahnung von dem, was er dir mit auf den Weg gibt.

Und Dirk Schuster?

Jerome: Dirk Schuster ist ein Arbeiter, es kommt unheimlich viel über Disziplin. Das spürt man. Er ist immer auch mal für einen Spruch zu haben, aber er guckt schon, dass er die Leine in der Hand behält.

Jerome, du bist am Blinddarm operiert worden. Bist du wieder fit?

Jerome: Ich habe die OP gut verkraftet. Ich mache das Mannschaftstraining wieder mit und bin gewappnet, wieder dabei sein zu können. Der Heilungsprozess ist sehr gut, wir waren mal von sechs Wochen ausgegangen, jetzt ging es etwas schneller. Wir haben uns aber in Absprache mit den Mediziniern dazu entschieden, das Risiko noch nicht einzugehen - auch um etwa einem Nabelbruch vorzubeugen. Man weiß ja nie. Es war schließlich eine OP, da wurde eine Bauchwand durchtrennt.

Du fühlst sich aber wieder fit?

Das Risiko ist immer noch da, aber es minimiert sich. Ich habe körperlich nicht viel verloren an Fitness. Alles fühlt sich wirklich sehr, sehr gut an.

Das Interview führte Jan Felber.