"Es geht nicht um den Einzelnen"

aus SV Darmstadt 98

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Empfang für einen U 21-Europameister beim SC Hassia Dieburg (von links): Hassia-Vorsitzender Detlev Struckmeier, Bürgermeister Frank Haus, Marvin Schwäbe, Karnevalvereins-Vorsitzender Günter Hüttig und Jörg Laumann, der Schwäbes erster Fußball-Trainer war.  Foto: Jens Dörr

Als 2006 die Fußball-WM in Deutschland stattfand, da war Marvin Schwäbe elf Jahre jung und gerade Kinder-Fastnachtsprinz in seiner Heimatstadt Dieburg geworden. Vor wenigen...

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DIEBURG/DRESDEN. Als 2006 die Fußball-WM in Deutschland stattfand, da war Marvin Schwäbe elf Jahre jung und gerade Kinder-Fastnachtsprinz in seiner Heimatstadt Dieburg geworden. Vor wenigen Wochen, inzwischen 22 Jahre alt und auf 1,90 Meter hochgeschossen, vertrat der Torwart selbst die Farben Schwarz-Rot-Gold bei einem viel beachteten Turnier: Mit der U 21-Nationalelf wurde der Stammkeeper von Zweitligist Dynamo Dresden Europameister. Vor ein paar Tagen kehrte Schwäbe mal wieder nach Dieburg zurück: Sein einstiger Verein, der SC Hassia, bereitete ihm im Rahmen eines Gruppenliga-Heimspiels vor 150 Zuschauern einen herzlichen Empfang.

In der Qualifikation zweimal im Einsatz

Eins vorweg: Die Ehrung für Schwäbe entbehrte keineswegs der sportlichen Grundlage - auch wenn der Schlussmann bei der U 21-Endrunde in Polen keinen Einsatz erhielt und dem ehemaligen Kaiserslautern-Torwart Julian Pollersbeck (inzwischen zum Hamburger SV gewechselt) den Vortritt lassen musste. In der EM-Qualifikation aber trug Schwäbe auf dem Platz dazu bei, dass die U 21 von Trainer Stefan Kuntz es überhaupt in die Endrunde schaffte. Im September 2016 hielt Schwäbe seinen Kasten beim 1:0-Sieg in Finnland sauber. Im Oktober lief es beim 4:3-Sieg gegen Russland für die Mannschaft ebenfalls gut, gleichwohl für ihn als Torwart wegen dreier Gegentore weniger befriedigend.

Doch genau jene Mannschaft stehe über allem, auch über seinen persönlichen Bedürfnissen, erzählte Schwäbe auf dem Hassia-Gelände: "Natürlich war es ein Schlag, dass ich bei der EM nicht die Nummer eins war. Ich hatte ja vorher gespielt und mir schon was ausgerechnet", gab er zu. "Aber wir haben den Titel ja als Mannschaft geholt, da geht es nicht um den Einzelnen."

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Auch die etwas überraschende Entscheidung von Nationaltrainer Kuntz pro Pollersbeck stellte Schwäbe nicht in Frage. Kritischer äußerte sich diesbezüglich Ralf Schwäbe, einstiger Spielertrainer des SV DJK Viktoria Dieburg und der Vater nicht nur von Marvin Schwäbe, sondern auch von Ringer Kevin Schwäbe, der einmal Deutscher Meister im Freistil-Halbschwergewicht war. Pollersbeck habe bei Kuntz wohl einen Bonus wegen dessen Vergangenheit beim 1. FC Kaiserslautern gehabt, meinte Ralf Schwäbe.

Sein jüngerer Sohn genoss in Dieburg erst einmal die Wertschätzung, die ihm seine Geburts- und Heimatstadt bereitete. "Wir sind in Dieburg sehr stolz auf dich", sagte Hassia-Vorsitzender Detlev Struckmeier. Der Sportclub kassierte vor einiger Zeit auch schon mal mehrere tausend Euro Ausbildungsvergütung, als Schwäbe seine ersten U-Länderspiele absolviert hatte. Dieburgs Bürgermeister Frank Haus, selbst unter anderem Anhänger des SV Darmstadt 98 und des FSV Mainz 05, stellte heraus, dass der Titel "etwas ganz Besonderes ist. Als die U 21 im Jahr 2009 letztmals Europameister geworden war, waren Spieler wie Manuel Neuer, Mats Hummels und Jerôme Boateng dabei." Auch Günter Hüttig, Vorsitzender des Karnevalvereins Dieburg als größtem seiner Art in ganz Deutschland, gratulierte dem Kinderprinzen von einst.

Im Anschluss holten sich einige Kinder Autogramme und Fotos des Europameisters, der seinem früheren Verein unter anderem ein signiertes Trikot und Torwart-Handschuhe mitgebracht hatte. Zudem traf er auf Jörg Laumann, seinen ersten Fußball-Trainer. Er schulte Schwäbe (wie später auch Jugendcoach Andreas Nonn) bei den F-Junioren der Hassia, wo Schwäbe bis zu den D-Junioren blieb. Weitere Jugendvereine waren Kickers Offenbach (bis 2009) und Eintracht Frankfurt (bis 2013), ehe ihn Erstligist 1899 Hoffenheim unter Vertrag nahm. Die TSG verlieh ihn zunächst an den Drittligisten VfL Osnabrück, in der Vorsaison dann zu Zweitligist Dynamo Dresden. Bei beiden Vereinen wurde Schwäbe Stammkeeper, wurde nach der Saison in Dresden von den dortigen Fans sogar zum "Spieler der Saison" gewählt.

Auch zum SV Darmstadt 98 gab es mal Kontakt

Im Sommer verlängerte Hoffenheim den Vertrag mit dem Profi aus Dieburg und konnte ihn so erneut nach Dresden ausleihen. "Ich bin Hoffenheim dankbar, dass sie das möglich gemacht haben", sagte Schwäbe, der vor einiger Zeit auch mit dem SV Darmstadt 98 in Kontakt gestanden hatte ("das hat leider nicht geklappt, kann aber noch werden - ich bin ja noch jung"). Nun peile er mit Dynamo an, vom derzeitigen Platz im Mittelfeld der Zweiten Bundesliga noch weiter nach oben zu kommen. "Dazu haben wir in der Länderspiel-Pause viel an der Defensive gearbeitet."

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Am 24. September tritt er mit Dynamo am Darmstädter Böllenfalltor an. "30, 40 Kartenwünsche" habe er aus Familie und Bekanntenkreis erhalten, sagte Schwäbe, der auffallend höflich und freundlich auch alle Sonderwünsche der jungen und einiger älterer Fans erfüllte. Beim SV 98 sind sie auf das Aufeinandertreffen natürlich auch deshalb gespannt, weil aus Dresden die bekannt emotionalen und manchmal auch über die Stränge schlagenden Fans mitkommen werden. "Man wird nirgendwo nur positive oder nur negative Fans antreffen", sagt Schwäbe dazu. Generell sei es schön und ein Vorteil, mit einem solch großen Anhang im Rücken anzutreten. Daheim hat Dynamo pro Heimspiel fast 30 000 Zuschauer, fast doppelt so viele wie Darmstadt.

Darüber hinaus sei Dresden, wo Marvin Schwäbe mit seiner Freundin Michelle wohnt, "eine wunderschöne Stadt". Ein- bis zweimal im Monat versucht er trotzdem, nach Dieburg zu fahren: "Meine Familie geht über alles." Wenn er zurück ist, genießt er die gemeinsame Zeit mit ihr, spaziert in der Nähe des Hauses seiner Eltern durch den Dieburger Forst - und schaut ab und an auch noch einmal zu, was sein Bruder Kevin gerade auf der Ringermatte macht.