Der „Lausbub“ ist zurück im eigenen Wohnzimmer

aus SV Darmstadt 98

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Man sieht auf den ersten Blick, dass Yannick Stark der Schalk im Nacken sitzt: Mit seiner unkomplizierten Art und dem verschmitzten Lachen fliegen dem 26-Jährigen die...

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DARMSTADT. Man sieht auf den ersten Blick, dass Yannick Stark der Schalk im Nacken sitzt: Mit seiner unkomplizierten Art und dem verschmitzten Lachen fliegen dem 26-Jährigen die Sympathien geradewegs zu. Auf liebenswerte Art und Weise erinnert der gebürtige Kranichsteiner an einen „Lausbub“, der durchaus für einen Spaß zu haben ist und der auch mal kess daherkommt. Diese Art ist ihm selbst in weniger erfolgreichen Zeiten nicht abhanden gekommen.

Doch Yannick Stark wirkt sieben Jahre nach seinem ersten Engagement bei den Lilien gereift, wohl auch wegen der Rückschläge, die er in der Zwischenzeit hinnehmen musste. Jetzt ist der Mittelfeldspieler wieder da – am Böllenfalltor, in seinem Wohnzimmer. Und wie: Mit zwei wichtigen Treffern in den ersten Spielen der laufenden Saison hat der langhaarige Lockenkopf bereits erste Ausrufezeichen gesetzt. Und das, obwohl er vor zwei Jahren von Ex-Trainer Dirk Schuster zuerst als Wunschspieler geholt – und dann nach nur einem Spiel aussortiert wurde.

Yannick Stark wird in einem „fußballverrückten Elternhaus“ groß. Sein Vater Jürgen, genannt „Jogi“, ist selbst als Fußballtrainer in der Region aktiv. „Die Wochenenden waren wie Feiertage. Samstags ging es in ein Bundesligastadion oder zum SV 98, der damals noch in der Regionalliga spielte. Sonntags waren wir dann auf den Dorfsportplätzen unterwegs, was für mich das Größte war. Ich wollte die Zeit vor dem Anpfiff und in der Halbzeitpause immer nutzen, um mit den anderen Jungs zu kicken“, erinnert sich Stark.

Mutter Edith wird im Lauf der Zeit ebenfalls „mit dem Fußballvirus infiziert“. Bis heute sind die Eltern und die ältere Schwester Linda oft im Stadion und feuern den Sohn beziehungsweise Bruder an. „Wir haben ein sehr intaktes Verhältnis und können uns zu tausend Prozent aufeinander verlassen. Wir halten in allen Situationen zusammen, das gibt natürlich Sicherheit und hat mich bis heute sehr geprägt“, erzählt Stark sichtlich stolz.

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Als Yannick mit fünf Jahren bei der SG Arheilgen im Verein beginnt, ist Papa Jogi sein Jugendtrainer. „Für mich war das nie ein Problem, da mein Vater mich zu keinem Zeitpunkt unter Druck gesetzt hat. Andere Papas engagieren sich auch als Trainer oder Betreuer, stehen dann aber oft wie HB-Männchen an der Seitenlinie und fordern von ihren Kindern Höchstleistungen. Das war bei meinem Vater nie der Fall. Er hat mir alle Freiheiten gelassen und hätte mich auch in einer anderen Sportart unterstützt“, ist der Junior voll des Lobes für den Senior.

Der bewegungsfreudige Yannick hat in der Tat nicht nur ein Faible für Fußball, er besucht auch den „Tenniskindergarten“ der SG Arheilgen. „Ja, das stimmt, aber Fußball war immer die Nummer 1. Wenn es mal Terminüberschneidungen gab, habe ich Fußball vorgezogen“, gibt er grinsend zu.

In der C-Jugend erfolgt der Wechsel zu Hassia Dieburg, und spätestens da wurde klar, dass mit Yannick Stark ein großes Fußballtalent heranwächst. „Ich habe dort mit zwölf Jahren in der höchsten Spielklasse, der Oberliga, gespielt. Das war natürlich in dem Alter etwas Besonderes.“ Über gute Leistungen im Verein und in der Hessenauswahl wird Bundesligist Eintracht Frankfurt auf den 15-Jährigen aufmerksam. In Frankfurt spielt der zweikampf- und kopfballstarke Mittelfeldakteur mit der A-Jugend in der U 19-Bundesliga Süd. Schnell wird er in die U 23 hochgezogen und entwickelt sich innerhalb eines Jahres zur Stammkraft in der Regionalliga.

Die Karriere nimmt nun Fahrt auf: Kürzlich noch als Jugendspieler auf Amateursportplätzen unterwegs, winkt nun die Welt des Profifußballs. „Man hat bei der Eintracht gemerkt, dass das Konkurrenzdenken anders ausgeprägt ist. In meinen vorherigen Vereinen fand es jeder super, dass ich da war, in Frankfurt war erstmals nicht jeder froh über mich. Auch der tägliche Aufwand mit Schule, Training und Fahrzeiten war viel höher. Mit all dem muss man in diesem Alter erst einmal klarkommen.“

Trotz der Doppelbelastung legt Stark an der Bertolt-Brecht-Schule in Darmstadt sein Abitur ab. Ein großer Vorteil sei für ihn gewesen, dass er in dieser Zeit bei seiner Familie und den Freunden, mit denen er sich bis heute regelmäßig trifft, bleiben konnte. „Für mich ist es perfekt gelaufen. Aber ich kenne auch andere Jungs, die von ihrer Zeit im Internat schwärmen. Ich war aber ganz froh, diese Erfahrungen nicht machen zu müssen.“

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Zur Saison 2010/11 wird er von Zweitligist MSV Duisburg unter Vertrag genommen, jedoch direkt an den SV 98 weiter verliehen. Sein erstes Engagement bei seinem „Herzensverein“ verläuft nahezu perfekt: Unter Trainer Kosta Runjaic marschieren die Lilien in die Dritte Liga, und Yannick Stark trägt mit konstant guten Leistungen und dem Siegtreffer im vorletzten Spiel bei Wormatia Worms erheblich dazu bei. Von den Lesern dieser Zeitung wird er zum „Spieler der Saison“ gewählt.

Kein Wunder also, dass im Sommer 2011 die Zweite Bundesliga ruft. Der langfristige Vertrag in Duisburg wird aufgelöst, so dass der 1,86 Meter große aufstrebende Newcomer für den FSV Frankfurt auflaufen kann. Und wie er das tut: In zwei Spielzeiten absolviert er 60 Spiele, erzielt vier Treffer und ist eine Säule im defensiven Mittelfeld. Im Nachhinein betrachtet, räumt Stark durchaus nachdenklich ein, sei bis dahin vielleicht alles etwas zu glatt gelaufen. Er habe gerade in den ersten Jahren gewusst, „wie ich mir das Leben einfach mache“. Von daher sei eigentlich klar gewesen, dass es „so nicht weitergehen konnte“.

Mit dem Wechsel zu Zweitligist TSV 1860 München kommen erstmals Probleme. Nach einem zufriedenstellenden ersten Jahr wird es im zweiten, besonders durch viele Umstellungen innerhalb des Vereins, „ziemlich wild“. Dennoch läuft er in 44 Zweitligaspielen für die Löwen auf und zeigt mit vier Treffern, dass er auch Offensivqualitäten hat. „Es war nicht so schlecht, wie es zum Teil dargestellt wurde. Trotzdem war es nicht das, was ich mir vorgestellt hatte und insgesamt eine große Umstellung. Wenn man ein enges Verhältnis zur Familie hat, dann sehnt man sich gerade dann nach vertrauten Menschen, wenn es nicht so läuft.“

Dabei gehe es weniger um moralische Unterstützung. „Ich bin keiner, der bemuttert werden muss. Aber man braucht auch mal Ablenkung vom Thema Fußball, das geht mit den Kollegen weniger gut“, gibt Stark zu. „Trotzdem habe ich dort Freunde fürs Leben gefunden – mit Markus Schwabl, Vitus Eicher und Daniel Adlung bin ich bis heute in engem Kontakt.“

In der Winterpause der Saison 2014/15 dann der Lichtblick: Lilien-Trainer Dirk Schuster hat ihn ganz oben auf der Wunschliste, so dass der waschechte „Heiner“ an seine alte Wirkungsstätte zurückkehren kann. „Ich war natürlich voll motiviert. Ich kam von einem Abstiegskandidaten, bei dem es drunter und drüber ging, zu einem Aufstiegskandidaten. Dazu noch in die Heimat, besser ging es gar nicht. Dirk Schuster und ich hatten über lange Zeit Kontakt, und er betonte, viel mit mir vorzuhaben.“

Doch es kommt ganz anders. Nach nur einem Einsatz, ausgerechnet im Spiel gegen seinen Ex-Verein TSV 1860 München, ist schon wieder Schluss. Schuster sortiert Stark aus, der sich fortan auf der Tribüne wiederfindet. „Das war wirklich krass. Wir haben in diesem Spiel gegen 1860 insgesamt kein gutes Spiel gemacht. Aber ich habe nie wieder eine Chance bekommen. Das hat wehgetan, besonders weil ich keine Erklärung dafür habe.“

Die Enttäuschung führt den ansonsten geselligen und umgänglichen jungen Mann in einen Teufelskreis. „Man ist mit sich selbst unzufrieden, lässt es aber an anderen, oft auch den falschen Personen aus.“ Es sei schwer, aus einem solchen Strudel herauszukommen. „Gerade für mich war das extrem, weil zwei Herzen in meiner Brust geschlagen haben. Ich dachte: Mein Verein steigt in die Erste Bundesliga auf, und gleichzeitig steckt meine Karriere in einer Sackgasse.“

Über ein Leihgeschäft mit dem FSV Frankfurt bekommt Stark wenigstens die Möglichkeit, weiterhin Spielpraxis in der Dritten Liga zu sammeln. Am Ende jedoch muss Stark mit seinem Team gar den Gang in die Regionalliga antreten. Die Erfolge seiner Lilien im Fußball-Oberhaus verfolgt er aus der Distanz. Insgesamt sei er dankbarer geworden durch die Rückschläge, die er hat hinnehmen müssen. „Ich weiß die Dinge heute mehr zu schätzen. Früher ist mir vieles zugefallen, alles ging relativ reibungslos in den ersten Jahren. Ich gehe jetzt verantwortungsbewusster mit allem um.“

Im Sommer dieses Jahres steht fest: Die Identifikationsfigur kehrt ans Böllenfalltor zurück. Ein dritter Anlauf. Doch auch dieser Schritt steht zunächst unter keinem guten Stern. Trainer Torsten Frings kennt Yannick Stark nicht und macht sich per Videomaterial ein Bild. „Der Trainer hat mir das ehrlich so gesagt. Aber auch, dass er sich freut, mich kennenzulernen. Er hätte auch sagen können, dass er mich nicht kennt und mich daher auch nicht will. Von daher bin ich froh, dass er ergebnisoffen damit umgegangen ist.“

Frings gibt ihm die Chance, und Stark arbeitet in der spielfreien Zeit mit einem privaten Fitnesscoach an Kondition und körperlicher Verfassung. Einen Trainingsplan hatte er nicht bekommen. „Rückblickend betrachtet hat mir dies in die Karten gespielt, da ich mir ohnehin vorgenommen hatte, ganz individuell mit meinem Trainer zu arbeiten.“

Der bis dahin mit 107 Zweitligaspielen dekorierte Stark nimmt den großen Konkurrenzkampf im defensiven Mittelfeld der Lilien an – mit Altintop, Kamavuaka, Niemeyer, von Haacke und Lacazette hat er fünf Mitbewerber auf zwei freie Plätze. Er präsentiert sich bereits in der Sommervorbereitung fit und angriffslustig, so dass er in den ersten Ligaspielen folgerichtig auch Einsatzzeiten bekommt. „Es fühlt sich jetzt gerade wieder ganz anders an, auf als auch abseits des Platzes. Besonders nach den zwei Toren bin ich natürlich auch in der Öffentlichkeit wieder präsenter, das ist schon ein Unterschied. Und im Gegensatz zu früheren Regionalligazeiten, als uns fast nur eingefleischte Lilienfans unterstützten, ist Darmstadt 98 jetzt wieder ein Aushängeschild geworden. Es macht einen Riesenspaß.“

Und er fügt, typisch Yannick Stark, schelmisch lachend hinzu: „Der Wohlfühlfaktor muss schließlich auch stimmen.“

Von Melanie Kahl-Schmidt