Der erfrischend Unbekümmerte aus dem Ried

aus SV Darmstadt 98

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Trifft man sich mit Silas Zehnder, muss man erst einmal die eigene Zeitrechnung neu justieren. Denn während man selbst beispielsweise die WM 2006 im eigenen Land als...

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DARMSTADT. Trifft man sich mit Silas Zehnder, muss man erst einmal die eigene Zeitrechnung neu justieren. Denn während man selbst beispielsweise die WM 2006 im eigenen Land als Mittdreißigerin erlebte, zählte der Gesprächspartner zu jenem Zeitpunkt gerade mal sieben Lenze. An den starken Auftritt seines jetzigen Trainers Torsten Frings im Viertelfinale gegen Argentinien erinnert sich Zehnder folglich nur sehr vage.

Mit seinen 18 Jahren ist er das „Küken“ im Kader der Lilien – und das erste Eigengewächs aus dem Nachwuchsleistungszentrum, das es zu einem Bundesligaeinsatz brachte. Im letzten Punktspiel der vergangenen Saison bei Borussia Mönchengladbach wechselte Frings den Spieler, der die linke Außenbahn offensiv wie defensiv übernehmen kann, kurz vor Schluss ein.

Das Trikot von jenem Spiel hat er sich gut aufbewahrt, es ist Erinnerung und Ansporn zugleich. Denn der „Local Player“ hat viel vor in Darmstadt: Mit einem Vierjahresvertrag ausgestattet und einer gehörigen Portion Unbekümmertheit im Gepäck möchte er sich im Profikader etablieren – und schaut dabei täglich Routiniers wie Hamit Altintop oder Kevin Großkreutz auf die Füße.

Silas Zehnder stammt aus der Region: Er musste vor seinem Wechsel ins Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) der Lilien weder seine Familie verlassen, noch musste die Familie als Ganzes, wie kürzlich bei drei U 11-Talenten des FC Bayern München geschehen, ihr gewohntes Umfeld aufgeben. „Ich stamme aus Stockstadt und habe vor meinem Wechsel nach Darmstadt bei der SKG Erfelden gespielt. Von daher waren die Wege für mich relativ kurz, ein Wechsel in ein anderes Nachwuchsleistungszentrum und ein damit verbundener Wohnortwechsel kamen für mich und meine Familie nicht infrage“, sagt Zehnder. „Generell muss man aber immer den Einzelfall sehen. U 11 ist natürlich schon ein ganz schön junges Alter, aber wenn die Familie mitkommen kann, dann muss man das nochmals anders bewerten, als wenn der Spieler diesen Weg alleine gehen muss.“

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In einer Patchworkfamilie mit zwei Halbbrüdern und einer Halbschwester wird Silas im Ried groß. Die Familie ist räumlich und menschlich nah beisammen, auch die Großeltern spielen bei der Betreuung der Kinder eine große Rolle, da die Mutter die Kinder phasenweise alleine großzieht. „Die Liebe, Nähe und Unterstützung, die meine Mutter und meine Großeltern mir mitgegeben haben, prägen mich bis heute. Sie waren und sind immer für mich da, das hilft ungemein. Diese Form der Nächstenliebe möchte ich meinen eigenen Kindern unbedingt auch irgendwann einmal mit auf den Weg geben“, ist Zehnder dankbar.

Zum Fußball kommt Silas übrigens über seinen Opa Horst. „Die Nähe zum Fußball war immer da. Die WM im eigenen Land 2006 wurde natürlich geschaut, und irgendwann wollte ich dann auch selbst im Verein spielen. Mein Opa hat mich als kleines Kind oft zum Training und zu den Spielen begleitet und war auch immer hinterher, dass ich dabei bleibe“, verrät Zehnder lachend. Starke Auftritte im Verein und in der Regionalauswahl rufen Björn Kopper, Leiter des NLZ in Darmstadt, auf den Plan. „Er war schon ein paar Jahre vor dem Wechsel 2013 an mir interessiert. Wir empfanden es aber damals als besser, noch etwas länger in einem kleinen Verein wie Erfelden weiter zu spielen. Ich konnte mich über die Hessenauswahl auf nationaler Ebene zeigen, aber im gewohnten Umfeld bleiben. Das war uns zunächst wichtiger, als schon in ganz jungen Jahren in ein Internat zu gehen.“

In einem Regionalpokal-Endspiel stehen sich die Mannschaften der SKG Erfelden und der Lilien gegenüber, Zehnder erzielt drei Treffer und verhilft seiner Mannschaft zu einem sensationellen Sieg. „Das hatte keiner erwartet, und spätestens da konnte ich nachhaltig auf mich aufmerksam machen“, erzählt er sichtlich stolz. Gesagt, getan. Der Wechsel ins NLZ der Lilien ist danach perfekt.

Bereits nach dem ersten Jahr in Darmstadt klopfen andere Bundesligisten an. „Ich habe mich hier wohlgefühlt, und die Nähe zu meiner Familie hat mir immer viel Kraft gegeben. Deshalb bin ich in Darmstadt geblieben“, befindet Zehnder. „In den letzten Jahren hat sich durch den Aufbau und die Professionalisierung des NLZ sehr viel zum Positiven verändert. Wir haben im Vergleich zu vorher, als das Trainingsgelände der Jugend noch am Stadion war, sehr gute Trainingsbedingungen. Dazu kommen zwei feste Physiotherapeuten und speziell bei der U 19 auch eine Teambetreuerin und ein Athletiktrainer.“

Zehnder besucht die Georg-Büchner-Schule unweit des Stadions. „Meine Mutter hat als Lehrerin natürlich genau darauf geachtet, dass ich die Schule nicht vernachlässige. Meine Tage waren zu der Zeit schon lang, denn ich musste früh morgens von Stockstadt aus los und blieb den ganzen Tag in Darmstadt. Nach der Schule ging es zum Mittagessen und danach ins NLZ, um die Hausaufgaben zu machen.“ Wenn es tagsüber ein Zeitfenster gibt, nutzt es das ehrgeizige Nachwuchstalent für ein Individualtraining. „Danach stand das Mannschaftstraining an, abends wurde ich dann abgeholt und nach Hause gebracht“, beschreibt der 18-Jährige die Strapazen. „Man verzichtet schon auf einiges, wenn man sich als Profisportler durchsetzen möchte. Ich kann natürlich nicht wie meine Freunde einfach mal bis spät in die Nacht feiern gehen, auch die letzte Klassenfahrt fiel für mich ins Wasser“, erinnert er sich.

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Doch die Entbehrungen lohnen sich. Kurz vor dem Ende der zurückliegenden Saison besteht er sein Abitur, trainiert regelmäßig mit dem Bundesligakader und bekommt als jüngster Lilien-Spieler mit 17 Jahren im letzten Saisonspiel beim 2:2 in Mönchengladbach seinen ersten Profi-Einsatz. „Das war kein Geschenk, er hat sich den Einsatz wirklich verdient. Ich bin total überzeugt von ihm“, lobte Trainer Frings damals den kleinen, quirligen Flügelflitzer. Auch in dieser Saison gehört er zum Bundesligakader der Lilien, ebenso wie die anderen „Local Player“ Leo Petri, Paul Schmieder und Niklas Kern. Die „Local-Player-Regelung“ ist eine Vorgabe der Deutschen Fußball Liga (DFL) zur Talentförderung und fordert von jedem Bundesligisten vier Nachwuchsspieler im Profikader, die bis zum 21. Lebensjahr mindestens drei Jahre im Verein gespielt haben.

Zehnder ist momentan der Aussichtsreichste der vier jungen Talente, laut Frings mit einem „unglaublichen Potenzial“ ausgestattet. Doch der Übergang von den Junioren zu den Profis ist generell nicht einfach und laut Zehnder ein „extrem großer Schritt“. Die Tatsache, dass der SV 98 keine U 23-Mannschaft gemeldet hat, macht dieses Unterfangen für den 1,70 Meter großen „Kleinen“ nicht gerade leichter. Momentan sammelt Zehnder bei der U 19 in der Hessenliga Spielpraxis. „Es ist gut, dass ich am Wochenende in der U 19 spiele, um langsam herangeführt zu werden. Während der Woche trainiere ich mit den Profis und lerne dort extrem viel. Natürlich stünde ich auch gerne im Spieltagskader der Profis, doch das soll sich langsam entwickeln.“

Das Profiteam habe ihn sehr gut integriert, berichtet der Youngster, der sich nach Niederlagen gerne Erfolgserlebnisse an der Playstation holt. „Wir sind eine sehr homogene Mannschaft und gehen sehr gut miteinander um. Es gibt sehr viele Spieler, die mir helfen. Das engste Verhältnis habe ich zu Immanuel Höhn, Tobias Kempe und Kevin Großkreutz. Speziell von Kevin und Fabian Holland kann ich natürlich viel lernen, da sie meine Positionen spielen.“

Eine Art „Welpenschutz“ kommt ihm allerdings während der Trainingseinheiten nicht zuteil. „Nein, das muss völlig egal sein. Wenn man auf jemanden Rücksicht nimmt, dann kommt man selbst nicht weiter, und dann bringt das der Mannschaft auch nichts.“ Mit Trainer Torsten Frings zu arbeiten, sei eine tolle Erfahrung: „Man hat auf jeden Fall Respekt vor ihm und schaut zu ihm auf. Er lässt uns Spielern aber auch Freiraum, das ist eine sehr gute Mischung.“

Sein größtes Ziel ist es, sich im Profiteam zu etablieren. Sollte dies nach dieser Saison nicht gelungen sein, rückt auch eine Ausleihe zu einem anderen Verein in den Bereich des Möglichen. „Der Vorteil in diesem Jahr ist, dass ich die Spielpraxis in der U 19 noch sammeln kann. Das geht in der nächsten Saison aufgrund meines Alters dann nicht mehr. Habe ich es bis dahin nicht in den Kader der Profis geschafft, gilt es abzuwägen, wie und wo ich Spielpraxis sammeln kann“, zeigt sich Zehnder realistisch. „Unsere Mannschaft ist stark besetzt, da ist es nicht einfach, sich durchzusetzen. Die Saison ist aber noch lang, und ich werde alles dafür geben, mich in den Kader zu spielen.“

Eine neue Qualität erlebt der zurückhaltende junge Mann derzeit abseits des Platzes. „Man wird natürlich öfter angesprochen und bekommt sehr viele Dinge erzählt. Da muss man schon genau abwägen, was man ernst nimmt und was nicht. Wir wissen ja alle, wie schnell genau solche Menschen auch wieder verschwunden sind, wenn es mal nicht so läuft. Umso wichtiger sind mir meine besten Freunde und eben meine Familie.“

Die gestandenen Mitspieler dürften ihm diesbezüglich auch einige gute Ratschläge mit auf den Weg geben können, damit Silas Zehnder noch lange mit seiner erfrischenden Unbekümmertheit punkten kann.

Von Melanie Kahl-Schmidt