Darmstadt 98-Keeper Florian Stritzel hat das Wesentliche fest...

aus SV Darmstadt 98

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War mal ein großer Fan von Oliver Kahn: Florian Stritzel will mittlerweile jedoch seinen eigenen Weg gehen.Fotos: Florian Ulrich

Der Ex-Karlsruher, der aus Mecklenburg-Vorpommern stammt, ist die Nummer zwei im Lilien-Tor. In der Jugend wurde Florian Stritzel beim Hamburger SV ausgebildet. Bei den Lilien...

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DARMSTADT. Vor zwei Tagen, am 31. Januar, feierte Florian Stritzel seinen 24. Geburtstag. Damit ist er der Jüngste der drei Torhüter, die aktuell im Profikader des SV Darmstadt 98 stehen. Im Gespräch jedoch gibt sich der hochgewachsene ehemalige Profi des Karlsruher SC und des Hamburger SV äußerst abgeklärt, ruhig und sachlich. Er wirkt reifer, als es sein Geburtsdatum vermuten lässt. Und er hat in allen Bereichen des Lebens das Wesentliche im Blick. Er lässt sich nicht ablenken, nicht beirren.

Bereits im Alter von sechs Jahren hat der aus Mecklenburg-Vorpommern stammende Stritzel gewusst, dass er Fußballprofi werden würde - und von diesem Weg hat ihn nichts und niemand abgebracht. Seit Sommer ist er nun eine Lilie - und er hat sich im Laufe der Vorrunde als Nummer zwei hinter Daniel Heuer Fernandes etabliert.

Laut Wikipedia ist Florian Stritzel ein deutsch-österreichischer Fußballtorwart, der in Anklam in Mecklenburg-Vorpommern geboren ist. Hat sich die vermeintlich allwissende Datenbank etwa geirrt, oder wie kann das sein? "Doch, das stimmt", erklärt er lachend. "Meine Eltern haben sich in Ungarn im Urlaub am Plattensee kennengelernt. Meine Mama kam aus der ehemaligen DDR und mein Vater aus der Steiermark. Nach ihrem Kennenlernen trafen sie sich nochmal in Berlin, und ich meine, dass schon nach kurzer Zeit klar war, dass sie heiraten würden. So kam mein Vater aus der Steiermark nach Mecklenburg-Vorpommern."

In der ländlichen Gegend rund um Anklam, das auch als "Tor zur Insel Usedom" bezeichnet wird, wächst Florian Stritzel mit seiner Schwester in Ferdinandshof auf. Bis heute hat die Familie ein sehr enges Verhältnis untereinander. "Es ging fast immer fröhlich zu bei uns. Wir haben von unseren Eltern gelernt, immer ehrlich zu sein und zu unseren Fehlern zu stehen. Seitdem meine Tochter auf der Welt ist, kommunizieren wir mindestens zwei Mal pro Woche über Facetime, damit sie die Kleine sehen können." Die Familie führt zehn Jahre lang eine Gaststätte. "Meine Mama hat gekocht und mit meinem Onkel die Gaststätte gemanagt. Im Sommer habe ich oft die Radfahrer bedient, die draußen ihre Pause machten", erinnert er sich. "Die Pommes waren sehr lecker. Davon habe ich damals viele Portionen gegessen", verrät er schmunzelnd.

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Spielzeug habe er als Kind nie gebraucht. "Meine Eltern erzählten mir, dass ich von klein auf nur mit dem Ball gespielt habe. Mit sechs Jahren habe ich dann beim Torgelower SV Greif begonnen, im Verein Fußball zu spielen." Der Vater, selbst früher Fußballtorwart, möchte zunächst nicht, dass sein Sohn das Tor hütet. "Er meinte, ich solle lieber ins Feld gehen und dort meine Energie rauslassen. Mit zehn Jahren habe ich aber gemerkt, dass ich mehr Lust habe, das Tor abzuschotten als selbst Tore zu schießen. Das hat mich einfach fasziniert." Der Vater gibt nach - aber nur unter der Bedingung, seinen Sohn selbst zu trainieren. Der war zum 1. FC Neubrandenburg 04 gewechselt und bekam so dort einen persönlichen Torwarttrainer. "Das war nicht immer zum Lachen. Es war zum Teil echt hart, aber es hat etwas gebracht. Er hat sich wirklich sehr engagiert und ist heute natürlich besonders stolz auf mich", berichtete er augenzwinkernd.

Während eines D-Jugend-Länderpokalspiels wird ein Talent-Scout des Hamburger SV auf das hochgewachsene Torwarttalent aufmerksam. "Nach dem Spiel sagte er mir, dass sie gerne mehr von mir sehen möchten. Und er fragte, ob ich nicht Lust auf ein Probetraining hätte. Da musste ich natürlich nicht lange überlegen." Zwei Wochen zuvor hatte Stritzel aber bereits ein Probetraining bei Hansa Rostock absolviert - erfolgreich. Und dann? "Ich konnte beim HSV auch überzeugen. Für mich war klar, dass ich diese Gelegenheit beim HSV nutzen möchte. Meine Eltern aber machten sich Sorgen wegen der Entfernung. Immerhin war Hamburg drei Stunden von meinem Heimatort entfernt. Schlussendlich war klar, dass ich mit 13 das Elternhaus verlassen würde, um ins HSV-Internat zu gehen."

Schweren Herzens lassen die Eltern ihren Sohn ziehen - ein großer Schritt für beide Seiten. "Ich musste plötzlich Wäsche waschen, selbstständig an die Hausaufgaben denken und mich alleine zurechtfinden. Dazu kam der veränderte Trainingsumfang. Vorher hatte ich drei bis vier Einheiten pro Woche, in Hamburg dann acht bis zehn. Plus Schule. Das hat dann auch im ersten Jahr nicht so gut geklappt, wie es hätte klappen sollen", erinnert er sich an die Anfangszeit in der Hansestadt.

Nach einer Ehrenrunde in der achten Klasse stabilisiert sich der Vierzehnjährige - auch weil sein damaliger Jugendtrainer Steffen Brauer ihm klarmacht, wie schnell sein Traum vom Fußballprofi vorbei sein kann. "Er sagte mir damals, wenn ich nicht in der Schule und auf dem Platz Gas gebe, kann er mich nicht gebrauchen und ich kann nach Hause fahren. Er hat mich als Trainer sehr geprägt." Am Ende beendet er die Schule nach der elften Klasse mit der Mittleren Reife. "Ich habe die Schule durchgezogen, danach aber keine Ausbildung mehr gemacht. Ich wusste schon mit sechs Jahren, dass ich Fußballprofi werden möchte. Ich wollte mich voll auf eine Sache konzentrieren - und das war und ist eben das Fußballspielen."

Mit 18 Jahren unterschreibt er seinen ersten Profivertrag beim HSV, pendelt zwischen U 23 und U 19. Bis bei den Profis des Bundesliga-Dinos mit Sven Neuhaus die Nummer 3 und Stammkeeper René Adler verletzt ausfallen. "Ich rückte also nach und konnte im Training den damaligen Cheftrainer Thorsten Fink überzeugen. Für mich als Jugendspieler war das der Jackpot. Ich habe jedes Spiel, das ich damals als Ersatztorwart hinter Jaroslav Drobny begleiten durfte, genossen. Ich konnte Bundesligaluft schnuppern, auch wenn es damals nicht zu einem Einsatz gereicht hat."

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Von dem enormen Druck, der auf dem seit Jahren angeschlagenen Bundesligisten aus der Hansestadt lastet, blieb Stritzel unbeeindruckt. "Ich selbst hatte keinen Druck, im Gegenteil. Ich hatte richtig Lust, vor den 58 000 Zuschauern im Stadion auf dem Platz zu stehen und zu zeigen, was ich kann. Leider ist es dazu nicht gekommen. Für mich ist das alles eine Kopfsache. Entweder machst du dir Druck, oder du sagst dir, dass es immer dein Traum war und du dann auch zeigen möchtest, was du kannst", gibt sich Stritzel pragmatisch und richtet den Blick wie immer auf das Wesentliche.

Abschauen konnte er sich in jener Zeit einiges bei René Adler. "Wenn wir gesprochen haben, dann über seine Erfahrungswerte und Sichtweisen das Fußballgeschäft betreffend. Ich konnte einiges mitnehmen, auch von Jaroslav Drobny", sagt Stritzel, dessen Vorbild zu Jugendzeiten indes Oliver Kahn gewesen war. "Es gibt viele sehr gute Torhüter, die alle unterschiedliche Stärken haben - Buffon, Cech, Casillas oder auch van der Sar. Er hat beispielsweise den mitspielenden Torhüter mit in die Wege geleitet. Ich versuche, mir von jedem etwas abzuschauen und das Beste für mich mitzunehmen."

Da er als 19-jähriger Nachwuchskeeper nicht an den beiden erfahrenen Torhütern des HSV vorbeikommt, entschließt er sich zur Saison 2014/15 zu einem Wechsel zum Karlsruher SC in die Zweite Liga. "Ich habe mir mit meiner Freundin damals viele Gedanken gemacht, wie es weitergehen soll. Sie stammt aus Darmstadt, hat aber in Hamburg gearbeitet und gelebt. Ich wollte den Schritt zum KSC machen, um Spiele zu bekommen. Schließlich sind wir zusammen umgezogen."

Doch bei den Badenern werfen ihn zwei Verletzungen zurück. Einmal ist es das Kahnbein und dann schließlich auch noch das Knie. "Besonders ärgerlich war, dass die Verletzungen immer dann passierten, wenn ich ganz nah dran war, den nächsten Schritt zu machen", ärgert er sich heute. Dennoch, die Zeit in Karlsruhe hat ihn gestärkt. "Ich habe mir gesagt, dass es weitergehen muss. Und dass keine Verletzung mich aufhalten kann. Es war für meine Entwicklung wichtig, solche Rückschläge wegzustecken." Ein großer Rückhalt ist die Familie, besonders seine Freundin Jasmin. "Sie haben mir immer wieder gesagt, dass ich die Qualität habe, zurückzukommen. Das hat natürlich sehr geholfen."

Als der SV Darmstadt 98 im vergangenen Sommer sein Interesse anmeldet, müssen die werdenden Eltern nicht lange überlegen. "Die Gespräche waren super, mein Eindruck vom Verein war ebenfalls bestens. Dass meine Freundin aus Darmstadt kommt und ihre Eltern noch immer hier leben, war sozusagen die Kirsche auf der Sahnetorte. Jetzt sind wir wirklich froh, dass die Schwiegermutter ab und an auf unsere Tochter Lenia und unsere Ridgeback-Hündin Gimbaya aufpasst."

Doch nicht nur privat läuft es gut für den Neu-Arheilger, der, wenn die Freundin das Auto braucht, ganz uneitel mit dem Fahrrad oder der Straßenbahn zum Stadion fährt. Im Verein hat er sich im Verlauf der Vorrunde als Nummer zwei hinter Daniel Heuer Fernandes etabliert, obwohl es zunächst danach gar nicht danach aussieht. Denn als Stammkeeper Daniel Heuer Fernandes verletzt ausfällt, steht zunächst Joel Mall zwischen den Pfosten. Nach einigen unglücklichen Aktionen des Schweizers lässt Trainer Torsten Frings im November im Spiel bei Union Berlin überraschend Stritzel auflaufen. "Das macht nicht jeder Trainer, auch wenn ich in der Trainingswoche zuvor überzeugt haben muss. Aber bei uns Torhütern gibt es eben nun einmal nur eine Position, und so möge der Bessere spielen", kommentiert Stritzel sachlich. "Jeder von uns drei Torhütern hat die Qualität, um in der Zweiten Liga zu spielen."

Auch er leistet sich einen Fehler bei Union Berlin, was ihn aber nicht aus der Bahn wirft, sondern stattdessen konzentriert und sicher weiterspielen lässt. "Ich habe mir nach dem Fehler gesagt, dass es schlimmer nicht kommen kann. Schon während ich den Ball aus dem Tor holte, war das für mich abgehakt." Viele würden sich in solch einer Situation den Kopf zermartern. "Ich finde, das ist das Schlimmste, was man machen kann. Man zerstört dadurch sein eigenes Spiel."

Dass ein Torwartfehler fast immer zu einem Gegentor führt, sei für ihn Reiz und Druck zugleich. "Man ist sozusagen immer nah am Abgrund, das macht mir Spaß. Man kann innerhalb kürzester Zeit ein Held oder der Loser sein. Das fasziniert mich", gibt Stritzel ehrlich zu.

Um sich unter dem neuen Trainer Dirk Schuster für noch Höheres zu empfehlen, müssten der linke Fuß und der Abwurf mit der linken Hand besser werden. "Beim Abwurf mit links sieht das momentan noch ein wenig ungelenk aus", kommentiert er amüsiert. Sein Ziel aus Kindheitstagen hat er dennoch fest im Blick: "Ich möchte die Nummer eins im Tor werden. Das ist der Grund, warum ich hierhergekommen bin."

Abbringen lässt er sich davon ohnehin von nichts und niemandem.

Von Melanie Kahl-Schmidt