Bergsträßer St. Pauli-Fanclub unterstützt die Kiezkicker am...

aus SV Darmstadt 98

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Phrasen oder blöde Sprüche kosten: Die Spendenbox des Fanclubs wird bei jedem Pauli-Spiel weiter gefüllt und am Ende der Saison geleert. Den Betrag spenden die Mitglieder an eine soziale Einrichtung.Foto: Christopher Frank  Foto: Christopher Frank

Christopher Buchtmann nimmt den Pass von Bernd Nehrig an, zieht von der linken Außenbahn in die Mitte und schlenzt den Ball aus gut 20 Metern mit seinem eigentlich...

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BENSHEIM. Christopher Buchtmann nimmt den Pass von Bernd Nehrig an, zieht von der linken Außenbahn in die Mitte und schlenzt den Ball aus gut 20 Metern mit seinem eigentlich schwächeren rechten Fuß ins lange Eck. 1:0 für den FC St. Pauli im Zweitligaspiel gegen Dynamo Dresden. Im Stadion am Millerntor liegen sich die meisten der 28 699 Zuschauer in den Armen. Und auch in der 555 Kilometer entfernten Bensheimer Kneipe „Stadtmühle“ gibt es vor dem großen Flachbild-Fernseher kein Halten mehr.

Phrasen oder blöde Sprüche kosten: Die Spendenbox des Fanclubs wird bei jedem Pauli-Spiel weiter gefüllt und am Ende der Saison geleert. Den Betrag spenden die Mitglieder an eine soziale Einrichtung.Foto: Christopher Frank  Foto: Christopher Frank
Das Ergebnis einer Schnapsidee: Das Gründungsprotokoll des Fanclubs.Foto: Christian Schnakenberg  Foto: Christian Schnakenberg
Sieben der neun Mitglieder des Bergsträßer Fanclubs FC St. Störtebembel. Hinten (von links): Sebastian Gölz, Sven Bodemann, Stefan Schäfer und Claus Ille. Vorne (von links): Alfred Thom, Sascha Maurer und Christian Schnakenberg. Es fehlen Frank Zimmermann und Alex Schaab.Foto: Christopher Frank / Logo: Volker Gerisch  Foto: Christopher Frank / Logo: Volker Gerisch
In der Fan-Kurve des FC St. Pauli geht es mächtig rund – egal, ob im heimischen Stadion am Millerntor (Foto) oder bei Auswärtsspielen.Foto: dpa  Foto: dpa

Die Mitglieder des St.-Pauli-Fanclubs FC St. Störtebembel jubeln und klatschen sich ab. Wie sie es bei fast jedem Tor der Hamburger Kiezkicker in ihrer Vereinskneipe tun – sofern sie nicht selbst im Stadion sind. Das wird beispielsweise am Freitagabend der Fall sein, wenn die Paulianer beim SV Darmstadt 98 im Stadion am Böllenfalltor gastieren.

Acht Karten hat der Bensheimer Fanclub – die meisten Mitglieder stammen auch von dort, die anderen kommen aus Heppenheim und Lautertal – für den Gästeblock geordert. Und auch bekommen. In so großer Zahl waren sie noch nie gemeinsam bei ihrem FC St. Pauli. „Zu fünft waren wir im Mai 2013 in Kaiserslautern. Im Anschluss daran haben wir spontan in der ,Mühle‘ den Fanclub gegründet“, erinnert sich Sven „Kaiser“ Bodemann. „Genauso spontan sind wir in kleineren Gruppen auch schon nach Sandhausen oder zum FSV Frankfurt gefahren“, fügt Christian „Schnagge“ Schnakenberg hinzu.

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Eine größere Auswärtsfahrt oder ein gemeinsamer Besuch am Millerntor, der eigentlich laut Gründungsprotokoll einmal pro Jahr erfolgen sollte, scheiterte bislang zumeist an der Organisation. Die sei nun wesentlich leichter gefallen, da Darmstadt ja quasi direkt vor der Haustür liege, scherzt „Schnagge“.

Apropos Gründungsprotokoll: Wie spontan der FC St. Störtebembel vor etwas mehr als vier Jahren tatsächlich ins Leben gerufen wurde, erschließt sich beim Betrachten des Schriftstücks auf den ersten Blick. Stichwortartig wurden auf einem Abrechnungszettel des „Stadtmühle“-Personals die ersten Mitglieder, verschiedene Posten (unter anderem Präsident, Punkrock-Beauftragter oder Kassenwart), Vereinsfarben und Ziele erfasst, der Zettel dann anschließend auf ein St-Pauli-Papiertaschentuch geklebt. „Das war im wahrsten Sinne eine Schnapsidee. Noch witziger war es aber, dass wir das alles in dieser eher unkonventionellen Form nach Hamburg geschickt haben und schon nach wenigen Tagen als offizieller Fanclub anerkannt wurden“, berichtet Sascha Maurer.

Beim FC St. Pauli hat der Fanclub damit offensichtlich bleibenden Eindruck hinterlassen. Denn nur wenige Wochen später flatterte eine Interviewanfrage für die Stadionzeitung ins Haus. Und dabei erläuterten die Gründungsmitglieder Bodemann, Schnakenberg, Maurer, Frank Zimmermann und Alfred „Abt Störtebembel“ Thom unter anderem ihren – für Hanseaten – eher schwer in Einklang zu bringenden Namen: „Der Name ist geistiges Eigentum von unserem Abt (der Chef der Rasselbande) und besteht aus Störte von Störtebeker – wer hätte es gedacht – und Bembel, welches das Gefäß ist, in dem der bei uns typische Apfelwein serviert wird.“

Warum die Jungs von der Bergstraße ausgerechnet dem FC St. Pauli die Daumen drücken? Die Antwort darauf fällt ihnen nicht schwer. Sebastian Gölz, so etwas wie der Spaß-Beauftragte der Truppe, scherzt: „Wir sind eben einfach anders als der Rest. Welcher Verein hat denn bitteschön außer uns schon mal eine Dauerkarte an einen Hund verkauft?“ Etwas ernster formuliert Schnakenberg: „Verein, Mannschaft und Fans sind wie eine große Familie. Der Verein hat natürlich Ambitionen, verkauft dafür aber nicht seine Seele, sondern berücksichtigt die Interessen der Fans. Hinzu kommt das beeindruckende soziale Engagement.“ Bestes Beispiel hierfür sei die ausführliche Diskussion über den aktuellen Ausrüster „Under Armour“, dessen Zusammenarbeit mit dem US-Militär eigentlich nicht zur pazifistisch-alternativen Einstellung des Vereins passe.

Diese Einstellung ist indes auch den Fanclub-Mitgliedern eminent wichtig. Unisono betonen Bodemann, Maurer und Thom, der sich selbst scherzhaft als „autonomen Rentner“ bezeichnet: „Schon seit 1988 engagiert sich der FC St. Pauli gegen Rassismus, Homophobie und Gewalt. In gewisser Weise haben die anderen Vereine und Verbände unsere Statuten einfach nur kopiert.“

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Gleichwohl hat es bei den meisten Mitgliedern etwas länger gedauert, ehe sie ihre Leidenschaft für die Kiezkicker entdeckten. „Als gebürtiger Schwabe war ich für den FC Bayern, als Jürgen Klinsmann dort gespielt hat“, sagt Schnakenberg.

Und Bodemann muss sich heutzutage fast schon dafür schämen, dass er in jungen Jahren ausgerechnet dem ungeliebten Lokalrivalen HSV die Daumen gedrückt hat.

Nur Thom, Maurer und Stefan Schäfer fiebern schon seit ihrer Jugend mit den Paulianern. Während die Erstgenannten früh politisch links orientiert waren und dadurch fast zwangsläufig zu Fans des „etwas anderen Vereins“ wurden, fand der in der ehemaligen DDR aufgewachsene Schäfer beim (illegalen) Sportschau-Gucken im Alter von zehn Jahren den Vereinsnamen FC St. Pauli „einfach nur cool“.

Alles andere als cool sind die Fanclub-Mitglieder allerdings nach dem Schlusspfiff von Schiedsrichter Guido Winkmann. Vielmehr hadert der Großteil der Fans in der „Stadtmühle“ damit, dass es ihren braun-weiß gekleideten Lieblingen trotz zweimaliger Führung nicht gelungen ist, gegen die Dresdner Dynamos den zweiten Saisonsieg einzufahren.

Ob dieser nun ausgerechnet beim Gastspiel vor der eigenen Haustür gelingt? „Das wird wieder brutal schwer. Die gesamte Liga begegnet sich auf Augenhöhe“, sagt Sven Bodemann. Stefan Schäfer ergänzt: „Ich tippe deshalb auch auf ein 1:1.“ Damit blieben sowohl der FC St. Pauli als auch der SV Darmstadt 98 zumindest weiter ungeschlagen.