Auch Fans können ein Lied zum Hit machen

aus SV Darmstadt 98

Thema folgen
Großer Auftritt: Decubitus vor dem Heimspiel gegen den FC Bayern München (von links: Dirk Koppert, Jan "Nouki" Ehlers, Hannes Reuter und Todd Jorgensen). Fotos: Decubitus

Vom Fan-Gesang zur Fußball-Hymne: Die Lieder "Lilienfieber" und "Allez les bleus" etablierten sich über die Jahre hinweg zuallererst im Stadion - wurden aber mit der Zeit auch...

Anzeige

DARMSTADT. Diese Songs sind nicht wegzudenken aus dem Stadion am Böllenfalltor: "Allez les bleus", "Lilienfieber" und bis vor kurzem auch "Heller ist schneller" gehören zu Darmstadt fast schon wie der Datterich. Wer die Spiele der Lilien besucht, der kann die Lieder mitsingen - und die meisten Fans wissen, dass die Band "Decubitus" dahinter steckt.

Jan "Nouki" Ehlers, Dirk Koppert, Hannes Reuter und Todd Jorgensen sind die Macher hinter dem Projekt, das sich immer wieder einmal musikalisch einbringt, wenn es um das vielleicht höchste Kulturgut der Stadt geht - eben um den SV Darmstadt 98. Erstmals zu Wort meldete sich Decubitus in dieser Angelegenheit 1999, also ein Jahr nach dem hundertjährigen Bestehen des SV 98. "Das war uns eine Herzensangelegenheit", sagt Todd Jorgensen. "Wir sind damals immer im Stadion gewesen, die Besetzung der Band war freilich noch eine andere."

Gerald Wrede, umtriebiger Darmstädter Tausendsassa, hatte die Idee, das Jubiläum des SV 98 musikalisch zu feiern - obwohl es eigentlich nichts zu feiern gab in jenen Tagen. "Wir waren alle Lilien-Fans, und Gerald hatte die Idee, einen Sampler zu machen mit Songs über den SV 98. Die Mannschaft war damals ja nicht wirklich gut, trotzdem waren wir sofort dabei", erinnert sich Todd. "22 Sahnefilets in Blau Weiß" sollte der Sampler heißen.

Anzeige

"Uns war sofort klar: Da machen wir mit", erinnert sich auch Jan "Nouki" Ehlers. "Allez les bleus ist heute ja quasi die inoffizielle Hymne." Damals sei das so nicht absehbar gewesen, sagt Todd. Im Stadion wurde der Song zunächst nicht gespielt, er schien in der Versenkung zu verschwinden. Schien - denn es kam anders.

Alles fing damit an, dass Darmstädter Fans im Stadion das Lied immer wieder einmal anstimmten. Zunächst waren es Einzelne, dann wurden es immer mehr. "Im Stadion wollten sie es nicht haben - wegen der Textzeile "Der HR kriecht permanent den Offenbachern in den Arsch", erinnert sich Todd. Doch selbst die Stadionregie habe nicht mehr ignorieren wollen und können, dass es da ein ganz neues Lied gab, das das Darmstädter Lilien-Gefühl in Worte packte. "Und dann haben sie es gespielt - allerdings zunächst nur bis zu der ominösen Offenbach-Zeile." Vom SV 98 war damals sogar eine Anfrage gekommen, ob es auch eine Version ohne die Offenbach-Zeile gebe - diese hätte man im Stadion sofort gespielt.

Doch schnell war der Damm komplett gebrochen. "Die Fans haben sich das selbst ersungen. Sie machten das zur Hymne", sagt Todd. Das war in einer Zeit, als sich beim SV 98 die mediale Aufmerksamkeit in Grenzen hielt. "Wir sind damals immer schön mitgefahren, egal wo es war. Das Stadion war immer recht leer, zur zweiten Halbzeit konnte man noch umsonst rein", sagt Todd. "Die haben damals zur Halbzeit die Türen aufgemacht, trotzdem kamen auch nicht mehr als 50 Leute hinzu."

Auch Nouki denkt gerne an diese Zeiten zurück. "Es gab ja überhaupt keine Feierlichkeiten zum hundertjährigen Bestehen. Gerald Wrede hat alle fußballinteressierten Musiker in Darmstadt angehauen, ob sie nicht was machen wollten." Dritte Liga, Vierte Liga? Egal. "Wir sind damals zusammen zu allen Spielen gefahren. Und die Tante eines Freundes saß damals an einer Kasse, da durften wir zum Kinderpreis rein", sagt Nouki - diese "Straftat" ist längst verjährt. Ein Bier mehr war dadurch immer drin.

16 Jahre später dann der nächste Streich: "Lilienfieber" sollte der Song heißen, der den Aufstieg des SV 98 musikalisch begleiten würde. "Als die Lilien in die Zweite Liga aufgestiegen waren, wollte wirklich jeder Hampelmann einen Song über sie machen. Manche kamen mit pathetischen Rocknummern aus dem Buch Malen nach Zahlen: So schreibe ich den perfekten Rocksong. Wir wollten denen zeigen, wie es richtig geht", sagt Nouki.

Anzeige

Und wie sie es gezeigt haben: Zwei Tage vor dem letzten Spiel gegen den FC St. Pauli (1:0), als die Lilien in die Erste Liga aufgestiegen waren, war "Lilienfieber" fertig. An jenem Freitag landete der Song im Netz, der verantwortliche "Musik-Chef" im Stadion bekam eine Kopie des Songs. Am Samstag gab es in der "Oettinger Villa" ein Konzert für Fans der Lilien und auch für die des FC St. Pauli, bei dem der Song gespielt wurde. Und am Sonntag - wenige Stunden nach dem dann tatsächlich geschafften Aufstieg - wurde in der Goldenen Krone weiter gefeiert, wieder mit Anhängern beider Mannschaften, St. Pauli hatte schließlich den Klassenerhalt geschafft.

"Wir haben immer noch Gänsehaut, wenn unser Lied im Stadion läuft", sagt Todd. Nouki entwickelt gar die Theorie, dass "Allez les bleus" die inoffizielle Hymne des SV 98 ist - und nicht etwa Alberto Coluccis "Die Sonne scheint". Wobei es keine Konkurrenz gibt. "Es ist egal, welcher Song läuft. Es ist für uns wunderschön, dass wir einen Beitrag zur Fankultur leisten konnten. Es ist wirklich ein wunderschönes Gefühl, dass wir das gemacht haben."

Auch die Stadionregie sei gut im Bilde, finden Nouki und Todd. "Allez les bleus" läuft meistens vor, "Die Sonne scheint" nach der Mannschaftsvorstellung. "Unser Song ist rockiger, er ist aggressiver und pusht. Bei Colucci fängt man an zu lächeln - beides motiviert", sagt Nouki. "Die Sonne scheint" sei ein "Supersong" und solle immer laufen. "Das ist so schöner 80er-Jahre-Pop. Beide Lieder passen wirklich gut nebeneinander."

Was Colucci schon oft getan hat, wurde Decubitus im September 2015 gewährt: ein Auftritt vor einem Spiel am Böllenfalltor. Und das ausgerechnet gegen die Münchner Bayern... "Es war eine große Ehre, an diesem speziellen Tag performen zu dürfen", sagt Nouki breit grinsend. "Alle haben sich gefreut, und wir haben ja auch ganz brav 0:3 verloren." Münchens Torwart Manuel Neuer dürfte sich allerdings bis heute fragen, wer denn jene Musiker waren, die damals über den Rasen gerannt waren, als er sich gerade warmmachen wollte.

"Als alle im Stadion mitgesungen haben, da hatten wir schon Gänsehaut", will Todd das Ereignis nicht kleiner machen als es war. "Wenn du da unten stehst, kommst du dir aber ganz schön verloren vor", gesteht Nouki. "Alle gucken auf dich, du machst dich ja auch ganz schön zum Deppen." Er habe sogar kurz überlegt, ob er zu Neuer gehen solle, "aber das ist ja auch Quatsch. Es ist schlimm genug für ihn, dass er da vier Affen um sich rumrennen hat." Er finde es aber generell super, dass der SV 98 eine solche Aktion überhaupt zugelassen habe. "Die finden das bestimmt auch gut, dass es eine Band gibt, die mit eigenen Songs den Verein unterstützt."

Etwas anderes fuchst die Band indes: dass die Gema keine Gebühren zahlt und auch nicht einzeln abrechnen wolle - was im digitalen Zeitalter kein Problem sein dürfte. Aber: "Alle Erstligisten zahlen viel Geld an die Gema", erläutert Nouki. "Das fließt in einen Pauschaltopf. Eigentlich sollten wir endlich mal klagen: Das ist Geld, das uns zusteht." Albert Colucci bekomme auch kein Geld - was ebenfalls ungerecht sei.

Relativ egal ist es Nouki und Todd derweil, in welcher Liga der SV Darmstadt 98 in der nächsten Saison spielt. Wobei Nouki die Zweite Liga sogar besser findet: "Da ist ein Haufen Tradition ohne allzu viel Kohle. In der Ersten Liga haben wir Wolfsburg, Hoffenheim, Leipzig und Ingolstadt. In der Zweiten Liga haben wir beispielsweise Kaiserslautern, Düsseldorf, 1860 München oder Bochum." Eine Horrorvorstellung ist das nicht für Debubitus: Tradition hat ja schließlich auch ihren Wert.