Mokhtari: „Im Amateurfußball zählen Werte und Worte nicht mehr”

Lenkt die Geschicke des SV 07 Raunheim: Ex-Profi Oualid Mokhtari.

Die Ex-Profis Youssef und Oualid Mokhtari sprechen im Interview über ihr Comeback bei A-Ligist SV Raunheim, die Sonderbehandlung der Gegner, die Vereinsziele und die WM in Katar.

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Youssef Mokhtari (links) vor vier Jahren mit Ronaldinho beim Benefizspiel "Ronaldinho & friends" gegen ein All-Star-Team der Frankfurter Eintracht.
Youssef Mokhtari (links) vor vier Jahren mit Ronaldinho beim Benefizspiel "Ronaldinho & friends" gegen ein All-Star-Team der Frankfurter Eintracht. (© Imago)

Wie war es, am Sonntag mal wieder mit dem Bruder auf dem Platz zu stehen?

Youssef Mokhtari: Ich war immer noch ehrgeizig und habe mich in die Bälle reingeschmissen, weil ich unbedingt die Null halten wollte. Das letzte Spiel hatte ich drei Jahren gegen die Eintracht-Frankfurt-Traditionself bei der Einweihung des Kunstrasenplatzes gemacht. Wir haben Trainer Claudio Pascai vor vier Wochen entlassen. Und dann sind vier, fünf Spieler, die er mitgebracht hatte, nicht mehr aufgetaucht und wir hatten einen Engpass. Da helfe ich auch mit 43 noch gerne aus.

Oualid Mokhtari: Ich habe ausgeholfen, weil Not am Mann war, aber grundsätzlich habe ich keine Lust mehr auf Fußball. Mir macht das keinen Spaß mehr. Es war halt eine doofe Situation, weil einige Spieler nach dem Abgang des Trainers nicht mehr gekommen sind. Im Amateurfußball zählen Werte und Worte nicht mehr.

Sind weitere Einsätze denkbar?

Oualid Mokhtari: Wir haben noch ein Spiel, dann kommt die Winterpause und es kommen einige Neuzugänge. Mit denen machen wir im neuen Jahr den Klassenerhalt klar.

Youssef Mokhtari: Eigentlich ist es auch nicht Sinn der Sache, dass wir Mokhtaris spielen. Die Jungs, vor allem die Talente, sollen sich weiterentwickeln. Und ich kann meine Knochen schonen. Denn auch in der A-Klasse muss man sich bewegen und in die Zweikämpfe gehen. Und das merkt man dann am nächsten Tag.

Hat Ihnen Martin Teppich einen ausgegeben als Dank für das Wegbereiten des Hattricks und seiner insgesamt fünf Tore?

Youssef Mokhtari: Da fehlt es – glaube ich – an der Erziehung, der hat sich nicht mal bedankt (lacht). Für die heutige Generation ist das anscheinend selbstverständlich.

Oualid Mokhtari: Wir haben schon Qualität reingebracht, mein Bruder hat drei Treffer eingeleitet und ich zwei. Martin habe ich entdeckt und gefördert. Er ist groß und wurde von technisch versierten Spielern belächelt. Ich habe gesagt: Er hat einen Torriecher und wenn man ihn bedient, macht er die Dinger auch rein – wie am Sonntag.

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Bekommen Sie als Ex-Profis in der A-Klasse noch eine Sonderbehandlung mit zwei, drei Gegenspielern oder ist die Zeit vorbei?

Oualid Mokhtari: Eine Sonderbehandlung ist normal. Ich hatte immer drei, vier Gegenspieler im Amateurbereich.

Youssef Mokhtari: Ich habe gegen Stockstadt in der Innenverteidigung gespielt – und bin in der zweiten Halbzeit als Abwehrspieler zugestellt worden. Das habe ich noch nie erlebt. Aber dafür hatten die anderen mehr Platz. Und irgendwann musste der Gegner von mir weg und dann konnte ich den nächsten Spielzug starten.

Haben Sie am Sonntag noch einen besonderer Ehrgeiz oder eine besondere Härte erfahren oder liegt Ihre Profizeit zu weit zurück?

Youssef Mokhtari. Ja, aber das ist normal. Für die Jungs ist es ein Highlight, gegen einen Ex-Nationalspieler und einen Ex-Bundesligaprofi zu spielen. Da muss der Trainer nicht viel motivieren. Stockstädter Spieler haben gesagt „Es war eine Ehre, gegen Sie zu spielen”, und das ist doch schön. Der Schiri kannte mich und mein Alter nicht und sagte, dass ich mit meiner Leistung fünf, sechs Klassen höher spielen könnte.

Oualid Mokhtari: Durch meine Art, Fußball zu spielen, bin ich im Amateurbereich immer gut angekommen und habe Respekt erhalten. Ich rede nicht über meine Vergangenheit, ich diskutiere nicht mit Schiedsrichtern und ich jammere nicht. Wenn ich gefoult werde, stehe ich auf und es geht weiter.

Hat sich im Amateurfußball Respekt erarbeitet:  Oualid Mokhtari (links), hier im Laufduell mit Pascal Wicht.
Hat sich im Amateurfußball Respekt erarbeitet: Oualid Mokhtari (links), hier im Laufduell mit Pascal Wicht. (© André Dziemballa)

Youssef, Sie haben vor vier Jahren im Interview gesagt, Sie wollen mit ihrem Bruder beim SV 07 Talente aufbauen und mit dem Namen Mokhtari den einen oder anderen Sponsor an Land ziehen. Ist das gelungen? Sind Sie mit den Früchten Ihrer Arbeit zufrieden?

Youssef Mokhtari: Ja, wir haben einige Sponsoren dazugewonnen, vor allen Dingen aber viele Jugendmannschaften. Wir haben einen enormen Zulauf, alleine 40, 50 Bambini. Und sportlich haben wir auch Erfolg, die D-Jugend ist dieses Jahr Kreismeister geworden. Das Problem ist, dass viele Jugendliche aus Raunheim und Rüsselsheim nach Walldorf, Offenbach oder Frankfurt wechseln, um da höherklassig zu spielen. Die fahren teilweise eine Stunde zum Training, das ist krank. Die Eltern haben einfach keine Geduld mehr. Ich habe selbst achtjährige Zwillinge in der SV 07-F-Jugend, die könnten auch in Mainz oder so spielen. Aber es bringt nichts, sie in dem Alter irgendwo hinzukarren, wo sie dreimal die Woche trainieren.

Oualid Mokhtari: Ich bin mehr als zufrieden. Als ich 2015 zum SV Raunheim gekommen bin, spielte die erste Mannschaft in der B-Liga und die Jugend war tot, da gab es gar nichts. Wir haben einen Kunstrasenplatz bekommen, unsere zweite Mannschaft spielt jetzt B-Liga, die Kommunikation mit der Stadt Raunheim läuft super.

Was sind die nächsten Schritte/Pläne/Ziele mit dem SV Raunheim?

Youssef Mokhtari: Oberstes Ziel ist, die Spieler und die Mannschaften weiterzuentwickeln und das Wir-Gefühl zu stärken. Die erste Mannschaft kann irgendwann mal aufsteigen, wenn sie das richtig will. In der Jugend sind wir auf einem guten Weg, haben alleine drei F-Jugend-Mannschaften, aber es dauert Jahre, bis die Aufbauarbeit mal mit einer starken A- und B-Jugend belohnt wird.

Oualid Mokhtari: Der Fokus liegt auf der Jugendausbildung. Unsere Aktiven sind in der A-Liga gut aufgehoben, bis wir irgendwann mal ein Fundament für eine höhere Klasse haben. Unsere Spieler zahlen alle Mitgliedsbeiträge und kriegen kein Geld, wir müssen also aus uns selbst wachsen.

Hat das Fußballspielen nicht verlernt: Youssef Mokhtari (rechts), hier im Duell mit Manfred Binz (links) und Alexander Schur von der Eintracht-Frankfurt-Traditionself.
Hat das Fußballspielen nicht verlernt: Youssef Mokhtari (rechts), hier im Duell mit Manfred Binz (links) und Alexander Schur von der Eintracht-Frankfurt-Traditionself. (© André Dziemballa)
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Wie sehen Sie Ihre persönliche berufliche Zukunft?

Youssef Mokhtari: Ich mache gerade meine Trainerscheine, könnte in Marokko schon Junioren-Nationalmannschaften trainieren, strebe aber noch den Fußballlehrer an. Und dann will ich auf die große Bühne, aber das dauert.

Oualid Mokhtari: Ich bin glücklich als Sportlehrer an drei Schulen und mit unserer Fußballschule. Aber ich könnte mir auch vorstellen, noch mal im Profibereich tätig zu werden. Viele ehemalige Mitspieler sind mittlerweile in der Bundesliga aktiv, wer weiß, was da noch für Angebote kommen. Aber ich habe Frau und Kinder, das muss dann auch passen.

Apropos Marokko und Nationalteam: Was trauen Sie Ihrem Heimatland und Deutschland bei der WM zu?

Youssef Mokhtari: Marokko hat eine bärenstarke Truppe mit Hakimi von Paris St. Germain, Ziyech von Chelsea und Co, ich traue ihnen viel zu. Sie müssen frech spielen und sich sagen: Wir haben nichts zu verlieren. Die spielen alle in Topklubs, das ist nicht mehr so wie zu meiner Zeit als Nationalspieler. Deutschland ist nach wie vor eine Turniermannschaft und sollte die Gruppenphase überstehen. Ich setze auf Musiala, ein echter Straßenfußballer.

Oualid Mokhtari: Ich traue beiden Teams das Achtelfinale zu – auch Deutschland noch.

Sehen Sie Videos mit Youssef und Oualid Mokhtari

Waren Sie Gegner oder Befürworter einer WM in Katar?

Youssef Mokhtari: Ich hätte die WM nicht nach Katar gegeben, sondern an ein anderes fußballbegeistertes arabisches Land wie Marokko, Algerien oder Tunesien. Da hätte man durch die veränderte Infrastruktur viel für das Land tun können und die Stadien wären nach der WM auch voll geworden. In Katar werden für hunderte Millionen Euro Stadien gebaut, die dann später nicht genutzt und teilweise wieder zurückgebaut werden. Da wird so viel Geld aus dem Fenster geschmissen, und auf der Welt verhungern jedes Jahr immer noch Millionen Menschen.

Oualid Mokhtari: Meine Meinung ist: Wenn man die Zustände in Katar kritisiert, darf man nicht hinfahren und teilnehmen und die Spiele auch nicht im Fernsehen ausstrahlen. Für mich ist das eine Doppelmoral. Als Spieler und Mensch würde ich sagen: Ich fahre da nicht hin.

Youssef, Sie haben ein halbes Jahr in Katar gespielt. Wie war das für Sie?

Youssef Mokhtari: Zunächst einmal unglaublich heiß. Wir haben immer erst um 20 Uhr trainiert. Die Arbeitsbedingungen der Migranten waren schon 2008 katastrophal. Aber wenn man diese mit den Bedingungen in Marokko oder Indien vergleicht, sind sie immer noch besser. Warum? Weil sie Geld verdienen, deshalb gehen sie ja als Gastarbeiter dorthin. Sie interessiert es nicht, ob sie einen Helm oder einen Sicherheitsgurt bekommen, sie wollen ihre Familien ernähren und verdienen dort das Vier- oder Fünffache wie in ihrer Heimat. Trotzdem ist es natürlich nicht richtig.