Kolumne von Wortpiratin Mara Pfeiffer: Wir fahren nach Berlin!

aus Mainz 05

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Viktor Fischer. Archivfoto: dpa

Wenn es dann vorbei ist, kann man ja ehrlich zu sich selbst sein: Mein Gott, wäre ich geplatzt, wenn uns Holstein Kiel am Dienstag aus dem DFB-Pokal geworfen hätte. Nicht!...

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MAINZ. Wenn es dann vorbei ist, kann man ja ehrlich zu sich selbst sein: Mein Gott, wäre ich geplatzt, wenn uns Holstein Kiel am Dienstag aus dem DFB-Pokal geworfen hätte. Nicht! Schon! Wieder! Ganz ehrlich, das Erstrundenaus gegen einen komplett unterklassigen Gegner kann ich mit mehr Humor nehmen, als permanent in der zweiten Runde gegen einen Zweitligisten aus diesem ver...tollen Wettbewerb zu fliegen. Klar redet man sich das vorher schön, was denn auch sonst? Haha, heute Abend lassen wir uns von den Störchen aus dem Pokal kegeln. Vermutlich schießt Aaron Seydel denen das Siegtor, ich lach’ mich gleich schlapp. Dafür stelle ich mich gerne in den regnerischen Wind, am liebsten 120 Minuten plus Elferschießen. Da kriegt man für sein Geld noch was geboten.

Am Boppes die Waldfee! Ich will endlich mal wieder so richtig schön was erleben in diesem Wettbewerb. Nicht immer den Fußballabend freihaben, wenn die anderen um den Traum von Berlin spielen. Diese komplett sinnlose Ausscheiderei ist nämlich in Wahrheit nur halb so witzig, wie wir tapferen Mainzer es Jahr für Jahr von Neuem vorgeben. Tatsächlich leiden wir hier still vor uns hin, das soll nur niemand mitkriegen. Deshalb, Narrenkappe vors Gesicht et ceterea pp., so macht man das hier. Aber dahinter kommen den Clowns eben doch die Tränen, halb verzweifelt und halb vor Wut.

Wie in frühen Teenagertagen

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Man fühlt sich da wieder wie in frühen Teenagertagen, wenn man auf dem Rummel mit dieser schrecklichen Raupe gefahren ist. Bis heute konnte mir niemand schlüssig erklären, warum er sich freiwillig in dieses Gefährt setzt und unterm Faltdach versenken lässt, um dann wie wild über rumplige Schienen im Kreis herumzufahren. Das ist nämlich auch vollkommen sinnlos, außer vielleicht für heimlich knutschende Teenager. Ansonsten ist dieses permanente Auf und Ab eine komplette Tortur – und mit den gängigen DFB-Pokalspielen verhält es sich genauso.

Diese Partien schlagen erst fies auf den Magen, schicken dann Glücksgefühle wie funkelnde Glühwürmchen durch die Blutbahn und ziehen dem geneigten Fan aus dem Nichts wieder den Boden unter den Füßen weg. Das alles ist überhaupt nur auszuhalten, wenn man wenigstens in die nächste Runde kommt. Zumal bei den späten Spielansetzungen die Alternative wegfällt, nach dem Ausscheiden noch frustriert das komplette Stadion leerzusaufen.

Jetzt: Adler rupfen. Später: auf nach Berlin

Ja, nein, danke. Überschriften wie „Mainz musste zittern“ lassen sich im Nachgang zu einer solchen Partie gerade so aushalten, wenn sich benanntes Zittern eben gelohnt hat. Wenn also am Ende des Abends eine kribbelige Glücksexplosion erfolgt, die alles vergessen macht, vor allem die vorangegangenen 120 Minuten. Deshalb ist es mir auch ein Rätsel, wie einige Fans tags darauf über den Spielverlauf nörgeln können. Was weiß denn ich 24 Stunden nach einem Pokalspiel noch darüber, wie das abgelaufen ist? Nur das Wesentliche: Wir sind eine Runde weiter! Das fühlt sich absolut fantastisch an. Jetzt: Adler rupfen. Später: auf nach Berlin.

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Mara Pfeiffer ist freiberufliche Journalistin und Autorin. Unter anderem von "111 Gründe, Mainz 05 zu lieben" (mit Christian Karn). Homepage: www.marapfeiffer.de Mara Pfeiffer bei Twitter: @Wortpiratin

Von Mara Pfeiffer