Kolumne von Wortpiratin Mara Pfeiffer: Bedingungslose...

aus Mainz 05

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05-Fans im Stadion. Foto: Sascha Kopp

Die englischen Wochen im Fußballbetrieb haben ihren Namen bekanntlich daher, dass auf der Insel der Spielplan generell viel enger gestrickt ist als in der Bundesliga....

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MAINZ. Die englischen Wochen im Fußballbetrieb haben ihren Namen bekanntlich daher, dass auf der Insel der Spielplan generell viel enger gestrickt ist als in der Bundesliga. Spiele im Rhythmus weniger Tage sind dort eher Regel denn Ausnahme und von der Gemütlichkeit der hiesigen Winterpause kann eine Liga, die den 2. Weihnachtsfeiertag als so genannten Boxing Day zu ihren jährlichen Highlights im Spielplan zählt, natürlich nur träumen. Mir stellen sich in diesem Zusammenhang vor allem zwei Fragen: Wie werden die englischen Wochen wohl nach dem Brexit heißen? Sind die Namensrechte Teil der Austrittsverhandlungen und rückt May diesen von Fußballfans so liebgewonnenen Begriff raus, wenn Kanzlerin Angela Merkel ihr verrät, ob ihrer berühmten Händehaltung bloßer Zufall oder doch das yogische Hakini-Mudra zugrunde liegt? Und viel wichtiger: Wie halten die englischen Fußballanhänger das bitte aus?

Okay, einmal die Woche ein Punktspiel in der Liga, das gehört definitiv dazu. Wenn ich beim Blick in den Saisonplan die nächste Länderspielpause erspähe oder gar die Unterbrechung in der Winterzeit ansteht, lässt mich das innerlich unwillig grummeln. Fußball ist einfach fester Bestandteil des Wochenendes: Vorberichte, Stadionbesuche, Kneipenabende, Liveschalten im TV, Zwischenergebnisse von den anderen Plätzen, Nachbetrachtungen, Tabelle. Punktträume vor dem Anpfiff, Rechenschiebereien im Abgleich aller Zwischenergebnisse, Nachbetrachtung. Und natürlich gehört viel mehr als das reine Spiel zur trauten Routine im heimischen Stadion oder auf dem Weg zum Auswärtsgegner, wie die Begegnung mit Menschen in der eigenen Kurve, der Austausch mit Freunden. Bier, Brezel, zufällige Begegnungen in den Katakomben, mehr Bier, Stadionwurst, Pressekonferenz Nachkicks, Aufregung und Freude.

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Keine Zeit, um noch zu arbeiten

Zu behaupten, der Emotionshaushalt sei dabei stets auf Plus gepolt, ist natürlich glatt gelogen. In der Kurve fliegen Schimpftiraden mit halbvollen Einwegbechern um die Wette, hinter einem steht garantiert wieder der Motzki, der neuerdings dauernd da auftaucht. Die Pommes sind kalt, die Schlange ist lang, der Weg zum Senf wird versperrt von Massen bierdurstiger Fans. Klopapier ist alle, in der Kurve zieht’s und was die Buben da auf dem Platz zusammenrumpeln, reden wir lieber nicht drüber. Wobei es plötzlich doch aussieht, als ob heute was ginge. Spiel doch über außen, wieso muss der es durch die Mitte probieren, pass zum Nebenmann, zieh ab, wie kann er den nicht machen, das kriegt ja seine Oma besser hin. Meine Nerven!

Genau die: Eigentlich sollten die englischen Wochen einen adäquateren Namen tragen. Sowas wie „Wochen der Helden“ – „Stresstest Wochen“ – „Nerven wie Drahtseile“. Die bräuchte es nämlich, wenn die Spiele alle drei Tage wären. Dazu bedingungsloses Grundeinkommen, denn wer käme zwischen Vorschau, Stadionbesuch und Analyse noch zum Arbeiten? Die Engländer hätten lieber die Auswirkungen dieser Dauerbeschallung auf die Ökonomie überprüfen sollen, statt überhastet den Brexit anzustreben. Oder in den Synonymduden schauen, dort steht, ich bin fast sicher, neben englische Woche: „moderne Fanfolter“. Zum Glück erleben wir die nur selten, denn als Ausnahme hinterlässt sie einen zwar etwas matt, aber irgendwie glücklich.

Mara Pfeiffer ist freiberufliche Journalistin und Autorin. Unter anderem von "111 Gründe, Mainz 05 zu lieben" (mit Christian Karn). Homepage: www.marapfeiffer.de Mara Pfeiffer bei Twitter: Wortpiratin/i>

Von Mara Pfeiffer