Wie viele Touristen kann eine Stadt ertragen?

Touristenmassen auf dem Markusplatz in Venedig. Foto: Andrea Warnecke/dpa-tmn

Egal ob Venedig, Dubrovnik oder Paris – die beliebten Ziele sind gnadenlos überlaufen. Die Gewinner und Verlierer des Overtourism und einige Lösungsansätze.

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. Am nächsten Wochenende mal eben nach Berlin? Kein Problem: Der Flug mit der Billig-Airline von Frankfurt aus kostet rund 100 Euro – hin und zurück. Mit dem Flixbus ist es sogar noch günstiger. Im Schnitt zahlt man für die Strecke von Frankfurt nach Berlin rund 40 Euro, wenn man so kurzfristig verreisen möchte. Wer etwas länger vorausplant, kann sich sogar über noch günstigere Preise freuen.

Reisen ist preiswert wie nie und auch Dank Ferienwohnungsanbietern wie Airbnb beinahe für jeden erschwinglich. Kein Wunder, dass Städtereisen boomen. Doch je mehr Menschen sich die Städte der Welt anschauen, umso größer wird das Problem, das diese Städte haben: Sie werden von Touristenmassen überrannt – allen voran Venedig aber auch Amsterdam, Dubrovnik, Barcelona und Reykjavik. Der sogenannte Overtourism (Deutsch: Übertourismus) ist nicht neu, führt aber mehr und mehr zu Konflikten zwischen Einheimischen und Gästen. In Barcelona und auf Mallorca gingen die Bürger bereits auf die Straße und protestierten gegen die Touristen. Aus der historischen Altstadt Venedigs ziehen jedes Jahr etwa 1000 Einwohner weg und auch die Bürger Prags stimmen mit den Füßen ab und verlassen die Stadtteile, in denen sich die Touristen drängen. Overtourism ist ein Phänomen, das die Touristiker in Zukunft stark beschäftigen wird. Ging es nämlich jahrelang in erster Linie darum, möglichst viele Urlauber anzulocken, so muss man sich nun verstärkt mit den Folgen dieses florierenden Wirtschaftszweiges beschäftigen.

„Im Tourismus gibt es sehr viele private Gewinner – die Unternehmen – und sehr viele gemeinschaftliche Verluste. Sprich: Die Empfänger von negativen Effekten im Tourismus sind nicht die, die das Geld damit verdienen“, erläutert Professor Dr. Christian Laesser von der Universität St. Gallen das Problem. Und er ergänzt: „Tourismus-Marketing sollte nicht nur daraus bestehen, Leute zu holen, sondern idealerweise auch darüber informieren, wann die Leute kommen sollen und wann sie besser wegbleiben.“

Solche Empfehlungen finden Touristen zum Beispiel auf der Webseite von Venedig. Hier gibt es einen Kalender, mit dessen Hilfe man jeden Tag im Jahr hinsichtlich des Besucheraufkommens überprüfen kann. Günstig für eine Reise nach Venedig sind die Monate November bis Januar. Auch sollte man lieber von Montag bis Donnerstag in die Lagunenstadt reisen, anstatt am Wochenende. Viel genutzt haben diese Empfehlungen nicht. Rund 30 Millionen Touristen besuchen Venedig jedes Jahr – darunter circa 1,6 Millionen Kreuzfahrttouristen und viele Tagesbesucher. Laut einer Studie der Universität Venedig kann das Stadtzentrum mit seinen 55 000 Einwohnern allerdings nur 19 Millionen Besucher pro Jahr vertragen. Die Stadt der Liebe versinkt nicht nur im Wasser, sondern auch im Massentourismus.

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Da bleiben nur drastische Maßnahmen, um dem Ansturm Herr zu werden. Bereits im vorigen Jahr installierten die Behörden Zugangssperren, um die Touristenströme besser lenken zu können. Ab Mai kostet nun der Tagesbesuch in Venedig drei Euro pro Person, im nächsten Jahr wird der Eintritt auf sechs Euro verdoppelt. Mit dem Geld soll die historische Altstadt gereinigt und instand gehalten werden.

Auch in Dubrovnik wird nach Möglichkeiten gesucht, den Zugang zur Altstadt zu beschränken. Rund 10 000 Gäste schoben sich bisher täglich durch die engen Gassen – die meisten von ihnen kamen mit den Kreuzfahrtschiffen. Seit diesem Jahr nun dürfen nur noch zwei Kreuzfahrtschiffe pro Tag die kroatische Stadt an der Adria anlaufen, um die Besucherzahl auf höchstens 5000 zu begrenzen. „Ich bin zuversichtlich, dass wir das Overtourism-Problem in den nächsten zwei bis drei Jahren hinter uns haben“, sagte Romana Vlasic, Chefin des Tourismusverbandes von Dubrovnik, auf der Reisemesse ITB.

Andere Städte setzen auf eine Beschränkung der Bettenkapazität zur Bewältigung der Massen. Während in Barcelona neue Hotels in der Innenstadt verboten sind, greift Amsterdam gegen die Zweckentfremdung von Wohnungen als Airbnb-Ferienunterkünfte härter durch. Seit diesem Jahr darf eine Wohnung nur noch höchstens 30 Tage im Jahr an Touristen vermietet werden. Im vorigen Jahr startete die Stadt außerdem eine Marketing Kampagne, die sich speziell an niederländische und britische junge Leute im Alter zwischen 18 und 34 Jahren richtete. Unter dem Motto „Enjoy & Respect“ (Deutsch: „Genießen und respektieren“) sollte das Bewusstsein dafür geschärft werden, was in Amsterdam erlaubt ist und was nicht. Nicht erwünscht ist nächtliche Ruhestörung durch Betrunkene, die durch die Viertel ziehen, die Straßen voll müllen und wildpinkeln. Für viele Anwohner sind die jungen Erwachsenen, die zum Beispiel für Junggesellenabschiede in die niederländische Hauptstadt kommen, um zu feiern und zu trinken ein echtes Ärgernis.

Um die Beziehung zwischen Gast und Gastgeber hat man sich im Tourismussektor in den letzten Jahren relativ wenig gekümmert. Ein Versäumnis, das künftig mehr Aufmerksamkeit erfordert, denn überfüllte Urlaubsorte will keiner – auch der Tourist nicht. Dabei gibt es Städte, denen es gelingt, trotz hoher Besucherzahlen, nicht zur Massentourismusfalle zu werden. Ein Beispiel ist London. „Obwohl London seit Jahren ein beliebtes Reiseziel für Touristen aus aller Welt ist, kann man hier nicht von Overtourism sprechen. Es gibt so viele Hotels, Museen und Attraktionen, dass die Stadt die vielen Besucher ganz gut verträgt“, sagt Andrea Hetzel, Pressesprecherin von Visit Britain. Ein anderes Beispiel ist Paris. Mit rund 33 Millionen Besuchern im Jahr, ist Frankreichs Hauptstadt fast ebenso beliebt wie Venedig. Allerdings ist hier die Wertschöpfung eine andere, denn Paris generiert, laut einer Roland-Berger-Studie, ein hohes Einkommen aus dem Tourismus – im Gegensatz zu Amsterdam, das unter den Partytouristen leidet. Ähnliches gelingt auch Wien ganz gut. Die österreichische Hauptstadt setzt auf Qualität statt auf Quantität, um wohlhabende Luxusgäste anzuziehen – mit dem Ausbau von Fünf-Sterne-Unterkünften, luxuriösen Einkaufsmöglichkeiten und einem erstklassigen Kulturangebot.

Die Innenstädte werden auch entlastet, indem die Touristenströme gezielt in weniger frequentierte Stadtviertel gelenkt werden: Ehemalige Industriegebiete werden zu Trendvierteln, in denen sich Künstler, Designer und Start-up-Unternehmen ansiedeln. Ein Beispiel ist das Szeneviertel Holešovice in Prag. Auch Berlin hat ein Konzept eingeführt, um die Touristen in Randzonen zu lenken – es ermutigt die Besucher ein „Berlin Insider“ zu werden. Ebenfalls sehr effektiv sind laut der Roland-Berger-Studie kostenlose Stadtführungen in alternative Stadtteile, die bereits in Amsterdam, Berlin und Stockholm angeboten werden.

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Dass die Besucherlenkung mit künstlich geschaffenen Attraktionen funktionieren kann, zeigt auch das Disneyland bei Paris. „Die Maßnahmen, den Overtourism in den Griff zu bekommen, sollten aber nicht nur für die Einheimischen einen Nutzen bringen, sondern auch für die Touristen, denn am Ende des Tages profitieren auch diese, wenn sie etwas in einem verträglichen Umfeld genießen können und sie sich nicht in einem Kampf mit anderen Touristen befinden“, sagt Christian Laesser. Der Tourismusexperte aus St. Gallen gibt zu bedenken, dass es aufgrund der internationalen Ausweitung des Tourismus einen immer stärker wachsenden Anteil an Menschen gibt, die zum ersten Mal verreisen. „Und diese Erstreisenden wollen an die Hot-Spots und nicht in die Pampa.“