Exotische Heimat

Wasserpyramide in der Seenlandschaft des Fürst-Pückler-Parks in Branitz. Foto: imago stock&people

Pyramiden, Tempel und Vulkane gibt es auch in Deutschland.

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. Kamerun hat die deutsche Postleitzahl 17192, gehört zu Waren am Ufer der Müritz und liegt mitten in Mecklenburg-Vorpommern. Einwohnerzahl: 300. Auch Afrika liegt gleich in der Nähe: 80 Kilometer nordöstlich von Berlin in Brandenburg. Das deutsche Afrika hat zwar noch weniger Einwohner als 17192 Kamerun, aber immerhin eine eigene Bushaltestelle. Ebenso wie Kanada an der Landstraße zwischen Kleinbernsdorf und Schöna in Thüringen, während in Amerika – Postleitzahl 09322 in Sachsen – schon 1874 der Bahnhof in Betrieb genommen wurde.

Wasserpyramide in der Seenlandschaft des Fürst-Pückler-Parks in Branitz. Foto: imago stock&people
Steinerne Brücke in Regensburg. Foto: Armin Weigel
In Hamm steht der Sri-Kamadchi-Ampal-Tempel. Foto: Friso Gentsch
Einer der breitesten Strände: Der Kniepsand auf Amrum. Foto: Elke Backert
Ein Holzhaus der russischen Kolonie Alexandrowka in Potsdam. Foto: Ralf Hirschberger

Ein russisches Dorf in Potsdam

Deutschlands exotische Ziele sind aber nicht nur unbekannte Dörfer und Weiler, sondern auch sehenswerte Orte: wie der Sri-Kamadchi-Ampal-Tempel in Hamm in Nordrhein-Westfalen. Dort steht der größte Hindu-Tempel Kontinentaleuropas. Wie der dorthin kam? „Es war Gottes Wille“, sagt Priester Sri Paskaran. „Während der Zugfahrt von Berlin nach Paris hatte ich plötzlich großen Hunger und ich stieg einfach aus. So kam ich nach Hamm. Und ich blieb.“

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Aber auch andernorts darf man mit fremden Religionen in Dialog treten: etwa in der Zentralmoschee von Köln, der größten von rund 2750 Moscheen in Deutschland, oder in der Synagoge in der Berliner Rykstraße, der größten von 130 Synagogen im Land. In Berlin findet man den Jüdischen Friedhof Weißensee, der sogar größer ist als der berühmtere Jüdische Friedhof zu Prag. Im buddhistischen Tempel von Wiesent bei Regensburg, der nach der Expo von Hannover dort seinen Ehrenplatz bekam, kommt man dem Buddhismus näher. Darüber hinaus gibt es noch rund ein Dutzend weiterer buddhistischer Tempel zwischen Alpen und Nordsee.

In Deutschland kann man im Winter auf der Zugspitze im Iglu übernachten und muss gar nicht nach Grönland. Auf Vulkanen geht’s in der Eifel zum Skifahren – mit Blick auf Kraterseen und 200 Vulkane mit Höhen bis zu 800 Metern. Was die Eifel für den Wintersportler mit Hang zur Exotik ist, stellt die Fränkische Schweiz für Freeclimber dar: Die Region ist eines der vielfältigsten und anspruchsvollsten Klettergebiete der Welt. Auch wenn sich Monument Valley, eine Ebene auf dem Colorado-Plateau im US-Bundesstaat Utah, vielleicht besser anhört, der erste 11er-Schwierigkeitsgrad beim Klettern überhaupt wurde im Frankenjura gestiegen.

Wem mehr zum Faulenzen zumute ist, der sucht Europas breitesten Sandstrand vergeblich an der Adria oder Costa de la Luz. Er liegt an der Nordsee: Der Kniepsand auf Amrum vertieft sich kilometerweit ins Land. Und wer einen Hauch Amazonas erleben möchte, fährt in den Spreewald, selbst wenn dort keine Alligatoren aus dem Wasser lugen oder Affen in den Bäumen herumturnen. Die Atmosphäre ist dennoch durchaus vergleichbar. Ganz ähnlich sehen die Lavendelfelder in der Pfalz und die in der Provence aus. Und in Bremerhavens Klimahaus kann man gleich eine ganze Weltreise durch alle Klimazonen dieser Welt machen.

Lange Wege spart man auch, wenn man nach Berlin fährt – statt etwa nach London oder New York. Denn „der Bär tanzt“ in Berlin, beziehungsweise 25 000 Künstler. Unter den 2300 Kultureinrichtungen der Hauptstadt sind 300 Galerien, fast 60 Theater, mehr als 170 Museen – und so viele Clubs, dass sie sich kaum zählen lassen.

Und warum soll man Washington D.C. besuchen, wenn die Fächerstadt Karlsruhe so nahe liegt? Die Anlage ist klar strukturiert: Wie Sonnenstrahlen verlaufen 32 Straßen und Wege vom Schloss aus in die Stadt. Gleichzeitig führt um das Schloss herum ein Zirkel, der in Teilen bis heute die Straße „Am Zirkel“ ist. Zusammen ergibt das einen absolutistischen Stadtgrundriss: In der Mitte steht das Herrscherschloss, von dem der Regent sein Land überblickt. Die Struktur ist einmalig in Europa. 1788 kam der spätere US-Präsident Thomas Jefferson nach Karlsruhe: Er entwarf nach diesem Vorbild die neue Hauptstadt Washington.

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Auch die berühmten Häuserblocks wurden nicht in den Vereinigten Staaten erfunden, sondern in Mannheim, der Quadratestadt Deutschlands. Ein russisches Dorf findet sich mit Alexandrowka in Potsdam und „Little Tokio“ ist ein Stadtviertel mitten in Düsseldorf. Der Münchner Königsplatz könnte mit Propyläen, Glyptothek und der Antikensammlung auch in Athen zu Hause sein. Baden-Baden macht mit seinem Casino und der nahe gelegenen Gemeinde Iffezheim, wo dreimal im Jahr Galopprennen stattfinden, auf hohem Niveau Monte Carlo und Ascot Konkurrenz. Gleiches gilt für die Steinerne Brücke in Regensburg im Vergleich zur Prager Karlsbrücke. Und Neuschwanstein ist schließlich sogar das Original und nicht, wie manche Amerikaner meinen, Cinderella’s Castle in Disney-World, Kalifornien. Sogar Pyramiden kann man in Deutschland entdecken: Die gibt es nicht nur in Ägypten und Mexiko, sondern auch im Branitzer Park von Cottbus, wo das Pyramidenmausoleum Fürst Pückler steht. Die Heimat kann wirklich ganz schön exotisch sein.

Von Jochen Müssig