Macheros, Mexiko: In der Sierra Nevada überwintern Millionen...

Kein Laub – Schmetterlinge! Zu Hunderten fliegen die Monarchfalter zwischen den Bäumen auf dem Cerro Pelón in der mexikanischen Sierra Nevada hindurch.Foto: Oliver Kauer-Berk  Foto: Oliver Kauer-Berk

Zweieinhalb Autostunden sind es nur bis zur Megametropole Mexiko-Stadt, aber in Macheros ist die Moderne noch nicht angekommen. Wifi gibt es nicht in dem Dörfchen im...

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. Zweieinhalb Autostunden sind es nur bis zur Megametropole Mexiko-Stadt, aber in Macheros ist die Moderne noch nicht angekommen. Wifi gibt es nicht in dem Dörfchen im äußersten Westen des Bundesstaats Mexicó, direkt an der Grenze zu Michoacan, und das Mobiltelefon signalisiert nur an wenigen Stellen Empfangsbereitschaft. Für Zivilisationsüberdrüssige mag das ein Anreiz sein, hierher zu kommen, doch Touristenscharen lassen sich so nicht anlocken. Selbst wenn Macheros einer außergewöhnlichen Naturattraktion zu Füßen liegt. Cerro Pelón heißt der nordöstlich gelegene Gipfel, auf dessen Tannen sich ab November Millionen von auffällig orange und schwarz gezeichneten Monarchfaltern zum Überwintern niederlassen. Sie haben eine bis zu 3 600 Kilometer lange Reise aus Kanada und den USA hinter sich und „sonnen“ sich in Mexiko zur Mittagszeit im Flug. Ein beeindruckendes Schauspiel auf knapp 3 000 Metern Höhe über dem Meeresspiegel. Jahr für Jahr kommen die „Mariposas“ an die gleichen Orte.

Auf dem Hochplateau der Sierra Nevada gibt es ganz in der Nähe noch weitere Monarchfalter-Reservate. Das bekannteste ist La Rosario. Dorthin kommen bis zu 8 000 Besucher am Tag, obwohl die Population am Cerro Pelón inzwischen größer sein soll. In Macheros sind keine Souvenirverkäufer oder Imbissstände anzutreffen, der beschwerliche Aufstieg verhindert den Andrang der Massen.

„Die Mexikaner wollen sich in ihrem Urlaub nicht anstrengen“, sagt Vicente Moreno. Meist Europäer und Nordamerikaner, oft weniger als zehn pro Tag, steigen den steilen Berg hinauf, berichtet er. Vicentes Bruder Joel betreibt zusammen mit seiner amerikanischen Lebensgefährtin Ellen das einzige Gästehaus in Macheros. Die ganze Familie ist beteiligt: Die Brüder Rogelio und Vicente führen mit Joel die Gäste zu den Schmetterlingen; einen anderen Grund für einen Abstecher nach Macheros gibt es nicht. Mutter Rosa und die eine oder andere der fünf Schwestern kümmern sich im Haus nebenan um die Mahlzeiten für die Gäste. Das elterliche Wohnzimmer ist das einzige „Restaurant“ im Ort. Im Gästehaus hält die Schwägerin die Zimmer in Ordnung, Ellen kümmert sich um Vermarktung und Besucher-Transfer.

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Der Familienbetrieb in Macheros (deutsch: „Ställe“) ist eine Erfolgsgeschichte. Eine andere legale Arbeit als die des Führers zu den Schmetterlingen oder des Pferdehalters gibt es in dem Dorf mit 300 Einwohnern und 100 Pferden kaum. Selbst in der nächstgrößeren Stadt Zitácuaro finde er keinen Job, berichtet Vicente, der Frau und zwei Kinder hat. Was machen andere, denen es wie ihm geht? Häufig flüchteten sie der Armut wegen in die USA, erzählt der Mittdreißiger. Auch Joel hat im Norden Geld verdient, um in Macheros sein Haus zu bauen und im November zurückzukehren und in der Schmetterlingssaison bis März Touristen auf den Cerro Pelón zu führen. Dabei lernte er Ellen kennen.

Inzwischen haben die beiden einen Anbau mit zwei weiteren Gästeräumen errichtet. Das Business floriert.„Unsere Chance hier sind die Touristen“, ist Joel Moreno überzeugt und hofft, mit seinem Familienbetrieb anderen ein Vorbild zu sein.

Gut zwei Stunden dauert die Tour auf den Gipfel, auf dem Rücken von Pferden, die an die Höhenluft gewöhnt sind. Es geht durch den Kiefern- und Eichenwald auf engen Pfaden über Geröll steil bergauf. Die Pferde schwitzen, uns tut in den Holzsätteln schnell der Hintern weh.

Die letzten 300 Meter zu den Tannen mit den Schmetterlingen gehen wir zu Fuß. Und da hängen sie zahllos an einer Handvoll Bäumen, in der Ruhe vereint wie große nasse Säcke. Bedrohlich senken sich die Äste unter der Last – wobei der einzelne Falter eigentlich nichts wiegt. Es sind zwölf Grad, der Himmel ist bedeckt – das falsche Wetter. Nur in der Sonne ist das beeindruckende Schauspiel des fliegenden Gewimmels zu bestaunen. Nach einer Stunde reißt die Wolkendecke auf und die Schmetterlinge erwachen zum Leben. Sie öffnen ihre Flügel, die Bäume färben sich orange, und wenig später ist die Luft voller Falter. Es rauscht um uns, über uns. Wir stehen inmitten von Abertausenden fliegender Falter, legen die Köpfe in den Nacken, träumen, haben Schmetterlinge im Bauch.

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Später sind die Speicherkarten der Kameras voll. Der Versand ausgewählter Motive an die Lieben zu Hause muss allerdings bis Mexiko-Stadt warten. Noch sind wir in Macheros.

Von Oliver Kauer-Berk