„Lombok heißt auf Indonesisch Chili“

Blick von Bukit Merese Hill auf den Tanjung-Aan-Strand. Foto: Maren Recken

Die indonesische Insel Lombok ist entspannter als ihr Nachbar Bali, denn der Tourismus hat bisher nicht überhandgenommen. Das soll sich in Zukunft ändern.

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. Die alte Frau hockt im Dämmerschein auf dem Boden in ihrer Hütte. Auf dem offenen Holzfeuer vor ihr köchelt eines dieser leckeren indonesischen Gerichte. Voller exotischer Gewürze, mit einer für europäische Gaumen oft ungewohnten Schärfe.

Blick von Bukit Merese Hill auf den Tanjung-Aan-Strand. Foto: Maren Recken
Der Tanjung-Aan-Strand mit feinem, weißen Sand. Foto: Maren Recken
In den traditionellen Dörfern spielt sich das Leben hauptsächlich auf dem Boden ab. Foto: Maren Recken
Stelzenhäuser mit Dächern aus getrocknetem Alang-Alang-Gras sind typisch für Lombok. Foto: Maren Recken
In Nipah, im Nordwesten Lomboks wurde ein Gesundheitszentrum durch das Erdbeben zerstört. Bis Anfang 2019 sollen die gesamten Aufbauarbeiten auf Lombok und den Gilis abgeschlossen sein. Foto: Maren Recken

„Lombok heißt auf Indonesisch Chili“, erfahren die Besucher von Fremdenführer Susetyo Juswantoro – er lässt sich der Einfachheit halber Jus nennen – während er sie durch eines der traditionellen Sasak Dörfer führt: Auf den Spuren der Sasak-Kultur. Auf der Suche nach den Besonderheiten Lomboks, jener knapp 5000 Quadratkilometer großen Nachbarinsel Balis. „Lombok ist wie Bali vor dem Sündenfall des Tourismus“, sagen die, die Lombok kennen und lieben.

„Man kann Bali auf Lombok finden, aber nicht Lombok auf Bali“, sagt Jus – und meint damit die noch heute auf Lombok sichtbaren Einflüsse balinesischer Kultur. Aus den Zeiten, als die Balinesen Lombok erobert und dort vier Fürstentümer gegründet hatten. Östlich der Inselhauptstadt Mataram kann der Anfang des 18. Jahrhunderts errichtete Sommerpalast – der Taman Narmada – der balinesischen Karangasem-Fürsten besichtigt werden. Die dazugehörigen, terrassenförmig angelegten Gärten sind heute beliebte Freizeitanlage für die örtliche Bevölkerung – inklusive Freibad. Dafür wurde eigens eines der zahlreichen Badebecken umgebaut. In denen mussten sich einst junge, einheimische Frauen nackt den balinesischen Herrschern präsentieren, wenn diese eine weitere Nebenfrau wählen wollten. „Die komplette Gartenanlage ist gestaltet wie das Massiv des Rinjani. Der zweithöchste Vulkan Indonesiens, der im Nordosten Lomboks liegt und regelmäßig spuckt“, erklärt. Der hinduistische Herrscher schaffte es aus Altersgründen irgendwann nicht mehr den rund 3700 Meter hohen Rinjani selbst zu besteigen, um dort seine Opfergaben niederzulegen. Also holte er sich den Vulkan als Nachbau kurzerhand in den Palastgarten und opferte fortan im ebenfalls dort erbauten Tempel.

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„Dem hinduistischen Einfluss Balis stehen die Sasak gegenüber“, so Jus. Die eingeborene Bevölkerung Lomboks. Sasaks gibt es auf Bali nicht. Auf Lombok machen sie die größte Bevölkerungsgruppe der Inselbewohner aus, den Hinduismus zur Minderheitenreligion und den Islam zur Glaubensrichtung für den Großteil der Bevölkerung. Muslime, die teilweise ihren ursprünglichen, animistischen Glauben an eine beseelte Natur und an die Wirkung von Tieropfern nie ganz aufgegeben haben.

Im Süden Lomboks sind noch einige ursprüngliche Sasak-Dörfer erhalten. Eine Mischung aus Völkerkundemuseum für Touristen und realer Lebenswelt der Sasak. Ein sich und seine Kultur den Touristen Präsentieren, das zu einer Win-win-Situation für beide Seiten wird. Die Touristen bekommen Völkerkundemuseum in real. Die Dorfbewohner finanzieren mit den Eintrittsgeldern zum Beispiel die Schulbildung ihrer Kinder.

„Die Lumbung sind ganz typisch für die Sasak-Kultur“, zeigt Jus auf die Reisspeicher im Dorf. Die Stelzen-Häuser auf Plattformen aus getrocknetem Kuhmist, wirken wie kopflastige Gebilde auf zu dünnen Beinen. Bedeckt von überdimensionierten Hauben aus getrocknetem Alang-Alang-Gras. Diese Dächer, die entfernt an die Reetdächer in Norddeutschland erinnern, sind typisch für die Sasak-Dörfer. Auch die Wohnhäuser werden damit gedeckt. Dass die Dächer weit nach unten gezogen sind und die Besucher sich beim Betreten der Einraumhäuser tief bücken müssen, ist ein geschickt erzwungenes Zeichen der Ehrerbietung dem Hausherrn gegenüber.

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Die Besichtigung eines Sasak-Dorfes ist wie ein Ausflug in eine andere Welt. Frauen, die in einfachste Webstühle förmlich eingebunden sind, weben mittels Bambusstäben komplizierte Muster in die traditionellen Stoffe. Andere säubern in einer überdachten, nach allen Seiten offenen Hütte Reis in großen, flachen Schalen. Die Menschen leben in Einraumhäusern mit Böden aus getrocknetem Kuhmist, der in regelmäßigen Abständen mit den Händen neu aufgestrichen wird. Eigener Strom im Haus – Fehlanzeige.

„Dafür sorgt die Regierung seit einiger Zeit für gemeinsames, sauberes Trinkwasser“, erklärt Jus mit Blick auf die junge Frau, die am Boden vor einem runden Betontank im Freien sitzt und akribisch ihr Geschirr spült. Überhaupt hat die Regierung – sprich der seit 2014 amtierende Präsident Joko Widodo – ambitionierte Pläne, was das Schwellenland Indonesien angeht. Insbesondere in Verbindung mit dem Tourismus und auch mit Lombok. Die Insel zählt zu den sogenannten „10 neuen Balis“. Es sind ausgewählte Destinationen, die Besuche internationaler Touristen im Land der 17 000 Inseln bis zum Ende der Amtszeit Widodos 2019 auf 20 Millionen jährlich verdoppeln sollen. „Dabei will man speziell auf Lombok aus den Fehlern lernen, die auf Bali, das vom internationalen Tourismus eigentlich überrollt wurde, gemacht wurden“, erklärt Jus und führt in den Süden der Insel, zum Mandalika Beach nach Kuta.

Die bunt gepflasterte Uferpromenade wirkt hier fast ein wenig verloren. Ebenso die Straßen und Kreisverkehre auf dem Weg dorthin, die noch im Nichts enden. „Eigentlich sollte hier schon seit Mitte der 90er-Jahre ein Resort mit Vier- und Fünf- Sterne-Hotel entstehen“, erzählt Jus und setzt nach: „Bisher hat sich nur ein Vier-Sterne-Hotel angesiedelt, aber nun soll das Projekt definitiv realisiert werden“. Verteilt auf ein Gebiet von rund 1000 Hektar in unmittelbarer Nähe zu Buchten wie aus dem Bilderbuch, mit weißem Sandstrand und türkisblauem Meer, soll in Sachen nachhaltiger Tourismus gebaut werden. Mit der richtigen Infrastruktur, rund 50 Prozent dauerhaft unbebaubarer Grünfläche, Solarenergie und Trinkwasseraufbereitung soll das gelingen. Man will ja wie gesagt aus den Fehlern Balis lernen.

Wer zum Sonnenuntergang auf den Bukit Merese Hill steigt und auf der einen Seite in eine Landschaft blickt, die im Anklang an Irland erinnern könnte und auf der anderen Seite auf den Tanjung Aan Strand mit seinem Südseeflair schaut, der wünscht sich vor allem eines: Dass Lombok sich, trotz ambitionierter Tourismuspläne, seinen ursprünglichen Charme erhält.

Von Maren Recken