Inselhopping mit dem Postboot: Auf Erkundungstour an Norwegens...

Auf Gåsvær trocknet noch der Stockfisch am Geländer. Und für die Postboot-Touristen backt Anne-Marie, die Schwester des Kapitäns, Pfannkuchen. Foto: Christiane Stein  Foto: Christiane Stein

Der Inhalt des Frachtraums der „Stjernsund“ könnte auch im eigenen Vorratsraum stehen: Ein Sack Blumenerde, drei Plastiktöpfe mit Geranien, eine Wäschespinne, zwei...

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. Der Inhalt des Frachtraums der „Stjernsund“ könnte auch im eigenen Vorratsraum stehen: Ein Sack Blumenerde, drei Plastiktöpfe mit Geranien, eine Wäschespinne, zwei Klappstühle und eine verpackte Neonröhre. Obendrauf liegen ein paar Zeitungen. Kein Altpapier, sondern druckfrische Exemplare, die auf baldige Zustellung warten. Die „Stjernsund“ ist nicht nur Ausflugsschiff, sondern vor allem Postboot, und Kapitän Hans Gåsvær somit auch Briefträger und Paketbote. So mancher Festland-Kollege dürfte ihn um seine tägliche Route beneiden: die Inselwelt der Kommunen Solund und Askvoll in Norwegen. Ein Paradies am westlichen Rand des Landes, in dem der Seeweg von einem Briefkasten zum nächsten durchaus eine halbe Stunde dauern kann. Natur pur. Seevögel in Massen. Menschen? Eher rar. Und Touristen? Sehr willkommen.

Auf Gåsvær trocknet noch der Stockfisch am Geländer. Und für die Postboot-Touristen backt Anne-Marie, die Schwester des Kapitäns, Pfannkuchen. Foto: Christiane Stein  Foto: Christiane Stein
Bilderbuch-Aussicht vom Havhotel in Værlandet: In den Sommermonaten gibt es hier häufig auch nachts ein himmlisches Schauspiel. Foto: Christiane Stein  Foto: Christiane Stein

Maximal 28 Passagiere dürfen Hans und seinen Matrosen Steinar in den Sommermonaten (Mitte Juni bis Mitte August) montags bis freitags beim Inselhüpfen begleiten. Die Route wurde so konzipiert, dass man morgens um 8 Uhr in Bergen starten kann und dort abends gegen 21 Uhr wieder anlegt. Die Rundtour ist auf die Fahrpläne der Schnellfähren abgestimmt. Doch diese Eile muss nicht sein. Wer tief eintauchen möchte in die Bilderbuchwelt aus mehreren tausend Inseln, Holmen und Schären mit glattgehobelten Felsen, sollte besser mindestens einmal übernachten. Zum Beispiel im neuen Havhotel in Værlandet, das genau wie das Postschiff nur für maximal 28 Gäste Platz bietet. Wo die Terrasse vor dem kleinen Appartement endet, beginnt das Wasser. Grund genug, auch nachts die Vorhänge nicht vor die großen Glasfronten zu ziehen und – insbesondere in den Tagen nah der Sonnwende – das himmlische Schauspiel zwischen Wolken und Licht zu genießen. „Manche Nächte sind zu schön zum Schlafen“, sagt Reiseführerin Marita Solheim von Visit Fjordkysten AS. Wie wahr.

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Værlandet ist eine der größeren Inseln der westlichsten Fjordküste Norwegens, rund 200 Menschen leben hier. Außer Natur gibt es auch Kultur – zum Beispiel mehrere Museen. Die interaktive Ausstellung im Norsk Sjofuglsenter erzählt viel über den dramatischen Rückgang der Bestände vieler Seevogelarten. „Vögel sind ein guter Indikator für den Zustand des Meeres“, sagt Ausstellungsführerin Linda Landoy und weist auf die Probleme durch Überfischung und hohe Beifänge von Seevögeln in Fanggeräten hin. Auch die Verschmutzung der Meere insgesamt bereite Sorgen. Nur ein paar hundert Meter vom Seevögelzentrum entfernt macht das kleine Fischereimuseum deutlich, wie beschwerlich und gefährlich das Leben und die Arbeit der Fischer in früheren Zeiten war.

Wer von Insel zu Insel kommen möchte, ist heutzutage nicht immer auf das Boot angewiesen. Von Værlandet nach Bulandet mit rund 240 Einwohnern sind es gut fünf Kilometer, die sich zu Fuß, aber noch besser mit dem Fahrrad zurücklegen lassen. Die Strecke führt über die Nordsjøporten – das Portal zur Nordsee, einer Straße mit sechs beeindruckenden Brücken. Auch in Bulandet gibt es ein kleines Heimatmuseum, das vom täglichen Leben auf den Inseln und in der Fischereigemeinde erzählt.

Lebendig wird die Geschichte aber am besten im Gespräch mit den Inselbewohnern selbst. Auf Gåsvær lebt Anne-Marie, die Schwester von Postschiff-Kapitän Hans. Und hier macht das Postboot auch jeden Tag eine halbe Stunde Zwischenstopp. Zeit genug, um einen Kaffee zu trinken, einen Pfannkuchen zu essen und ein wenig zu plaudern – über die Schafzucht oder den Stockfisch, der am Geländer zum Trocknen hängt. Oder über das besonders grüne Gras: „Daran haben die Seevögel mit ihren Hinterlassenschaften großen Anteil“, sagt Anne-Marie lachend. Fünfzehn Bewohner sind heute mit Sommerwohnsitz auf Gåsvær gemeldet, Schafe gibt es deutlich mehr. Noch heute werden von der Insel aus zwei kleinere Fischkutter betrieben, die Lengfisch, Seeteufel, Hering und Dorsch fangen. Auch Postschiff-Kapitän Hans war früher Fischer, um Post und Touristen-Transport kümmert er sich erst seit ein paar Jahren. Seine Gesundheit machte den harten Job nicht mehr mit. Auf Gåsvær gibt es ebenfalls Übernachtungsmöglichkeiten.

Die Fjordküste oberhalb von Bergen lädt dazu ein, die Reiseroute immer mal wieder zu unterbrechen und erst ein paar Fähren später weiter zu reisen. Dabei ist es nicht immer die Natur, die zum Genießen verführt. In Florø, der westlichsten Stadt Norwegens, kann für Bierliebhaber zum Beispiel die Kinn Bryggeri einen Abstecher wert sein. Eigentümer und Braumeister Espen Lothe erklärt gerne, warum sein „Pilegrim“ anders schmeckt als das „Slåtteøl“. Und die ungewöhnlichen Etiketten, gestaltet von der Künstlerin Oda Valle, erzählen auch Geschichte: In den unterschiedlichsten Verkleidungen ist der Sprachforscher Ivar Aasen zu sehen, der im 19. Jahrhundert lebte und die Grundlagen für die norwegische Schriftsprache Nynorsk schuf. Beim Weihnachtsbier trägt Aasen eine rote Mütze, beim Sommerbier einen Blumenkranz und auf dem „Pilegrim“ hat er einen Hirtenstab.

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Ihren Namen hat die Brauerei im Übrigen von der sagenumwobenen Insel Kinn – gesprochen „Tchinn“, die weit draußen im Meer liegt und heute bei einem gemütlichen Tagesausflug erwandert werden kann. Ihr Erkennungszeichen ist der gespaltene Felsen; dank „Kinnaklova“ wussten Seeleute seit jeher, wo sie sich befanden. Eine zentrale Rolle spielte die Region zur großen Heringszeit im 19. Jahrhundert, als auf Florø und den Nachbarinseln bis zu 15 000 Menschen lebten, um die wandernden Schwärme mit Millionen Fischen abzufangen. Heute hat Kinn gerade mal noch neun Einwohner und die Heringsschwärme vor den Küsten werden längst mit moderner Technik geortet. Ein wichtiger Wirtschaftsfaktor sind sie für das Land aber immer noch – 2015 wurde allein Hering für 2,4 Milliarden norwegische Kronen (rund 256 Millionen Euro) exportiert.