Individualurlaub im Hinterland der Costa Blanca

Noch heute kein seltener Anblick: ein Schäfer mit seiner Herde im Hinterland der Costa Blanca. Foto: Helge Sobik  Foto: Helge Sobik

Die Vögel hocken in den Zweigen der alten Olivenbäume und singen. Bis weit nach dem Frühstück halten sie durch. Nachmittags werden sie wieder auf dem Zaun am Pool hinter der...

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. Die Vögel hocken in den Zweigen der alten Olivenbäume und singen. Bis weit nach dem Frühstück halten sie durch. Nachmittags werden sie wieder auf dem Zaun am Pool hinter der Finca sitzen und zwitschern, während die Menschen erst baden und dann das Barbecue auf der Terrasse vorbereiten. Tagsüber sind nur die Insekten zu hören, die in die Kelche der Macchia-Gewächse der Umgebung eintauchen. Der milde Levante-Wind weht durch die Kulisse.

Noch heute kein seltener Anblick: ein Schäfer mit seiner Herde im Hinterland der Costa Blanca. Foto: Helge Sobik  Foto: Helge Sobik
Noch heute kein seltener Anblick: ein Schäfer mit seiner Herde im Hinterland der Costa Blanca.Fotos: Helge Sobik  Foto:
Wo Mittelmeer und Gebirge zusammentreffen: weiter Blick aus fast 1000 Metern Höhe Richtung Küste. Foto: Helge Sobik  Foto: Helge Sobik

Es ist ungeahnt still in den Bergen im unmittelbaren Hinterland der Costa Blanca – und genau diese Ruhe suchen die Menschen, die hier ihre Ferien in Fincas an Feldwegen, in Villen mit Pools oder in kleinen Herbergen in urigen Dörfern verbringen. Wildblumen blühen am Wegrand und es duftet nach frischem Rosmarin und Kräutern.

Der anhaltende Spanien-Boom beschert auch der Costa Blanca nördlich und südlich von Alicante vermehrt Besucher. Urlauber haben die Region wiederentdeckt – allerdings mehr als Ferienhaus- denn als Hotelziel. Die Kombination „unten“ baden und einkaufen, „oben“ abseits des Trubels wohnen ist attraktiv.

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Kaum mehr als drei, vier Kilometer breit ist der Küstenstreifen, der im Fremdenverkehr bisher eine Rolle gespielt hat. Die Küstenberge waren selten auf dem Radar der Urlauber. Dabei bieten sie eine grandiose Aussicht auf das breite Band in Dunkelblau, auf Pinienwälder und duftende Orangenplantagen, Mandelbäumchen und winzige Dörfer.

Aus Deutschland kommen vor allem Individualurlauber, die ohne Katalog und Reiseleiter unterwegs sind; viele buchen sich nicht mehr im Hotel ein. Sie haben die Wiederentdeckung der Costa Blanca eingeleitet, jenes gut 180 Kilometer langen Küstenstreifens, der knapp südlich der Großstadt Valencia beginnt und gut 100 Kilometer südlich von Alicante endet. Für sie stehen nicht mehr allein die hellen Strände und das Meer im Mittelpunkt. Das Interesse hat sich gewandelt. Mehr als zuvor geht es darum, die gesamte Region zu entdecken.

Auf dem eigenen Ferienhaus-Grill brutzeln sie frische Doraden und knallrote Gambas de Dénia – Ausbeute einer vormittäglichen Einkaufsfahrt zur Markthalle in der Küstenstadt Dénia. Als Vorspeise gibt es gebratene Pimentos del Padron – kleine grüne Paprikaschoten, die mit grobkörnigem Meersalz bestreut werden und von denen etwa jede zwanzigste höllenscharf ist, ohne dass es ihr von außen anzusehen wäre. Dazu gibt es Wein aus der Bodega Mendoza in Alfaz del Pi – 30 Autominuten entfernt.

„Jede einzelne Traube, die wir verarbeiten, ist auf eigenem Grund hier im Hinterland der Costa Blanca angebaut. Nur so hast du Einfluss auf das Ergebnis“, erzählt Winzer Pepe Mendoza. „Das Geheimnis sind Pflanzen, Berge, Böden – nicht Fässer, Etikettiermaschinen und Keller. Deine Böden musst du genau auswählen. Damit beginnt die Kunst des Weinbaus.“ Pepe ist es, der gemeinsam mit seinem Vater Enrique die einst als Anbaugebiet belachte Region zu Auszeichnungen geführt hat.

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Überhaupt etabliert sich die Gegend als Reiseziel für Feinschmecker – auch weil die Spitzenköche Quique Dacosta und Alberto Ferruz ihre Restaurants in Dénia beziehungsweise Javea führen und es zusammen auf fünf Michelin-Sterne bringen.

Ferienhausmieter gehen gerne schick essen – aber mehr noch gehen sie mit Freude auf Entdeckungsreise über die Märkte und die kleinen Geschäfte der Region und kaufen frische Zutaten ein, wenn sie abends in ihren Häusern selber kochen. Auch kulinarisch gibt es viel zu entdecken: den besten Jamon Ibericó zur Melone, Käse aus dem nächsten Dorf, Miel del Azahar – Orangenblütenhonig – von der Imker-Familie Noguera in Llosa de Xamacho, Mandeln beim Bauern nebenan. Wer will, kann im Vorbeigehen noch vier Kilo pflückfrische Mandarinen für drei Euro mitnehmen – oder die Marmeladen-Kreationen von Jordi Aracil an der Landstraße bei Confrides ausprobieren.

Der ehemalige Restaurantbesitzer hatte keine Lust mehr auf die vielen Abende am Herd, machte sein Lokal kurzerhand dicht, und kreiert dort nun eigene Marmeladen, wann immer es zeitlich gerade gut passt. „Jetzt“, sagt er, „kann ich mich nach meiner Familie richten. Ich kann arbeiten, ohne das Aufwachsen meiner Kinder zu verpassen, und muss nicht mehr Nacht für Nacht in der Küche stehen.“

Seine selbst gemachte Tomaten-Marmelade streicht man nicht aufs Brot, sondern hauchdünn auf Käse. Seine Zwiebel-Konfitüre ist in Wahrheit eine Steak-Beilage, die so eingesetzt wird wie Kräuterbutter. Erst Kombis wie Zitrone-Zuckerrohr oder Ananas-Kräuterlikör gehören tatsächlich aufs Brot. „Diese Geschmäcker steigern sich gegenseitig“, schwärmt Jordi – und nascht mal schnell selbst davon.

Das alles zu entdecken und zu schmecken, hat nichts mehr mit dem Massentourismus vergangener Tage zu tun. Auch, weil man sich beim Kochen so fühlt, als gehörte man schon immer hierher, als gehörte man dazu.

Von Helge Sobik