Indien polarisiert

Das Jaigarh Fort in Jaipur ist eine der wichtigen Sehenswürdigkeiten bei einer Reise nach Nordindien. Foto: Meike Mittmeyer-Riehl

Prächtige Tempel hier, bergeweise Müll dort. Die Gegensätze zwischen arm und reich werden wohl nirgendwo so deutlich. Manch einen verzaubert das Land, manchen schreckt es ab.

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. Jeder, der schon immer von einem ganz besonderen Ort geträumt hat und irgendwann leibhaftig dort ist, kennt dieses Gefühl der Enttäuschung: Der Traumstrand ist viel voller und schmutziger, als man es sich ausgemalt hatte, das berühmte Schloss wirkt komischerweise so viel kleiner als auf den Bildern in den Hochglanzmagazinen.

Das Jaigarh Fort in Jaipur ist eine der wichtigen Sehenswürdigkeiten bei einer Reise nach Nordindien.
Süßigkeitenstand auf einem Markt.
Ein Straßenmusiker in Jaipur.
Bei einer Jeep-Tour im Sariska-Nationalpark kann man wilde Tiere sehen – mit etwas Glück sogar Tiger.
Affen sind in Indien allgegenwärtig.
Wer das Taj Mahal besichtigt, sollte früh aufstehen. Bei Sonnenaufgang halten sich die Menschenmassen auf dem Gelände noch in Grenzen und man hat Chancen auf einen freien Blick für ein Foto.

Am Taj Mahal ergeht es uns genau umgekehrt. Es ist in Wirklichkeit noch viel beeindruckender als gedacht. Kaum sind wir durch das imposante Haupttor getreten, liegt Indiens Wahrzeichen im lilafarbenen Dunst der Morgendämmerung wie ein Gemälde vor uns. Die Hektik des Einlasses inklusive strenger Sicherheitskontrollen ist schnell vergessen, jetzt herrscht eine andächtige Stille. Früh am Morgen halten sich die Menschenmassen hier noch in Grenzen und die Chance auf Fotos an den besten Spots – zum Beispiel auf der berühmten Marmorbank, auf der schon sämtliche Königspaare und Staatsoberhäupter Platz genommen haben – ist deutlich höher als am Vormittag, wenn die Touristengruppen nach dem Frühstück in Scharen hereindrängen. Nur die Frühaufsteher werden mit einem Bilderbuch-Sonnenaufgang belohnt – ein wenig Wetterglück vorausgesetzt, denn häufig bleibt der Himmel über Agra dunstig-trüb. Eingerahmt von den imposanten Torbögen der benachbarten Moschee und den vier Minaretten des Hauptgebäudes steigt der rote Feuerball langsam empor und erzeugt ein dramatisches Farbenspiel, das der tragischen Liebesgeschichte Rechnung trägt, ohne die es Taj Mahal gar nicht gegeben hätte. 1631 ließ der muslimische Großmogul Shah Jahan den Prachtbau aus Marmor zum Gedenken an seine verstorbene große Liebe Mumtaz Mahal errichten. Bis zur Fertigstellung würden 18 Jahre vergehen, mehr als 20 000 Arbeiter wirkten daran mit. Die unzähligen detailreichen Blumenreliefs sind nicht etwa aufgemalt, sondern bestehen aus winzigen Edelstein-Stücken aus aller Welt und glitzern bei Lichteinfall in tausenden Farben.

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Viel zu bunt, viel zu laut, viel zu voll

Wer im kulturellen Dreieck Nordindiens zwischen Delhi, Agra und Jaipur unterwegs ist, wird magische Momente wie diesen am laufenden Band erleben. Und zugleich wird er an diesem Land und seinen Widersprüchen immer wieder verzweifeln. Während man auf dem Taj-Mahal-Gelände oder in Delhis schickem Diplomatenviertel vom Boden essen könnte, stapeln sich auf den meisten anderen Wegen Exkremente und Müll. Während es von prächtigen, gepflegten Palästen nur so wimmelt, lebt ein Großteil der Bevölkerung unter unmenschlichen Bedingungen in riesigen Slums. Ochsenkarren, Tuk-Tuks, Mopeds und Lkw quetschen sich durch die engsten Gässchen, dazwischen wühlen Schweine und Kühe im Unrat. Das Überqueren einer Straße wird schnell lebensgefährlich, nicht nur wegen des wilden Verkehrs, sondern auch aufgrund der vielen tiefen Schlaglöcher. „In Indien musst du deine Augen und Ohren immer überall gleichzeitig haben, oben, unten, vorne, hinten, links, rechts“ – diesen Tipp bekommen wir von Einheimischen immer wieder zu hören. Indien ist eine pausenlose Herausforderung, wenn nicht gar Überforderung aller Sinne. Die Gerüche von Räucherstäbchen, Abgasen, Kuhdung und Kardamom verschmelzen zu einem Duftcocktail, der gleichermaßen anekelt wie berauscht. Es ist viel zu bunt, viel zu laut, viel zu voll, von allem zu viel. Paradoxerweise liegt aber genau in diesem „zu viel“ auch eine unerklärliche Ruhe, eine Art Entschleunigung im Chaos. Das liegt im Wesentlichen an der Ausstrahlung der Menschen mit ihrer freundlich zurückhaltenden, beinahe schon beschämend zuvorkommenden Art. Einladungen zu einer Tasse Masala-Gewürztee bekommt man an fast jeder Straßenecke, Orte zum Innehalten gibt es durch die unzähligen hinduistischen Tempel zuhauf, und hinter den schäbigsten Fassaden verbergen sich oft kulinarische Oasen.

Überhaupt, das Essen! Erst in Indien wird einem bewusst, dass es nicht einfach nur „Schärfe“ gibt, sondern unzählige Schattierungen davon: Eine Schärfe, die auf der Zunge brennt, eine, die erst im Hals aufflammt oder ihre Wirkung sogar erst als wohlige Wärme im Bauch entfaltet.

Wer von der Besichtigung kultureller und architektonischer Highlights wie Jaigarh Fort und Wassertempel in Jaipur oder Lotustempel und Rotem Fort in Delhi so langsam genug hat und sich nach Natur sehnt, kommt auch nicht zu kurz. Wenige Autostunden von den Millionenstädten entfernt liegt der Sariska-Nationalpark, ein gewaltiges Naturschutzgebiet von fast 900 Quadratkilometern Größe, in dem sich neben Affen, Pfauen und Hirschen auch Leoparden und Tiger tummeln. Bei einer halbtägigen Jeep-Safari fühlt man sich umgeben von sattem Grün, Schlingpflanzen, Tümpeln, Sümpfen und Affengebrüll ins Dschungelbuch hinein katapultiert – auch wenn sich die Großkatzen nur sehr selten blicken lassen.

Indien polarisiert: Manch einen verzaubert es, manch einen schreckt es ab. „Ihr werdet es entweder lieben oder hassen“, mahnte uns ein Bekannter vor unserer Abreise und ich bezweifelte, dass es so kompromisslos einfach sein könnte, denn meist erlebt man beim Reisen doch auch immer alle Grautöne dazwischen. Doch der Bekannte hatte recht. Es gibt nur entweder oder. Indien besucht man nicht einfach nur – man spürt es. Mit allen Sinnen. Wir jedenfalls lieben es. Auch wenn sich mit rationalen Argumenten manchmal gar nicht so leicht erklären lässt, warum.

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Von Meike Mittmeyer-Riehl