In der Wüste Israels zu Hause

Die steinige Negev-Wüste im Herzen Israels. Foto: Liudmila Kilian

Karg und unfruchtbar erscheint das Land im Negev-Gebiet auf den ersten Blick. Doch viele Menschen entscheiden sich bewusst für ein Leben in der Wüste, denn sie haben eine Vision.

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. Kühl sind die frühen Morgenstunden, wenn die ersten Sonnenstrahlen die Schluchten der Negev-Wüste erreichen. Die felsige Landschaft strahlt noch die Kälte der Nacht ab, die während der Dunkelheit tief in die Steine eingedrungen ist. Und trotzdem ist die Luft an diesem jungen Tag schon staubtrocken. Alles ist still und friedlich hier, im Zentrum Israels. Fast so still, dass man seinen eigenen Herzschlag hören kann.

Die steinige Negev-Wüste im Herzen Israels. Foto: Liudmila Kilian
Steinböcke sind in der Negev-Wüste zu Hause. Häufig sieht man die Tiere auch in der Nähe von Siedlungen, wo sie nach Futter suchen. Foto: Liudmila Kilian
Wüstenguide Eitan Zohar zeigt Besuchern das Kupfererz im Timna Nationalpark. Foto: Liudmila Kilian

Die scheinbar lebensfeindliche Umgebung wirkt wie ausgestorben. Und plötzlich kullern ein paar Steine die Klippe hinunter. Der Blick folgt dem Geräusch und ganz unerwartet entdeckt der Eindringling Augen im Berg. Ein Steinbock schaut verwirrt den ebenfalls überraschten Wüstenbesucher an. Die Tiere herrschen über die Berge, hüpfen mit einer bewundernswerten Leichtigkeit über die Kalksteinfelsen und schauen auch mal in den Wüstenstädten vorbei.

Dort leben Menschen, die sich, den Steinböcken gleich, an die dürre Umgebung angepasst haben. Sie kamen auf der Suche nach einer Heimat, weil sie an die Wüste glaubten. Allen voran der erste Ministerpräsident Israels, David Ben-Gurion. „Er hatte den Traum, die Wüste zum Blühen zu bringen. Mit dieser Vision hat er selbst 20 Jahre in der Negev-Wüste gelebt“, sagt Fremdenführerin Meira Niv. Heute liegt er dort begraben. Für die Israelis bleibt er ein Nationalheld und sein Traum, das unfruchtbare Land zu besiedeln, lebt weiter.

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Von dieser Vision getragen, verlassen manche Israelis Millionenstädte wie Tel Aviv und fangen in Kibbuzen, den künstlich erschaffenen Oasen in der Wüste, ein neues Leben an. Dort leben sie als Gemeinschaft, pflanzen Obstbäume, bauen Gemüse an und halten Nutztiere.

Große Flächen des kargen Landes werden für den Anbau von Dattelpalmen verwendet. Wie aus einem Guss sehen die Bäume aus, die zu Tausenden aneinander gereiht sind. „Die israelischen Datteln machen etwa 75 Prozent des Weltmarktes aus“, berichtet Meira Niv stolz, dabei ist Israel mit 20 770 Quadratkilometern Fläche etwa gerade einmal so groß wie Hessen.

Alles dreht sich hier um das kostbarste Gut – Wasser. Jeder grüne Fleck ist auf der Erde mit dünnen Kunststoffschläuchen durchzogen. Tropfenbewässerung heißt die Magie, die das steinige Land zum Erblühen bringt – eine israelische Erfindung übrigens. Und die macht in dem dürren Land sogar Weinbau möglich. Auf der Farm Carmey Avdat in der Nähe des Sede Boker Kibbuz im zentralen Negev werden jährlich 6000 Flaschen Wein erzeugt. „Alles geschieht in Handarbeit und die Wüstensonne verleiht den Trauben, egal ob rot oder weiß, einen einzigartigen Geschmack“, sagt Raz Arbel, der die Farm bewirtschaftet. Für den Export sei die Menge zu klein, deshalb wird der Wein nur vor Ort angeboten. Dabei haben die Betreiber den Weinbau in der Wüste nicht neu erfunden, denn Carmey Avdat ist auf den Umrissen einer antiken Farm entstanden, wo vor rund 1500 Jahren bereits Trauben angebaut wurden.

Es sind aber nicht nur die Oasen, die Menschen in das Negev Gebiet locken. Denn auch die raue Seite des Landes übt eine Faszination auf die Besucher aus. Zu den Füßen der Stadt Mitzpe Ramon reißt sich buchstäblich die Erde auf. Über 40 Kilometer erstreckt sich ein mächtiger Erosionskrater – der Machtesch Ramon. Mit etwas Glück findet der Wanderer auf seiner Tour Fossilien im rötlich leuchtenden eisenhaltigen Gestein. Oder man setzt auf Action und erkundet das Naturphänomen abseits der befestigten Straßen mit Allradanrieb bei einer Jeep-Tour, für die ein unempfindlicher Magen von Vorteil ist.

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Gediegener geht es in den Nationalparks En Avdat und Timna zu. Dort sind zahlreiche Routen ausgezeichnet, wo Wanderer auch ohne Guide losziehen können. „Das Wichtigste, woran man auf Wüstenwanderungen immer denken muss, ist ausreichend zu trinken, auch wenn man nicht durstig ist“, empfiehlt Meira Niv, denn die trockene Luft entziehe dem Körper extrem viel Flüssigkeit.

Nur selten verwandeln sich die steinigen Weiten in flussdurchzogene Landschaften, wenn das Regenwasser in den sonst ausgetrockneten Adern der Wüste, den Wadis, zu reißenden Strömen zusammenfließt. „Wir warnen die Wanderer, bei den seltenen Wolkenbrüchen die Nationalparks umgehend zu verlassen und sich in Sicherheit zu bringen“, sagt Eitan Zohar, Guide im Timna Nationalpark, „das Wasser steigt rasant an, dann ist es lebensgefährlich, sich draußen aufzuhalten.“ Doch genau dann ist die Wüste am schönsten, ergänzt Zohar etwas wehmütig. Dann wird die karge Landschaft grün. Weil die durstigen, rar gesäten Pflanzen Wasser bekommen. Und weil die Schönheit des eingestaubten Gesteins vom Regen freigespült wird. Was das bewirkt, demonstriert der Guide, indem er etwas Wasser aus seiner Flasche über die Felsbrocken schüttet, die sogleich in einem satten Grünton erstrahlen. „Eigentlich ist hier alles grün! Es ist Kupfererz, schon die alten Ägypter haben hier in Timna Kupfer abgebaut, um daraus Schmuckstücke und andere Gegenstände des täglichen Lebens herzustellen.“

Wie ein Trichter verläuft die Negev in Richtung Süden, wo, am engsten Punkt des Landes zwei Welten aufeinandertreffen. Im Badeort Eilat trifft das trockene Land auf das Rote Meer, wo es zum bunten Leben erwacht. Leuchtende Korallenriffe erstrecken sich mit einer reichen Artenvielfalt an Wasserlebewesen über die Küste. Wie eine Entschädigung für die steinige und staubige Landschaft wirken diese üppige Unterwasserwelt und das angenehm warme Klima an der Küste. Doch die Israelis brauchen keine Entschädigung. Sie lieben ihre Heimat, ganz egal wie schwer sie ihnen das Leben macht. Den Glauben an ihre Wüste haben sie bis heute nicht verloren.

Von Liudmila Kilian