Historische Spuren: In Stade wird das Mittelalter lebendig

Fachwerkhäuser zieren den alten Hansehafen von Stade.Foto: Martin Elsen, Tourismusverband Stade  Foto: Martin Elsen, Tourismusverband Stade

Die Zeit, als der Inhalt der Nachttöpfe morgens mit Schwung in die Schwinge gekippt wurde, ist lange vorbei. Heute blitzt Stade mit Puppenstuben-Häusern, und die Schwinge, ein...

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. Die Zeit, als der Inhalt der Nachttöpfe morgens mit Schwung in die Schwinge gekippt wurde, ist lange vorbei. Heute blitzt Stade mit Puppenstuben-Häusern, und die Schwinge, ein Nebenfluss der Elbe, schlängelt sich sauber und malerisch durch die Altstadt. Wer jedoch wissen will, wie das Stadtleben im Mittelalter war, der sollte sich Rolf Bruns und seinen wackeren Mitspielern bei einer inszenierten Stadtführung anvertrauen.

Fachwerkhäuser zieren den alten Hansehafen von Stade.Foto: Martin Elsen, Tourismusverband Stade  Foto: Martin Elsen, Tourismusverband Stade

35 Jahre lang war er in Polizeiuniform auf Stades Straßen unterwegs. „Doch seit ich im Ruhestand bin, trage ich die mittelalterlichen Gewänder eines Lateiners oder schlüpfe in die Rolle des Stadtschreibers“, sagt Bruns. Seit die Stadt 2009 wieder den Titel Hansestadt verliehen bekam, zeigt der 70-Jährige zusammen mit anderen Stader Bürgern als Gästeführer in historischen Kostümen Besuchern die Stadt. Stolz berichtet die unternehmungslustige Truppe, dass sie alle Gewänder nach alten Vorlagen selber schneidert und sich selber schminkt und ausstaffiert.

Authentisch verkleidet nehmen die Gästeführer als Botschafter ihrer Stadtgeschichte die Besucher mit auf eine Reise durch vergangene Zeiten. Dabei schildert eine Bürgersfrau, wann die besagten Nachttöpfe entleert werden durften und wie Gauner und Halunken in Körben in der Schwinge ausgesetzt wurden. Eine Schiffersfrau erzählt, wie bedeutend einst der Hansehafen für den Handel mit Lüneburger Salz, Getreide, Bier und Holz war. In der ausgehenden Hansezeit kamen englische Tuche hinzu. Die bescherten Stade ihren Reichtum, doch ein Brand im Jahr 1659 zerstörte zwei Drittel der Stadt und brachte große Not.

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Wendig und unerschrocken sollte sein, wer Stade aus luftiger Höhe bewundern möchte. 187 steile Treppen führen bis in die Turmlaterne der St. Cosmae-Nicolai-Kirche. Von dort reicht der Blick weit übers Land bis zur Elbe und hinunter in das Gassenlabyrinth der Altstadt.

Ein Bummel durch die alte Hansestadt gleicht einem Spaziergang durch ein mittelalterliches Freilichtmuseum. Die geschweiften Giebel schmückt üppiges Schnitzwerk, bunte Füllhölzer zieren die Fachwerkfassaden, rote Klinkersteine wurden zu verspielten Mustern verbaut. Herz und Prunkstück der Stadt ist die Hafenanlage aus dem 13. Jahrhundert, eine der ältesten in Europa. Es heißt, sie sei „die schönste, geschlossen erhaltene mittelalterliche Hafenanlage zwischen Brügge und Nowgorod“.

Wer direkt am Wasser in einem der hübschen Cafés und Restaurants Platz nimmt, der meint fast zu hören, wie Kaufleute mit Händlern dort einst um Taler feilschten. Die Hafeneinfahrt bewacht wie eine Trutzburg der Schwedenspeicher. Der einstige Getreidespeicher der schwedischen Garnison ist heute ein mehrfach preisgekröntes Museum. Im März wurde es für die neue Dauerausstellung zur Archäologie im Elbe-Weser-Dreieck mit einem weiteren Preis ausgezeichnet, dem Designpreis des IF Awards in der Kategorie Innenarchitektur. Neben dem Bereich Archäologie präsentiert das Haus die 1000-jährige Stadtgeschichte und die der Hanse – vor allem Kinder lieben die spannenden, interaktiven Stationen.

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Kinder und Jugendliche begeistert aber nicht nur das mittelalterliche Städtchen, sie zieht es unweigerlich zum Burggraben. Dort wurde mitten in der Stadt am „Stade Beach“ der Burggraben zu einer idyllischen Wasserlandschaft umgebaut. Kanus, Kajaks und Stand-up-Paddleboards garantieren einen fröhlichen Wasserspaß. Schnell lernen Kinder, auf den Brettern zu balancieren, und staken bald unternehmungslustig über den ruhig fließenden Graben. Nicht nur Anfänger, sondern auch ambitionierte Stand-Up-Paddler paddeln windgeschützt entlang der Wallanlagen bis zur alten Schleuse im Holzhafen und weiter über die Schwinge. Unterwegs laden gemütliche Gasthäuser mit Gartenterrassen zu einer Rast ein.

Weniger Sportliche starten mit „Aurora“ oder „August“ zu einer Fleetkahn-Tour. Kapitän Rolf Bruns, der „alte Lateiner“, schippert seine Gäste unter den Altländer Holzbrücken hindurch und folgt dem mäandernden Lauf der Schwinge. Moorwiesen und kleine Laubwälder säumen das Ufer, Weiden ragen weit in den Flusslauf. Nach jeder Biegung eröffnen sich neue Blickwinkel auf die schöne alte Stadt und ihre Umgebung. Auch auf dem Kahn versorgt Bruns seine Gäste mit historischen und aktuellen Geschichten.

Noch romantischer allerdings ist eine Fahrt auf dem Burggraben in einer original venezianischen Gondel. Der Bauingenieur und Physiker Uwe Kunze, den jeder Gondoliere Carlo nennt, verwandelt mit seiner schwarz glänzenden Gondel den Burggraben in Stades Canal Grande. Lautlos gleitet er über das ruhig fließende Gewässer und lässt seine Fahrgäste an seinem exotischen Hobby teilnehmen. Vor allem Heiratswilligen empfiehlt Carlo seine Gondelfahrten. Er weiß: „Ein Heiratsantrag während einer Gondelfahrt wurde noch nie abgelehnt.“

Von Sybille Boolakee