Ein Boot, zwei Mann, drei Tage: ein Paddelabenteuer auf der Lahn

Unser Autor und sein Neffe legten mit dem Kanadier etwas mehr als 50 Kilometer auf der Lahn zurück. Foto: Clemens Dörrenberg

Zwischen Wetzlar und Limburg eignet sich die Lahn bestens für mehrtägige Touren mit dem Kanu – Erfrischung im Fluss inklusive.

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. Die ersten Paddelschläge des Tages sind die schönsten. Bewusst tauchen wir am Morgen des zweiten Tages unserer knapp dreitägigen Kanu-Tour die Stechpaddel in das bräunlich schimmernde Wasser der Lahn. Gemächlich gleiten wir durch den Fluss, der im Rothaargebirge entspringt und die hessischen Mittelgebirge Westerwald sowie Taunus durchfließt, bis er bei Lahnstein in den Rhein mündet. So weit geht es für uns nicht. Trotzdem kommen wir an diesem Morgen gut voran. Es ist noch nicht zu heiß an diesem Hochsommertag, und die Arme sind noch ausgeruht. Zu diesem frühen Zeitpunkt sind wir die einzigen auf dem Wasser. Unsere Blicke richten sich neugierig nach vorne, um zu sehen, was hinter der nächsten Biegung wartet.

Unser Autor und sein Neffe legten mit dem Kanadier etwas mehr als 50 Kilometer auf der Lahn zurück. Foto: Clemens Dörrenberg
Schleusen fahren will gelernt sein – doch Hilfe ist meist nicht weit. Foto: Clemens Dörrenberg

Eisvögel, Fische und ein treuer Graureiher

Mein Neffe Luke sitzt vorne im Kanadier. Regelmäßig schaut der Zwölfjährige auf einen laminierten Plan, auf dem zentrale Wegmarken der Strecke, wie etwa die selbst zu bedienenden Schleusen, verzeichnet sind. Ein kleines Spiel ist es für ihn, die Markierungen am Flussufer zu entdecken, die nach jedem halben und vollen erpaddelten Kilometer hinter grünem Gestrüpp auftauchen.

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Die Uhrzeit ist schon länger in den Hintergrund getreten, dafür ist anderes wichtiger geworden. Hinter jeder Kurve wartet Neues. Schließlich zählt der gesamte Uferbereich zum Auenschutzgebiet. Da gibt es Eisvögel und Fische, und einen Graureiher, der uns mit krächzenden Lauten begrüßt und eine ganze Weile vor uns her fliegt. Eindrucksvoll ist es, diese Tiere aus nächster Nähe und dank unseres tief liegenden Kahns fast wie aus der Schneckenperspektive zu beobachten. Während einer Rast am Flussufer begegnet uns auch eine Entenmutter mit ihren drei Jungen. Ziemlich nah schwimmen sie uns vorbei. Das Quartett scheint jedoch mehr an unserem Proviant, als an uns interessiert zu sein.

Alles, was wir dabei haben, ist in wasserdichten Säcken im offenen Kanu verstaut, auch das Zelt, in dem wir an diesem Morgen auf dem Campingplatz in Weilburg erwacht sind. Am Vortag waren wir mit unseren Rädern in der Bahn nach Solms, südlich von Wetzlar, gereist, um dort das Paddel-Abenteuer zu starten.

Die wichtigste Frage, die Luke bei hochsommerlichen Temperaturen interessiert hatte: Kann man in der Lahn schwimmen? Fast überall, hatte Julien Kruse vom Kanuverleiher Lahn-Tours, der uns die Ausrüstung stellt, geantwortet: Nur in zu seichtem Wasser, das wir unterwegs aufgrund des trockenen Sommers des Öfteren sehen sollten, sowie an Stellen mit zu starken Strömungen ginge es nicht, hatte Kruse erklärt, der uns eine Einleitung sowie Sicherheitshinweise mit auf den Weg gegeben hatte. „Drei Tage wird das Kanu euer Zuhause sein“, hatte er gesagt. Sein Kollege Thiemo Walter hatte, an Luke gewandt, gescherzt: „Guck öfter mal, ob hinten auch gepaddelt wird.“ Aber selbstverständlich.

Doch in der Tat kristallisiert sich auf der Lahn heraus, dass ich nicht nur paddle, sondern vor allem mit Kurskorrekturen beschäftigt bin, indem ich das Paddel etwas gegen die Fahrtrichtung drücke. Zu Beginn haben wir Paddel-Anfänger noch Schwierigkeiten, einen gleichmäßigen Takt zu finden. Das legt sich aber.

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Erfrischung bieten nasse Hüte und Badepausen

Lange können wir bei der Hitze nicht bis zur ersten Schwimmpause warten. Also das Kanu kurz unter einem Stein angeleint und ab ins Wasser. Herrlich frisch ist das Nass bei einer Temperatur von etwa 20 Grad vor allem dank der Strömung. Die ist neu für Luke. Im Meer ist er schon geschwommen. Aber eine Flussströmung ist doch etwas ganz anderes: ein großer Spaß. Später, wieder im Kanu, tauchen wir ab und zu unsere Hüte ins Wasser und setzen sie uns zur Abkühlung wieder auf die Köpfe. So haben wir buchstäblich den „nasse‘ Hut uff“, wie‘s auf Hessisch heißt.

Von einem durchschnittlichen Paddel-Tempo von drei bis vier Kilometern pro Stunde hatte Julien Kruse gesprochen und uns empfohlen, Schleusen im Schlepptau anderer Kanuten zu durchfahren und von ihnen bedienen zu lassen. Wer es – wie wir – noch nie gemacht hat, könnte sich nämlich zunächst überfordert fühlen, trotz Bedienungsanleitung. Unglücklicherweise sind am Abend von Tag eins, an dem wir die erste Schleuse unserer Reise erreichen, nirgendwo Kanuten zu sehen. Ein freundlicher Stand Up-Paddler aus der Umgebung schleust uns hindurch. Und auch durch die Doppelschleuse am Weilburger Schiffstunnel, ein Überbleibsel aus Zeiten des Erzabbaus, leitet uns nach unseren erfolglosen Versuchen ein Einheimischer. Dann ist endlich der Zeltplatz in Sicht und das Tagesziel erreicht. Genug Abenteuer für heute.

Am zweiten Tag erleben wir teils sogar Stau an den weiteren drei Schleusen. Mit mehr als einem Dutzend Kanus warten wir dann auf Durchfahrt. Und beim dritten Schiffshebewerk, kurz vor dem Tagesziel bei Runkel, wagen auch wir uns – mit Unterstützung einer Familie aus Berlin – an die Schleusen-Tore, um sie selbständig zu öffnen. Das klappt mit etwas Übung ganz gut und bald ist der nächste Zeltplatz erreicht. So kommen auch wir noch in den seltenen Genuss des eigenständigen Schleusenbedienens, das übrigens ab Limburg elektronisch funktioniert und von Schleusenwärtern übernommen wird. Dort beginnt dann auch der Schifffahrtsverkehr. Davon sind wir aber an diesem schwülen Sommerabend ausreichend weit entfernt. Ohne Schiffe fürchten zu müssen, lassen wir uns dann noch kurz zum abendlichen Abkühlen mit unseren neuen Berliner Freunden durch die Strömung direkt am Campingplatz treiben. Der dritte Tag kann kommen.

Auf einer entspannten Etappe erreichen wir müde, aber glücklich, am Nachmittag des letzten Tages nach etwas mehr als 50 gepaddelten Kilometern unser Ziel unter einer Autobahnbrücke bei Limburg, wo wir Boote und Ausrüstung zurückgeben und uns wieder auf unsere Fahrräder schwingen – natürlich nicht, ohne uns ein letztes Mal in der Lahn zu erfrischen.

Von Clemens Dörrenberg