Cabrera: Im Naturpark vor Mallorcas Küste dürfen Urlauber...

Im Hafen von Cabrera finden sich Spuren menschlicher Besiedelung. Eine Herberge und ein Lokal bewirten dort Gäste. Darüber thront die Burg, die einst zum Schutz vor Piraten diente. Abgesehen davon besteht Cabrera aus weitgehend unberührter Natur.Foto: Fabian von Poser   Foto: Fabian von Poser

María Vidal sitzt auf einem Barhocker im Comedor. Ihr Blick ist gesenkt. Die Sonne gleißt durch die Tür. Der Ventilator bläst gegen die stehende Hitze an. Es ist die Stunde...

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. María Vidal sitzt auf einem Barhocker im Comedor. Ihr Blick ist gesenkt. Die Sonne gleißt durch die Tür. Der Ventilator bläst gegen die stehende Hitze an. Es ist die Stunde des Tages, in der Cabrera in Schweiß zerfließt. Im Fernseher flimmert Fußball. Irgendein Spiel der spanischen Primera División. Aus der Küche dringt das Klirren von Geschirr. Noch sind keine Gäste hier, aber in ein paar Augenblicken werden sie wieder einfallen. Dann bevölkern Dutzende Ausflügler die „Cantina“, das einzige Lokal der Insel. Die meisten werden ein kühles Bier trinken, eine Kleinigkeit essen, einen Kaffee zu sich nehmen und wieder verschwinden.

María muss nicht lange nachdenken. Es war vor 47 Jahren, als sie auf die Insel kam. Am 24. Juli 1968, um genau zu sein. Seitdem verbrachte sie viele Jahre auf Cabrera. Ihre erste Tochter kam mit einem Jahr auf die Insel, die zweite wurde hier geboren. Immer wieder kehrte sie in ihre Heimat, nach Mallorca, zurück. Doch die meiste Zeit verbrachte sie auf der kaum 16 Quadratkilometer großen Hauptinsel, ein Nichts im Marineblau des Mittelmeeres.

Es gibt kaum mehr als ein Dutzend Häuser auf Cabrera. Keine 20 Menschen leben auf dem Archipel mit insgesamt 18 Inseln und Inselchen, deren karstige Kuppen sich leuchtend gelb aus dem Meer schälen: vier Parkwächter der Naturschutzbehörde Ibanat, ein paar Beamte der Guardia Civil und die Vidals.

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Wer in weniger als einer Stunde von Colònia Sant Jordi auf Mallorca mit einem Ausflugsboot übersetzt, der fühlt sich wie in einer anderen Welt. Nur ein paar struppige Büsche wachsen auf den Felsen. Wer Glück hat, der sieht auch ein Exemplar der endemischen Balearen-Eidechse Podarcis lilfordi. Sonst gibt es nicht viel auf Cabrera. Geologisch gehört der Archipel zu Mallorca. Vor etwa 12 000 Jahren wurden die Inseln getrennt. Schon die Phönizier steuerten Cabrera an, später die Römer. Im 14. Jahrhundert baute Aragons Krone eine Burg zum Schutz vor Piratenüberfällen. Noch heute thront sie majestätisch über dem Hafen.

Auch in neuerer Zeit hat die fünfte Balearen-Insel, wie sie viele nennen, eine bewegte Geschichte: Während des spanischen Unabhängigkeitskampfes gegen Napoleon zwischen 1808 und 1814 wurden auf den damals unbewohnten Inseln 9 000 französische Gefangene ausgesetzt – ohne Wasser, Nahrungsmittel und medizinische Versorgung. Mehr als 5 000 von ihnen sind auf Cabrera verhungert. Ein Monument auf der Hauptinsel erinnert daran. Auch in einem kleinen Museum wird der Franzosen gedacht.

Für Besucher ist Cabrera heute ein Idyll. Im Meer um die Insel finden sich riesige Seegraswiesen, seltene Algen- und Korallenarten. Die Gewässer sind die Heimat von Zackenbarschen, Bärenkrebsen und Meeresschildkröten. Wer kommt, der muss strenge Auflagen beachten. Im ganzen Park ist Ankern verboten, Segler dürfen nur die fest installierten Bojen benutzen. Wenige Orte sind für Wanderer frei zugänglich. Auch die Fischerei ist streng reglementiert. „Cabrera ist ein Schatz, wie es ihn im Mittelmeer kaum noch gibt“, sagt Nationalparkdirektor Jorge Moreno Pérez.

Seit einiger Zeit können Touristen auf der Insel auch übernachten. Kaum zehn Gehminuten von María Vidals Cantina, die heute in zweiter Generation von ihren Töchtern María und Cati mit deren Ehemann Llorenç geführt wird, hat die Balearen-Regierung 2014 eine Herberge für 24 Gäste eröffnet. Naturschützer waren über Herberge mitten im Park nicht begeistert. Weil mehr Abfall und Lärm produziert, mehr Energie und Wasser verbraucht werden, wachse der Druck auf den Nationalpark, argumentierten sie. Doch der Erfolg gibt der Regierung recht: Seit der Eröffnung sind die Herbergsbetten so gut wie immer komplett belegt.

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„Der Gegensatz zwischen Erhaltung und touristischer Nutzung sind zwei Gesichter derselben Medaille“, sagt Parkdirektor Moreno. Der Einfluss auf die Natur sei jedoch minimal, weil die Gäste hauptsächlich Naturgenießer seien. Die weniger als 2 000 Personen, die jedes Jahr in der Herberge übernachten, seien im Verhältnis zu den 80 000 bis 90 000 Gästen, die der Park jedes Jahr empfängt, eine verschwindend geringe Zahl.

Sind die Tagesausflügler am späten Nachmittag von der Insel verschwunden, wird es still in der Cantina. Zwei, drei Stunden haben María Vidal und ihre Familie dann Ruhe. Bis die Segler eintreffen. Erst hört man das Knattern der Motorboote, die sie von ihren Jachten an Land bringen, dann das Klirren der Biergläser, dann das Besteck. An der Bar scharen sich dann Touristen mit weißen Leinenhosen und Polo-Hemden und stoßen auf die Inselidylle an. Neuerdings sind immer öfter auch Gäste aus der Herberge dabei. Vielleicht muss sie bald anbauen, denn schon heute quillt die kleine Terrasse ihrer Cantina an den heißen Tagen im Sommer vor Gästen über. Doch daran mag die alte Dame nicht denken. „Denn das“, sagt sie, „überlasse ich besser der nächsten Generation.“

Von W Fabian von Poser