Rad app oder was?

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Mit CarPlay - hier demonstriert auf dem Genfer Autosalon in einem Ferrari FF - will Apple bei der Autoelektronik mindestens Fuß in die Tür bekommen - und wie man den Konzern kennt, weiß man, dass es dabei nicht bleiben wird. Foto: dpa

Mit aller Gewalt drängen Konzerne wie Google oder Apple ins Auto, wollen ihre Software mit der Bordelektronik vernetzen. Natürlich, so sagen Fahrzeughersteller und...

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. Von Lars Hennemann

Neulich haben wir alle herzlich gelacht: Google stellte mit dem mittlerweile üblichen viralen YouTube-Brimborium das erste Auto des Internetkonzerns vor. Es sah aus wie eine völlig verunglückte Kreuzung aus Trabant und Fiat 500. Erkennbare Designvorgabe: Kindchenschema, koste es was es wolle. Bei näherem Hinsehen bleibt einem das Lachen aber zumindest teilweise im Halse stecken. Und zwar schon allein deshalb, weil man mittlerweile wissen sollte, dass Google auf keinem Markt antritt, um nur zu spielen. Google will gewinnen und dabei keine Gefangenen machen. Das Auto ist vielleicht erst einmal nur ein Spielzeug, aber der Sprung ins Auto ist auf jeden Fall geplant, und zwar mit "Android Auto". Und Google ist natürlich nicht allein. Auch Apple ist natürlich längst aus den Startblöcken gekommen. "CarPlay" heißt das System, das "Android Auto" Paroli bieten soll. Noch in diesem Jahr sollen beide marktreif sein, und es gibt praktisch keinen namhaften Autohersteller, der nicht ankündigt, spätestens ab 2015 seine Modelle mit einem der beiden oder beiden Systemen auszurüsten. Oder es bereits tut…

AGB-Lektüre dürfte unvermeidlich sein

Nun hat die Welt ja seit der ersten Smartphone-Euphorie ein wenig dazu gelernt. Deshalb kündigen die Hersteller auch parallel zu ihren Elektronik-Plänen an, dass man beim Datenschutz aber sowas von garantiert gar keine Schlupflöcher lassen werde. Ich bin alles andere als ein Technikfeind, aber sollte ich jemals ernsthaft in die Verlegenheit kommen, über die Anschaffung eines Autos nachzudenken, in dem "Android Auto" oder "CarPlay" verbaut ist, werde ich erstmalig die dazugehörigen AGBs von Anfang bis Ende lesen. Auch wenn diese ausgedruckt 300 Seiten stark und in einem seltenen Dialekt aus Papua-Neuguinea abgefasst sein sollten. Und das nicht nur wegen Google oder Apple, sondern auch wegen der Autohersteller selbst. Die sind in Sachen Datenweitergabe auch keine Chorknaben: Auch die jetzigen oder erst leicht angejahrten Modelle funken nämlich eine Vielzahl von Informationen "nach Hause".

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Das Auto ist kein geschützter Bereich mehr

Über Sinn und Unsinn lässt sich dabei trefflich streiten, und jedes einzelne System, das Daten weiter gibt, ist anders gelagert. Auch gibt es Vorgaben wie beispielsweise das ab 2015 obligatorische eCall-System, die zum Beispiel den Einbau von SIM-Karten und GPS-Prozessoren so oder so unumgänglich machen. Aber Illusionen darüber, dass das Auto noch länger das ist, was es einmal war - ein geschützter Bereich -, sollte sich bitte trotzdem niemand machen. Und jetzt kommen noch Konzerne, die wie Apple oder noch sehr viel stärker Google davon leben, Daten zu sammeln. Reflexhaft betonen alle Autohersteller, dass sich die Kooperation vor allem auf den Infotainmentbereich beschränke und dass die eigentlichen fahrzeugrelevanten Informationen weiterhin von bekannten Technikzulieferern wie Bosch oder Conti kämen. Sprich: Eigentlich bringen "Android Auto" und "CarPlay" nur die bereits vorhandenen Inhalte der Smartphones auf die Displays am Armaturenbrett.

Es gibt keinen besseren Bewegungsmelder

Aber so einfach wird es kaum sein. Mindestens Google ist erkennbar darauf aus, den klassischen Verkehrsfunk abzulösen. Und ich will mir gar nicht vorstellen, was "Android Auto" in Verbindung mit "Google Glass" so alles drauf haben könnte. Bekomme ich, wenn ich schwitze, Werbung für Coca-Cola aufs Display der Brille gespielt? Oder beschließt irgendein Algorithmus, mir nur noch die Fahrt bis zur nächsten Raststätte zu gestatten? Im Ernst: Positionen, Geschwindigkeiten, Lieblingsrouten, Fahrtzeiten - es gibt keinen besseren Bewegungsmelder als ein Auto. Wenn man es dazu macht.

Hersteller auf dem Weg in strategische Falle?

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Wir werden das Internet der Dinge nicht aufhalten, so viel steht fest. Und wie immer muss auch nicht alles schlecht sein. Der Umgang mit dem einen oder anderen Angebot will halt wohl überlegt sein. Das gilt auch und gerade für die Autohersteller selbst, die sich sehr genau überlegen sollten, ob sie nicht auf Dauer in eine strategische Falle laufen. Die Handyhersteller, sofern sie nicht eigene Produkte anbieten wie eben Apple, haben schmerzvoll erfahren, was es bedeutet, sich an Google zu ketten. Was also, wenn ein Auto in den Augen eines Kunden irgendwann nur noch eine rollende App ist? Und werden die Kunden auch die Macken tolerieren, die sie ihren Smartphone-Betriebssystemen zu gestehen? Der Unterhaltungswert eines wackligen Android könnte schlagartig beendet sein, wenn bei Tempo 150 auf der Autobahn mal wieder nach dem nächsten Update giert. Und wieviel Spaß macht ein neues Auto noch, wenn Apple wie bei seinen iPhones das neueste Betriebssystem älteren Modellen verweigert? Vielleicht wird man in nicht allzu ferner Zukunft die wahren IT-Experten daran erkennen, dass sie 20 Jahre alte Rostlauben fahren. Oder neue Ladas.

(Lars Hennemann ist 46 Jahre alt und wuchs in einer Stahlarbeiterstadt auf. Stahlarbeiter, die vor allem für die Autoindustrie zulieferten. Sein Interesse an allem, was sich auf vier Rädern bewegt, ist auch im Zeitalter von Aluminium und Kunststoff ungebrochen. Lars Hennemann ist stellvertretender Chefredakteur der Allgemeinen Zeitung Mainz und des Wiesbadener Kurier.)