Kommentar: Demontage eines Weltkonzerns

aus Im Auto Mobil

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Die Sonde eines Gerätes zur Abgasuntersuchung für Dieselmotoren steckt im Auspuffrohr eines VW Golf 2.0 TDI. Foto: dpa

Man muss in der Geschichte der Automobilindustrie schon ziemlich weit zurückgehen (und würde wahrscheinlich dennoch nicht fündig), um einen für einen Weltkonzern derart...

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. So langsam verzieht sich der erste Pulverrauch in der VW-Abgas-Affäre. Der Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn, noch vor Monaten siegreich im Kampf gegen den Aufsichtsratspatriarchen Ferdinand Piëch, räumt seinen Posten – und mit ihm mehrere Führungskräfte des Konzerns. Dennoch sind zu Beginn der Woche 2 von Diesel-Gate mehr Fragen offen als beantwortet.

Leg´Dich nicht mit der EPA an

Über allen steht die nach dem „Warum“. Jeder, der sich nur ein ganz klein wenig mit Autos und/oder mit den USA auskennt, weiß, dass man sich mit der amerikanischen Umweltschutzbehörde EPA besser nicht anlegt. Wie entweder unglaublich selbstgefällig oder gnadenlos unbedarft müssen die Verantwortlichen für das Schummel-Desaster gewesen sein, um anzunehmen, dass sie mit ihrer mindestens elfmillionenfachen Manipulation nicht auffallen würden? Nicht umsonst spricht der „Spiegel“ in seiner aktuellen Ausgabe von „Selbstmord“ des VW-Konzerns. Dabei ist, um es vorsichtig auszudrücken, der amerikanische Markt ohnehin nicht unbedingt dieselaffin. Um also ein paar tausend (oder meinetwegen zehntausend) Selbstzünder im Land der unbegrenzten Möglichkeiten mehr zu verkaufen, geht man ein solches Risiko ein? Unglaublich!

...und die Konkurrenz war ahnungslos?

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Interessant scheint mir auch folgender Gedankengang zu sein: Kann es sein, dass die VW-Ingenieure fröhlich an den Abgaswerten einiger ihrer Dieselmodelle herum manipulierten, ohne dass die Konkurrenz angesichts der erzielten Fabelwerte misstrauisch wurde? Wenn ich bei Daimler, BMW oder welcher Autofirma auch immer an verantwortlicher Stelle in der Entwicklung arbeiten würde, würde es mich misstrauisch machen, wenn die Motoren eines Wettbewerbers um so viel besser wären als sie nach den Regeln von Physik und Chemie eigentlich sein dürften. Und im nächsten Schritt würde ich mir ein Fahrzeug von VW besorgen und es selbst einer Prüfung unterziehen. Aus der Tatsache, dass dies offensichtlich nicht geschah, mag jeder seine eigenen Schlüsse ziehen…

Jeder Motor unter Generalverdacht

Selbst wenn die Konkurrenz tatsächlich, wie vehement von den jeweiligen Unternehmenssprechern versichert, nicht wie VW die Abgaswerte in den entsprechenden Tests manipulierte, stecken die deutschen Fahrzeugbauer mit im Manipulationssumpf. VW tritt mit dem Markenclaim „Das Auto“ an – ein Großteil der Kundschaft wird es erst einmal nicht so ohne Weiteres glauben, dass nur die Wolfsburger „Dreck am Stecken“ haben. Der Dieselmotor, nein, eigentlich jedes Triebwerk steht jetzt unter Generalverdacht, jede Verbrauchs- und jede Emissionsangabe wird angezweifelt werden. Das passierte bislang zwar auch schon – wer erreicht schon in der Realität jene Verbräuche, wie sie im Labor gemessen werden? –, aber zumindest konnte man bei den Ergebnissen des Testzyklus die Produkte von Hersteller A mit denen von Hersteller B vergleichen, da ja, so glaubte man, mit gleicherlei Maß gemessen wurde.

Eigentlich funktioniert die Technik ja...

Was bei der gesamten teilweise hysterisch geführten Diskussion übersehen wird: Die Volkswägler haben nach jetzigem Kenntnisstand nicht den Schadstoffausstoß an sich manipuliert, sondern dafür gesorgt, dass der Motor „erkannte“, wenn er im Testzyklus fuhr und dabei seine Charakteristika so veränderte, dass sich die Abgasmenge reduzierte. Dafür wurde unter anderem – wiederum nach jetzigem Kenntnisstand – eine signifikant erhöhte Menge des „Emissionsreduzierers“ Adblue zur Abgasnachbehandlung eingesetzt. Ganz schlicht gesagt: Die Technik, Dieselmotoren vergleichsweise sauber arbeiten zu lassen, ist seit Jahren da und funktioniert. Nur hätte das Fahrverhalten (und die Notwendigkeit, ständig Adblue nachfüllen (lassen) zu müssen) wohl viele Kunden vom Kauf solcher Wagen abhalten, die sich auf der Straße aus Fahrersicht so unvorteilhaft und vermutlich wenig spritzig verhalten.

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Entwarnung für EU-6-Triebwerke

Während Verkehrsminister Alexander „Maut“ Dobrindt sich selbst täglich mit Hiobsbotschaften über die Zahl der betroffenen Manipulationsdiesel übertrifft, geht eine weitere wichtige Information im Lärm unter: VW selbst betont, dass modernere Triebwerke, die die EU-6-Abgasnorm erfüllen, nicht von den Mauscheleien betroffen sind. Im Klartext heißt das: Die neueren Aggregate müssen offensichtlich nicht mehr per Schummel-Software auf niedrigere Emissionen gebracht werden, sondern erreichen die Zielwerte auch so. Wenn diese VW-Aussage stimmt, handelt es sich also um ein gelöstes Problem.

Hoch gepokert und verloren

Nicht, dass das die Manipulationen weniger skandalös machen würde. Nicht nur VW, auch die ganze Autobranche und wenn es ganz schlimm läuft der gesamte Industriestandort Deutschland wird sich noch lange an jene denkwürdige Woche erinnern, in der bekannt wurde, dass ein Weltkonzern das Risiko der öffentlichen Demontage einging, hoch pokerte – und verlor.