Hintergrund: Jaguar Land Rover - das gute Gewissen der Branche

aus Im Auto Mobil

Thema folgen
Mehr als ein Head-up-Display. Bei Jaguar Land Rover sollen künftig Fahrinformationen großflächig in die Windschutzscheibe projiziert werden. Foto: Jaguar Land Rover

Es gibt Manager, die machen ihren Job - und es gibt Manager, die brennen für ihren Job. Wer Peter Modelhart, Geschäftsführer Jaguar Land Rover Deutschland, zuhört, merkt...

Anzeige

. Peter Modelhart ist Geschäftsführer von Jaguar Land Rover Deutschland. Und er brennt für seinen Job. Der Auftrag, die beiden legendären Marken voranzubringen, ist für Modelhart nicht Auftrag, sondern Mission.

Dabei lässt die jüngste Erfolgsgeschichte der einst sträflich vernachlässigten Ford-Töchter die Branche aufhorchen. Seit 2008, als Jaguar Land Rover vom indischen Mischkonzern Tata aufgekauft wurde, jagt eine Erfolgsmeldung die nächste. Und das sei erst der Anfang, versprach Modelhart bei einem Hintergrundgespräch im kleinen Kreis. Sein Fazit: "Bei Jaguar und Land Rover handelt es sich um fantastische britische Marken. Das Unternehmen hat sich zu einem Teilnehmer im Markt entwickelt, der ernst zu nehmen ist und der es wissen will."

Die Manager bekamen ein kostbares Gut: Zeit

Eine britische Marke in indischem Besitz - wie kann so etwas zusammengehen? Was 2008 sich für viele Bewohner "der Insel" wie der Untergang des Abendlandes anfühlte (dabei vergaßen die Wehklagenden, dass die vermeintlich urbritischen Marken schon längst in US-Besitz waren), entwickelte sich zum größten Glücksfall für die weitere Geschichte der Raubkatze und des Offroad-Pioniers. Der seinerzeitige Konzernlenker Ratan Tata wird mit dem Spruch zitiert, dass er seine heute mehr als 100 Firmen mit insgesamt 540.000 Mitarbeitern nur besitzen, nicht aber lenken will. Jaguar Land Rover erhielt eine größtmögliche Eigenständigkeit - gepaart mit etwas, was das Unternehmen bis dahin nicht kannte: Tata war nicht an kurzfristigen Erfolgen, sondern an langfristigen Strategien interessiert. Die Manager der beiden britischen Marken bekamen etwas, was heutzutage der größte Luxus überhaupt ist: Zeit.

Anzeige

Milliardengewinne

Und Jaguar Land Rover revanchierte sich für das Vertrauen. Im Geschäftsjahr 2013/2014 erzielten die Briten einen Gewinn von umgerechnet 4,1 Milliarden Dollar. Selbst wenn man davon ausgeht, dass das Unternehmen von diesem Betrag einen gehörigen Anteil an den Fiskus abzugeben hat, so trägt es doch substanziell zum Tata-Konzerngewinn von 5,3 Milliarden Dollar bei.

Beinahe durch die Hintertür wurde Jaguar Land Rover außerdem fast so etwas wie das gute Gewissen der Automobilindustrie. Das Modewort der Nachhaltigkeit erschöpft sich - wie es manchmal bei der Konkurrenz den Anschein hat - bei den Briten nicht darin, den CO2-Ausstoß der Fahrzeuge weitestmöglich zu reduzieren (wobei es gerade hier bei der Weltpremiere des Jaguar XE am 8.9. einen echten Knalleffekt geben wird, aber mehr darf ich nicht sagen, weil ich eine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben musste, die es in sich hat - my lips are sealed). Obwohl sich seit 2007 die Fahrzeugproduktion verdoppelt hat, generiert das Unternehmen heute 37 Prozent weniger Müll und verbraucht 17 Prozent weniger Wasser. Zusätzlich verringert Jaguar Land Rover den in den Fabriken entstehenden CO2-Fußabdruck durch ein globales Offsetprogramm. Das geschehe, so Modelhart, nicht durch irgendeinen Zertifikathandel, sondern durch konkrete Maßnahmen. Bei 50 Projekten weltweit wurde der Ausstoß von mehr als fünf Millionen Tonnen CO2 verhindert - und das Leben von 1,2 Millionen Menschen verbessert.

Konzern fühlt sich der Allgemeinheit verpflichtet

Modelhart ist bewusst, dass gerade letzterer Aspekt in einer industrialisierten Wohlstandsgesellschaft ein wenig seltsam klingt. "Man darf nicht vergessen, dass es sich bei Tata um ein indisches Konglomerat handelt." Der Großteil der Konzerngewinne geht an eine Stiftung, die es sich wiederum zur Aufgabe gemacht hat, bis 2020 zehn Millionen Menschen ein besseres Leben zu ermöglichen und zwei Millionen Menschen Zugang zu Bildung zu verschaffen.

Anzeige

Diese gemeinnützige Verwendung der Tata-Gewinne heißt aber nicht, dass bei Jaguar Land Rover kein Geld für das in der Autobranche so wichtige Thema "Forschung und Entwicklung" übrig bliebe. Im Gegenteil: Allein in diesem Jahr investiert das Unternehmen mehr als 3,5 Milliarden Pfund (4,4 Mrd. Euro) in Produkte und zukünftige Technologien - mehr als jedes andere in England. In den vergangenen zwei Jahren wurden 12.000 neue Stellen geschaffen.

F-Type und Evoque sorgen für neues Image

Gleichzeitig bekommt die Marke ein neues, frisches Image. Die Zeiten, in denen man Jaguar-Besitzer untrennbar mit betagten, wohlhabenden Fahrern in Verbindung brachte, sind passé. Spätestens der Jaguar F-Type, der sich, obwohl erst seit gut einem Jahr auf dem Markt, schon jetzt antritt, das Kult-Erbe des legendären E-Type anzutreten, hat die Raubkatzen-Marke quasi über Nacht verjüngt. Schon vor der Weltpremiere des XE ist abzusehen, dass auch dieses Auto das Segment….aber halt, ich darf ja nichts sagen. Was der F-Type für Jaguar ist, ist der Range Rover Evoque für Land Rover. Seit 2011 ist die sechste Modellreihe des Geländewagenherstellers auf dem Markt - und zeichnet mit 124.292 verkauften Exemplaren in 2013 für fast ein Drittel des Land-Rover-Gesamtabsatzes von 348.338 Exemplaren verantwortlich. Beeindruckend auch die Performance von Jaguar Land Rover insgesamt: Fanden 2009 noch 196.226 Autos der beiden Marken einen Käufer, waren es 2013 425.006 - und das JKahr 2014 schickt sich mit 240.372 Verkäufen von Januar bis Juni an, diesen Wert ein weiteres Mal zu übertreffen.

Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht

Das sprichwörtliche Ende der Fahnenstange ist damit noch längst nicht erreicht. Modelhart kündigt für die Zeit zwischen 2015 und 2020 nicht weniger als 50 Produktneuerungen an. Derzeit entsteht beispielsweise in Wolverhampton ein eigenes Motorenwerk, "Ingenium" genannt, für Jaguar- und Land-Rover-Fahrzeuge. Wenn das seine volle Auslastung erreicht, wird alle 36 Sekunden ein Triebwerk hergestellt. Als Beispiele für Innovationen, auf die sich der Kunde freuen kann, nennt Modelhart das Projekt des selbstlernenden Autos, das sich nach und nach immer besser auf die Gepflogenheiten seines Fahrers einstellt und die virtuelle Windschutzscheibe, auf die großformatig im Augmented-Reality-Stil Fahr- und Navi-Informationen eingeblendet werden.

Händlernetz wird ausgeweitet

Mit dem Wachstum der Doppelmarke geht eine Überarbeitung und Ausweitung des Händlernetzes einher. Die Verkaufsstellen bekommen ein neues, einladendes Design, das einer Corporate Identity folgt, gleichzeitig wird die Zahl der Händler sukzessive erhöht, um die Marktabdeckung in Deutschland von 65 auf 85 Prozent zu steigern. Wer würde dem Deutschlandchef angesichts dieser Pläne nicht glauben, wenn er sagt: "Wir sind vernarrt in diese Marken, es ist wie ein Virus, das einen nicht mehr loslässt."