Geburtstagsfeier im Rotlichtmilieu: Die Ampel wird 100 Jahre alt

aus Im Auto Mobil

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Für die Lichtzeichen dieser historischen Ampel am Potsdamer Platz interessieren sich weder Fußgänger noch Rad- oder Autofahrer. Foto: dpa

Manche sehen buchstäblich rot, wenn die Rede auf die Ampel kommt. Die Wechsellichtzeichenanlage, wie das Gerät im schönsten Behördendeutsch heißt, ist ebenso unbeliebt wie...

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. "Eine Ampel ist ein grünes Licht, das sich beim Näherkommen in ein rotes verwandelt." Nur ein harmloser Witz? Das Verhältnis der Verkehrsteilnehmer zur Ampel, deren erstes Exemplar am 5. August 1914 in Cleveland (US-Bundesstaat Ohio) sein endloses Farbenspiel begann, ist nicht das beste. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Innofact im Auftrag von Autoscout 24 brachte zum Beispiel zutage, dass 54 Prozent der Verkehrsteilnehmer der Meinung sind, die Rotphasen dauerten zu lange (über zu lange Grünphasen hat sich erstaunlicherweise niemand mokiert). 45 Prozent der Interviewten empfinden es nicht als das Gelbe vom Ei, dass man bei Rotlicht warten muss, auch wenn weit und breit kein anderes Fahrzeug in Sicht ist. Mehr Kreisverkehre müssten her, so meinen 39 Prozent der Befragten - und die Ampel gehöre aufs Altenteil.

1,5 Millionen Exemplare

Aber mal langsam mit den jungen Pferde(stärke)n. Können Sie sich vorstellen, dass solche Kreisverkehre immer und überall die Funktion der Rot-Gelb-Grün-Leuchten übernehmen könnten? Ich nicht. Ungefähr 1,5 Millionen Ampeln bilden Deutschlands Rotlichtmilieu. Wenn man davon ausgeht, dass an einer Kreuzung vier davon stehen, macht das 375.000 Kreisverkehre.

Ich weiß, dass diese Überschlagsrechnung hinkt. Wer aber der Ampel die rote Karte zeigen möchte, sollte einmal mit dem Auto über die Umgehungsstraße einer beliebigen mittelgroßen spanischen Stadt fahren. Hier gibt es tatsächlich keine Wechsellichtzeichenanlagen (wie die wohl im Behördenspanisch heißen?). Dafür folgt Kreisverkehr auf Kreisverkehr - und nach zehn, 15 Minuten hat man einen Drehwurm. Ob man so schneller vorankommt? Ich wage das zu bezweifeln und lobe mir meine Grüne Welle.

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Kommunikation mit sich nähernden Autos

Die Ampel von heute hat mit dem Urahn aus Cleveland, der stoisch von Grün auf Rot und von Rot auf Grün wechselte, ohnehin nicht viel gemein. Zeitschaltgesteuert verändert sie schon heute die Grünphasen abhängig von immer wiederkehrenden Verkehrsmustern. Gegenüber den Wechsellichtzeichenanlagen (ich liebe dieses Wort!) der Zukunft wiederum wird die Ampel von heute schon bald wie ein Relikt aus alten Zeiten aussehen. In nicht allzu ferner Zeit werden nicht nur Ampeln miteinander kommunizieren ("Pass auf, ich schick Dir grad nen ganzen Schwung Autos rüber, bleib mal ein bisschen länger grün"), sondern auch mit den Autos in der Umgebung. Wenn sich ein Fahrzeug einer Kreuzung nähert und weit und breit kein kreuzender Verkehr "in Sicht" ist, bekommt der einsame Fahrer ein grünes Licht angezeigt, auch wenn eigentlich grad die Rotphase dran wäre. Um Nahverkehrsbusse attraktiver zu machen, können deren Fahrer sich schon heute ihre Route auf Knopfdruck "freigrünen", der Individualverkehr sieht dann buchstäblich rot.

Was ist mit dem grünen Pfeil passiert?

Wenn ich eines nicht verstehe, dann das: Warum hat der grüne Pfeil bei uns keine Zukunft - zumindest im Westen der Republik nicht? Bei Rotlicht nach rechts abbiegen zu dürfen, wenn das ungefährlich ist, würde die ablehnende Haltung zur Ampel vielleicht ändern. Der grüne Pfeil bringt nichts? Positive Erfahrungen zum Beispiel aus den USA widerlegen diese Einschätzung. Dort haben Paketdienste die Navis ihrer Auslieferungsfahrzeuge inzwischen umprogrammiert und lassen die Fahrer im Schachbrettmuster amerikanischer Straßen statt einmal nach links lieber dreimal nach rechts abbiegen. Auf diesem hausgemachten "Rechteckverkehr" kommt man offensichtlich schneller voran.

Bleibt nur zu hoffen, dass meine Lieblingsampel angesichts der Lobrede auf ihre Dienstkollegen jetzt nicht vor Scham dauerrot wird - und ich deshalb zu spät nach Hause komme.