Ford entwickelt den wohl teuersten „Schlafanzug“ der Welt

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Diese zusammen 20 Kilogramm schweren Attribute sorgen dafür, dass aus einem fitten Autofahrer ein müder Pilot wird. Foto: Axel Keldenich

Beim Modegeschäft um die Ecke wird man diesen „Schlafanzug“ wohl nicht finden – und wenn, würde er wahrscheinlich das Shopping-Budget sprengen. Der „sleep suit“ von...

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. Von Axel Keldenich

Ford hat seinen Forschungs-Kleiderschrank erweitert. Nach dem „Third-Age-Anzug“, der die Beeinträchtigung älterer Menschen simuliert und dem „Drogen-Anzug“, der die Folgen einer Fahrt unter Drogeneinfluss zeigt, arbeiten die Entwickler jetzt auch mit dem „sleep suit“. Zu diesem Schlafanzug gehören eine dunkle Brille, eine Weste, zwei Armbänder, ein Band um die linke Wade und ein Helm, alle zusammen genau 20 Kilogramm schwer. Sie machen aus einem fitten Autofahrer einen übermüdeten. Und sie dienen den Ingenieuren nicht nur dazu, sich in den Zustand der Müdigkeit am Steuer zu versetzen, sondern Ford setzt den Anzug auch im Rahmen des kostenlosen Fahrertrainings „Vorfahrt für Deine Zukunft“ ein. So wird jungen Fahrern in der Praxis simuliert, dass die Beeinträchtigung durch schläfriges Fahren die gleichen Gefahren birgt wie Fahren unter Alkohol-Einfluss.

Wie funktioniert denn nun der gemeinsam mit dem Meyer-Hentschel Institut entwickelte Anzug? Hat der Proband die Bandagen angelegt und den Helm aufgesetzt, kommt noch eine dunkle Brille hinzu. Mit einer Smartphone-App verbunden kann sie drei Zustände des sogenannten „Sekundenschlafs“ vortäuschen. Dabei handelt es sich um eine unkontrollierbare Reaktion auf fortgeschrittene Müdigkeit. Er kann dazu führen, dass Autofahrer während der Fahrt für zehn Sekunden oder länger die Augen schließen und dabei über eine Strecke von Hunderten von Metern quasi blind und nicht konzentrationsfähig sind. Möglicherweise haben sie anschließend nicht mal eine Erinnerung an dieses gefährliche Kurzereignis.

Erinnerungen an die „Bird Box“-Challenge

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Die Brille kann genau dies simulieren. Sie kann so eingestellt werden, dass der Fahrer für zunächst eine halbe Sekunde lang effektiv nichts vor sich sieht, gefolgt von immer längeren Zeiträumen bis zu zehn Sekunden. Im Versuch müssen die Teilnehmer währenddessen über eine Linie geradeaus und um zwei Ecken laufen. Wo eine abgesperrte Strecke verfügbar ist, können sie das unter Assistenz eines Beifahrers auch am Steuer probieren. Das erinnert an die derzeit fatalerweise im Netz so beliebte „Bird Box“-Challenge, bei der man mit verbundenen Augen eine mehr oder minder schwere Aufgabe erfüllt, hat aber natürlich einen viel ernsthafteren Hintergrund.

Als Lehre aus dem im „sleep suit“ Erlebten sollten Autofahrer, die während der Fahrt starke Müdigkeit verspüren an der nächsten sicheren Möglichkeit rechts heranfahren, und ein zwanzig Minuten langes Nickerchen machen.

(Axel Keldenich, der Autor dieses Blogeintrags, arbeitet als freier Journalist für Tageszeitungen und Magazine.)