E-Golf sucht sich allein seinen Weg im Parkhaus

aus Im Auto Mobil

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Ein solcher Tankroboter könnte die immer schwerer und sperriger werdenden Kabel mit dem E-Auto verbinden. Foto: Chowanetz

In jüngster Zeit machten vor allen Dingen die deutschen Premiumhersteller beim Thema "Autonomes Fahren" von sich reden. Nun aber holt VW deutlich auf. In Amsterdam lassen sie...

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. Leugnen ist zwecklos: Bei Journalisten gibt es eine gewisse Phrasenkultur, unausrottbar und je nach Sichtweise amüsant oder ärgerlich. Veranstaltungshallen sind "bis auf den letzten Platz gefüllt" (man fragt sich, warum diesen letzten Platz niemand einnehmen wollte), Karikaturisten arbeiten stets "mit spitzer Feder" (wie groß da wohl das Verletzungsrisiko ist…) und bei eigentlich jedem Bauprojekt ist die Rede von "explodierenden Kosten" (Deckung!). Auch ich bin nicht frei von der Phrasenversuchung. Wie oft wollte ich schon bei Terminen, bei denen Autohersteller einen Ausblick in die nähere oder fernere Zukunft ermöglichen, von "Szenen wie aus einem Science-Fiction-Film" schreiben. Immer habe ich mich im letzten Moment zurückgehalten, weil der Passus, einmal verwendet, anschließend lange, lange im Phrasenschrank auf seinen nächsten Einsatz warten muss. Nun geht es aber nicht anders: Was Volkswagen bei der Präsentation des Plug-in-Hybriden Passat GTE in einem Amsterdamer Parkhaus demonstrierte, waren Szenen wie aus einem Science-Fiction-Film. So. Nun ist es heraus.

Wie von Geisterhand

Zu berichten, dass Premium-Hersteller wie BMW oder Mercedes den Marktstart von Autos vorbereiten, die sich autonom, also ohne eine Person am Steuer, in noch so enge Parklücken hineinmanövrieren oder aus ihnen heraus, ist die eine Sache. Aber zu sehen, wie sich ein VW Golf wie von Geisterhand gesteuert (sorry für eine weitere Phrase…) den Weg durch ein Parkhaus selber sucht, und dann nicht nur einparkt, sondern auch noch in exakter Position über einem Induktionsfeld stehenbleibt, um kabellos neuen Strom zu tanken, ist dann doch noch einmal etwas völlig anderes. "Volkswagen strebt die Führungsposition im Bereich des automatisierten Fahrens an", heißt es in dem Pressetext zum "V-Charge" genannten Projekt - und Augenzeugen werden wohl bestätigen: Ja, das könnte klappen. Apropos Augenzeugen: Die liefen bei der Präsentation nicht Gefahr, umgefahren zu werden, selbst wenn sie sich dem e-Golf in den Weg stellten. Der hält an, wartet zunächst brav und macht dann durch Lichtsignale deutlich, dass er, bitteschön, jetzt gerne wieder freie Fahrt hätte. Oder wie es ein menschlicher Fahrer ausdrücken würde: "Schleich Dich!"

Äußerst präzises Kartenmaterial

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Der Aufwand scheint beträchtlich: Vier Weitwinkel- und zwei 3D-Kameras, zwölf Ultraschallsensoren, extrem präzises Kartenmaterial und die "Car2X"-Technologie, bei der der Wagen mit der Infrastruktur kommuniziert, sorgen dafür, dass der e-Golf immer exakt weiß, wo genau er sich befindet - und was um ihn herum geschieht. Die meisten der Kameras und Sensoren sind aber ohnehin an Bord - für Systeme wie beispielsweise den Citybrems-Assistenten oder den Abstandhalter ACC.

V kommt von "Valet-Parking"

Wenn das noch nicht genug Science-Fiction ist, bekommt gerne noch mehr davon. Der V-Charge-Golf (das V steht übrigens für Valet, das besonders in den USA beliebte Valet Parking, bei dem man - etwa beim Restaurant-Besuch - vorfährt und der Wagen von einer Servicekraft zum Parkplatz gebracht wird) sucht sich nicht nur seinen Parkplatz, auf dem er sich auflädt. Ist die Batterie wieder voll und lässt der Fahrer des Wagens noch auf sich warten, parkt der Stromer aus und sucht sich einen anderen Parkplatz ohne Ladefunktion, damit auch andere Elektrofahrzeuge Strom "tanken" können. Immer noch nicht überzeugt? Dann denken Sie sich das Parkhaus einfach weg. Das Volkswagen-Versuchsfahrzeug darf sich schon jetzt auch im sogenannten "Mischverkehr" bewegen, weil es sozusagen einen 360-Grad-Überblick über das Geschehen in seinem Umfeld hat. Die extrem hochaufgelösten Karten, die die Universität Oxford erstellt, muss es ja nicht unbedingt nur für ein Parkhaus geben. Später könnten Straßenzüge, Stadtteile, Städte, Regionen, Länder folgen. Und dann hat man autonomes Fahren in Reinkultur.

Grobe und filigrane Aufgabe zugleich

Bei dieser einen "Science-Fiction-Szene" im Parkhaus belassen es die VWler nicht. Sie präsentieren auch noch das Projekt "e-smartConnect". Die Kapazität von Elektroauto-Batterien wird in der nächsten Generation der Stromer deutlich größer sein. Um die Energiespeicher in akzeptabler Zeit mit Strom "befüllen" zu können, sind deshalb Kabel mit größeren Querschnitten nötig. Die wiederum erreichen langsam ein Gewicht und eine Steifigkeit, die für die meisten Menschen nur noch mit Mühe zu handhaben sind. Deshalb soll künftig ein Roboter die Ladestation, DC-Connector, und das Auto verbinden. Prototypen eines solchen Tankroboters funktionieren für die gleichermaßen grobe wie filigrane Aufgabe, die er hat (ein schweres Kabel in eine Ladebuchse einzuführen), beeindruckend präzise. Besonders amüsant ist, wie der Roboter, dem irgendwie noch der passende Spitzname fehlt, nach dem Ladevorgang die Tankklappe mit einem Stubs wieder zufallen lässt.

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Die höhere Kapazität und Energiedichte künftiger Batteriegenerationen soll übrigens eine Reichweite von 500 Kilometern bei Elektrofahrzeugen ermöglichen. Und das klingt angesichts heutiger Werte von maximal 200 Kilometern nun wirklich wie Science-Fiction.